Die ersten 100 Tage – einmalig oder durch Wiederholung noch besser?

Viele Führungskräfte und UnternehmerInnen bewegen sich permanent in einem Spannungsfeld zwischen den Erwartungen seitens der Mitarbeitenden, Vorgesetzten, der Geschäftsleitung, Business PartnerInnen, Stakeholdern und KundInnen. Insbesondere die ersten 100 Tage in einer neuen Führungsposition sind entscheidend – das kommt bestimmt auch Ihnen bekannt vor. Diese Zeitspanne verlangt nach Struktur und einem guten Plan. Das eigene Handeln und die selbst gesteckten Ziele sollten dabei laufend kritisch reflektiert werden. Doch was ist, wenn Sie schon 10, 15 oder 20 Jahre im Unternehmen sind? Zählt dann noch das, was vor x-Jahren in den ersten 100 Tagen erarbeitet haben?
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Die ersten 100 Tage erleben wir in der Regel nur einmal im Unternehmen. Das impliziert, dass sich danach eine gewisse Routine einstellt – doch in einer disruptiven und von Umbrüchen geprägten Welt gilt es sich die Frage zu stellen, ob wir nicht öfter die ersten 100 Tage erleben sollten. Der Gedanke daran mag bei einigen Unwohlsein auslösen, denn die erste Zeit im Unternehmen wird oft mit großen Herausforderungen verbunden, es gab die ein oder andere schlaflose Nacht und man ist froh, diese Zeit hinter sich zu haben und mittlerweile einer Routine zu folgen.

Zeiten ändern sich, Grundsätzliches bleibt 

Als ich mit Walter Kohl in unserem gemeinsamen Podcast über das Thema der ersten 100 Tage sprach, kam die klare Aussage, dass er ein Feind der Routine ist. Denn ein „das haben wir schon immer so gemacht“ ist ein gutes Rezept für eine Katastrophe. Gerade in einer Zeit, in der sich die Wahrheiten von gestern nicht länger behaupten können und wir zum Teil auch nicht wissen, was die Wahrheit von morgen ist, sei es ein guter Ansatz, noch einmal zu den ersten 100 Tagen zurückzukehren. Das bedeutet nicht, dass die Fragen von damals wiederholt werden müssen, sondern sie auf eine neue Ebene zu heben. Die vergangenen zweieinhalb Jahre haben deutlich gezeigt, dass sich Arbeitsbedingungen, Abläufe, der Markt, Formate usw. massiv verändert haben und vor diesem Hintergrund werden auch die Antworten anders ausfallen als 2019 oder Anfang 2020. Ein Teil der validen Fragen ist nach wie vor: 

  • Wie gebe ich Orientierung? 
  • Warum braucht die Firma mich in dieser Funktion?
  • Was ist mein Beitrag großen Ganzen in der Firma? 
  • Was kann ich aus meinem Beitrag auch im Sinne von Fordern und Fördern an meine Leute, an mein Team und meine Mitarbeitenden weitergeben? 

Bei der Beantwortung dieser generellen Fragen ist ein Bruch mit Routinen hilfreich. Wobei es auch zu trennen gilt, ob es die wirklichen ersten 100 Tage im Unternehmen sind oder Sie schon länger in Ihrer Position sind. Denn mit der Zeit haben sich selbstverständlich auch einige Lernkurven definiert. Um zu veranschaulichen, wie sich Routine auswirkt, hat Walter Kohl einen Witz aus seiner Zeit in einem Kölner Handelsunternehmen parat: 

Zwei Manager stehen an einem Sägeblock und sägen wie wahnsinnig an einem großen Stück Holz. Aber es geht nicht wirklich voran. Da kommt ein Dritter vorbei und sagt: „Was macht ihr denn da?“ Schweißüberströmt stöhnen sie: „Ja, wir sägen wie verrückt, wir sägen und sägen und sägen.“ Und dann sagt der Dritte: „Aber warum nutzt ihr denn kein scharfes Sägeblatt?“ Die Antwort der beiden: „Wir haben keine Zeit für sowas, wir müssen sägen, sägen, sägen.“

Das bringt auf den Punkt, warum ein erneutes Hinterfragen wo gewissen Themen notwendig ist. Sie müssen nicht noch einmal die komplette Zeitspanne von 100 Tagen investieren, aber die innere Uhr auf null zu stellen und sich zu überlegen, bin ich in meinem Tun noch richtig, eröffnet ganz neue Möglichkeiten. 

Bin ich als UnternehmerIn noch auf dem richtigen Weg?

Eine Frage, bei der in den meisten UnternehmerInnen jetzt ein Kribbeln aufsteigt, ist: Bin ich noch der oder die Richtige an dieser Stelle oder braucht es eine andere Richtung? Die erneuten 100 Tage bedeuten auch, sich selbst infrage zu stellen. Ein konkretes Beispiel dazu liefert Manuel Herder, Verlagseigentümer des Herder Verlags und guter Freund von Walter Kohl. Da er selbst in der Öffentlichkeit davon spricht, wollen wir seine Geschichte hier aufgreifen. Manuel Herder ist Mitte 50, hat den Verlag von seinem Vater übernommen und ihn 25 Jahre lang geführt. Zu Beginn seiner Tätigkeit gab es große Themen, wie zum Beispiel ob ein Verlag eine eigene Druckerei braucht. Und jetzt sagt er von sich, dass er nicht in der Lage ist, die Digitalisierung zu packen, da er selbst nicht aus der Zeit kommt und dafür zu alt ist. Er hat sich aus Geschäftsleitung zurückgezogen, ist nicht mehr Teil davon und hat zwei junge Nachwuchsmanager gezielt entwickelt, den Umstieg auf die Digitalisierung zu meistern. Er selbst hält sich im Hintergrund. Was für ein gewaltiger Schritt für einen Unternehmer und was für eine Selbsterkenntnis. Es braucht eine ganze Menge Mut das durchzuziehen und als InhaberIn, Geschäftsführer oder Führungskraft zu sagen: Ich gehe in zweite Reihe und ich bin an dieser Stelle nicht mehr der oder die Richtige. 

Der Blickwinkel ändert sich

Bleiben wir noch einmal kurz bei diesem Beispiel und stellen uns vor, Manuel Herder hätte sich aktuell bei sich selbst beworben und den Job als Geschäftsführer bekommen. Wäre er dann in der Lage – Stichwort die ersten 100 Tage – die Herausforderungen des Verlagswesens in der heutigen Welt mit Bezug auf die Digitalisierung zu meistern? Im ersten Moment ist man als Manger oder Führungskraft für die ersten 100 Tage vermeintlich der oder die Richtige, weil sonst hätte man den Job nicht bekommen. Wer allerdings schon seit 10, 20, 25 Jahren im Unternehmen ist, sollte sich kritisch fragen – bin ich noch immer der oder die Richtige für diese Position? Das eröffnet mit einem Mal einen völlig neuen Blickwinkel auf die ersten 100 Tage. Manuel Herder ist natürlich ein Extrembeispiel dafür, aber dennoch sollten sich auch UnternehmerInnen, Geschäftsführende oder Führungskräfte nach einem gewissen Zeitraum erneut hinterfragen. 

Klappe die Zweite 

Wer neu in ein Unternehme kommt, blickt zunächst in die fragenden Augen der Mitarbeitenden, KollegInnen und Vorgesetzten. Die Frage „Was ist das für einer?“ steht im Raum. Diese können wir uns aber auch immer wieder, unabhängig von der Zeit, stellen. Gehen wir zurück in den Erste-100-Tage-Modus können wir zum Beispiel mit einem 360-Grad-Review beginnen. Was sagen die Menschen im Unternehmen über mich? Und vor allem Dingen bekomme ich eine ehrliche Antwort? Es ist wie im Hollywood-Film, bei dem jetzt die zweite Klappe kommt. Wir können uns fragen, was sich weiterentwickelt hat oder was gut ist und bleiben kann. In meinen Coachings stelle ich InhaberInnen und Führungskräften gerne die Fragen, was sie von ihren Mitarbeitenden erwarten, was ihren Führungsstil kennzeichnet oder was sie unter Eigenverantwortung verstehen. Solche und weitere Fragen sollten wir uns immer wieder in regelmäßigen Abständen stellen, um zu reflektieren. Dazu zählt auch die nach dem richtigen Kurs, also bin ich noch auf Kurs? Das Beispiel von Manuel Herder zeigt, welche Konsequenzen es haben kann, sich diese Frage ehrlich zu beantworten, denn vielleicht segelt mittlerweile jemand besser als ich. 

Ein weißes Blatt Papier 

Der erste Tag: morgens um 8:00 kommt Sie als neuer Manager oder neue Geschäftsführerin durch die Tür. Sie haben damit einerseits ein weißes Blatt Papier vor sich und können alles gestalten. Auf der anderen Seite schwingt wahrscheinlich noch eine gewisse Unsicherheit mit. Es lohnt sich, nach einigen oder auch vielen Jahren noch einmal zu diesem Moment, zu diesem weißen Platt Papier zurückzukehren. Nicht nur nach außen, in Richtung der Mitarbeitenden, KollegInnen oder KundInnen, sondern auch nach innen. Es gilt somit, sich selbst zu hinterfragen: Bin ich noch mit meinem Handeln im Unternehmen und mit meiner familiären und persönlichen Konstellation zufrieden? Was würden Sie tun, wenn sie noch einmal zu dem magischen Moment zurückehren könnten, an dem Sie morgens um 8:00 zum ersten Mal das neue Unternehmen betreten? Was würden Sie, auch für sich selbst, anders machen? Es gibt einmal die Punkte, die nach außen getragen werden, aber es muss auch in einem selbst als Mensch, als Führungskraft stimmen. Das hat sehr viel mit Selbstreflexion zu tun, damit was einen ausmacht, welche Themen man selbst für wichtig erachtet und vor allen Dingen an welchen Stellen. Das wiederrum mag sich in verschiedenen Lebensphasen verändern, in denen die Sinnhaftigkeit noch einmal eine ganz andere und neue Bedeutung bekommt – auch in der Funktion als Führungskraft. Die Antworten auf die Fragen: „Was macht Sie glücklich? Was gibt Ihnen Kraft? Was bereitet Ihnen Freude?“ werden sehr wahrscheinlich anders ausfallen als noch vor einigen Jahren. Gehen wir in die zweite oder vielleicht sogar dritte Runde der ersten 100 Tage, dann möchten wir heute zum Beispiel viel besser delegieren können, wir legen mehr Wert auf eine zweite Ebene in den Teams und wollen weniger im und mehr am Unternehmen arbeiten. Wer sich einen Reset gönnt und zu den ersten 100 Tagen zurückkehrt, kann noch einmal ganz bewusst über verschiedene Punkte nachdenken. Das ist herausfordernd und nicht immer ganz einfach, es mag auch Widersprüchlichkeiten hervorrufen, aber dennoch ist es ein Schritt, der sich lohnt, sowohl für Sie persönlich als auch für Ihr Unternehmen. 

Das Leben ist ein Theater

In diesem Zusammenhang gibt es eine interessante Übung aus dem Coaching. Wer ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Person im Theater? Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, darüber nachzudenken. Sind es die SchauspielerInnen, die TechnikerInnen, die ZuschauerInnen, die SouffleurInnen? Nicken Sie jetzt schon, muss ich Sie enttäuschen, denn die wichtigste Person findet sich in der Regie. Wir Menschen sind sowohl die Autoren als auch die Akteure und Regisseure unseres Lebens. Wenn wir das jetzt in Verbindung mit den ersten 100 Tagen bringen und diese Übung wiederholen, dann haben wir die Chance, unsere Story noch einmal neu zu schreiben. Das heißt, wir stellen in unserer Autoren-Rolle eventuell ganz andere Fragen. Damit diese auch auf der Bühne ankommen, ist die Frage, wer in der Regie die Fäden in der Hand hält. Oft wünscht man sich nach einer gewissen Zeit auch, ein ganz anderes Leben, denn man spürt, dass man in einer Sackgasse steckt oder Ähnliches. In einer solchen Situation bietet der Reset-Knopf für die ersten 100 Tage durchaus eine Möglichkeit, Dinge anders zu gestalten. Dazu braucht es allerdings die Erkenntnis, wer eigentlich auf dem Regiestuhl sitzt. 

„Leben oder gelebt werden?“

Mit der Zeit mögen sich ein paar Dinge auf dem Regiestuhl einnisten, die es uns verwehren, unser Leben und unsere Führungsrollen zu gestalten. Da hat es sich ein „Das haben wir immer schon so gemacht“ neben Befürchtungen bequem gemacht. Und sollte diese einmal Pause haben, kommt die Sorgen und Ungewissheit, um den Platz einzunehmen. Und wie wir am Beispiel von Manuel Herder sehen, braucht es eine ganz Menge Mut, den Regiestuhl selbst zu übernehmen. Und sogar noch mehr, um das zu Kommunizieren und vielleicht sogar öffentlich zu machen, so wie er es getan hat. Wir können daraus auch für uns etwas ableiten, indem wir die richtigen Fragen stellen und anschließend den daraus resultierenden Erkenntnissen, ehrlich gegenüberstehen, um eine souveräne Entscheidung zu treffen. Denn nur dann schreiben wir unsere eigene Story. 

 


Fazit: Ein Plädoyer für die 100 Tage 

Die Magie des ersten Moments wird sich noch einmal ganz neu manifestieren, wenn wir uns die Freiheit nehmen, immer wieder die ersten 100 Tage neu zu gestalten. Es hilft uns, die richtigen Fragen zu stellen und kritisch unser Handeln in der Führungsrolle zu hinterfragen und zu reflektieren. Das kann ich jedem Unternehmer, jeder Unternehmerin, allen InhaberInnen und Führungskräften nur empfehlen.