| Ben Schulz

Resilienz – brauchen wir das wirklich?

Fast jeden Tag höre ich das Wort Resilienz. Es begegnet mir an allen Ecken und Enden. In Zeitschriften, online und in Gesprächen. Die Rede ist von der resilienten Organisation, der resilienten Führungskraft oder dass wir selbst resilient sein müssen. Doch brauchen wir das wirklich? Bereits während der Corona-Krise habe ich erlebt, dass die Menschen zunehmend energielos sind. Dieser Zustand hat sich noch weiter verschärft. Wir leben in einer Zeit der Mutlosigkeit. Ja, es scheint fast so, als hätten einige bereits komplett aufgegeben und die Hoffnung verloren.
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Um uns herum tobt das Chaos. Und egal ob als Privatperson, ArbeitnehmerIn, UnternehmerIn oder Führungskraft – viele wissen nicht damit umzugehen. Sie fallen in ein emotionales Loch, das teilweise schon depressive Züge annimmt. Wichtig ist es jetzt vor allem Resilienz und innere Stärke zu entwickeln, um den Umgang mit den heutigen Themen zu meistern.

Keine Orientierung

Früher setzten die Menschen vor allem auf drei Säulen, um Orientierung in der Welt zu finden: Spiritualität, Politik oder die Nachrichten bzw. Medien. Doch, wenn wir ehrlich sind, gibt es dort schon lange keine echte Orientierung mehr. Die zahlreichen Austritte aus Kirchen, Missbrauchsfälle und Geldverschwendung sorgen dafür, dass sich die Menschen von der Religion abwenden. Auch die Politik hat keine Antworten auf die heutigen Fragen. Es gibt keinen klaren Kurs Richtung Zukunft. Stattdessen herrschen auch hier Chaos und Uneinigkeit. Und von den Medien möchte ich gar nicht erst anfangen. Fakenews überschwemmen das Internet und selbst der einst seriöse Journalismus von namhaften Zeitungen und Fernsehsendern ist aktuell mehr als unglaubwürdig. Wer sich noch darauf verlässt, hier die Wahrheit zu erfahren, ist verlassen.

Mir kommt es so vor, als leben wir in einer Zeit, die der nach dem Zweiten Weltkrieg gleicht. Wir sind im Wiederaufbau nach Corona. Was wir eigentlich bräuchten, sind Innovationsgeist, Optimismus und die Erwartung, eine bessere Zukunft zu schaffen. Das kollidiert allerdings mit der allgemeinen Mut- und Energielosigkeit. Und damit, dass die jungen Generationen gar nicht mehr wissen, wofür sie das tun. Es ist auch hier unsere Aufgabe als Eltern oder erfahrenere Generation den Jungen beizubringen, was es bedeutet, resilient zu sein. Das hat meiner Meinung nach nichts damit zu tun, sich an die Straße zu kleben, sondern viel mehr mit Selbstführung und Selbststeuerung. Es geht darum, wie wir mit dem Chaos umgehen können, das uns begleitet.

Ich habe schon oft über die Themen Selbstführung, Handlungsfähigkeit und Wirksamkeit gesprochen. Der Kernpunkt hierbei ist nicht die Veränderung im Außen, denn diese werden uns immer begleiten. Die Frage ist vielmehr, wie wir damit umgehen. Wer nicht an sich und seiner Selbstführung arbeitet, wird über kurz oder lang einknicken. Resilienz ist die neue Meta-Kompetenz für jeden persönlich, in allen Rollen und Funktionen, in denen wir unterwegs sind, sei es in der Familie, in der Organisation, in Teams oder gesellschaftlich.

Resiliente Organisationen: Wir brauchen Stabilität und Orientierung

Auch für Unternehmen spielt Resilienz eine immer größere Rolle. Im ETL Mittelstandskompass werden seit 2021 jährlich aktuelle, besonders relevante Themen und Erfolgsfaktoren für den Mittelstand untersucht. In diesem Jahr befasst sich der Mittelstandskompass vor dem Hintergrund der zahlreichen Krisen mit dem Thema Resilienz. Dort gaben zum Beispiel 57 % der Befragten an, dass die Bedeutung von Resilienz zugenommen hat, ebenso wollen 47 % mittelfristig Maßnahmen zur Erhöhung der Resilienz ergreifen.

Wie wichtig das ist, zeigt sich gerade jetzt, da die Rückzahlungen der Corona-Hilfen fällig werden. Teilweise handelt es sich um sechsstellige Beträge. Kein Wunder, dass manche UnternehmerInnen da die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. In Zeiten von Chaos und Unsicherheit brauchen Unternehmen Widerstandsfähigkeit. Ein essenzieller Baustein für die Resilienz in Organisationen ist das Unternehmensleitbild. So sieht es auch der Mittelstandskompass, in dem es heißt: Ein Leitbild sagt mehr als tausend Worte in Krisenzeiten. Dort wird festgehalten, welche grundlegende Mission verfolgt wird. Ein starkes, überzeugendes Leitbild trägt zur Identifikation der Mitarbeitenden mit ihrem Unternehmen bei. Es dient als belastbarer Orientierungsrahmen, insbesondere in Krisenzeiten. Zugleich ist das Leitbild ein Anker und Bezugspunkt, der Orientierung und Stabilität vermittelt. Erhöhen Sie die Resilienz Ihres Unternehmens, indem Sie ein klares und motivierendes Leitbild formulieren und kommunizieren, das von den Mitarbeitenden mitgetragen wird und auch in Krisenzeiten Orientierung bietet.

Vereinfacht gesagt, geht es heute um die Überlebensfähigkeit von Organisationen. Um ihre Resilienz. Um die Flexibilität und den Umgang mit dem Chaos. Und das ist im Endeffekt eine Aufgabe, die sich Führungskräfte auf die Fahne schreiben sollten.

Resilienz ist ein Führungsthema

Leider habe ich oft den Eindruck, dass viele Inhaber und Führungskräfte nach wie vor nicht verstanden haben, wie wichtig ein Leitbild für die Resilienz der Organisation ist. Sie erkennen nicht, wie Motivation und Identifikation wirklich funktionieren. Stattdessen halten sie am Alten fest. Sie bleiben standhaft wie deutsche Eichen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, dass der Sturm, der draußen tobt, sie zu Fall bringen wird. Resiliente Führungskräfte und Organisationen gleichen jedoch einem Grashalm, der sowohl stabil als auch flexibel ist. Er biegt sich im Sturm, verliert dabei aber nicht sein festes Fundament, sondern geht lediglich bestmöglich mit den Herausforderungen um.

Also liebe Führungskräfte und UnternehmerInnnen stellen Sie sich einmal zwei Fragen: Wie gehe ich mit mir selbst um und was tue ich für meine eigene Resilienz? Wie gehe ich mit den Menschen in meinem Unternehmen um und was tue ich dafür, dass wir als gesamte Organisation resilienter werden?