Über die gläserne Klippe geschickt – warum Frauen in Krisen oft an die Spitze kommen

Während Aschenputtel im Märchen durch den Verlust ihres gläsernen Schuhs zur Prinzessin wird, haben Frauen in der Realität weit weniger Glück, wenn es um Glas geht. Da verhindert die gläserne Decke den Aufstieg in eine Führungsposition und markiert das unüberwindbare Ende der Karriereleiter. Und dann gibt es noch ein weiteres Phänomen, das damit verwandt ist: die gläserne Klippe. Diese besagt, dass Frauen häufig erst dann ins Management berufen werden, wenn ein Unternehmen bereits kurz vor dem Abgrund steht.
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Werfen wir zu Beginn einen Blick darauf, wie viele Frauen aktuell in Führungspositionen sind. Laut dem Statistischen Bundesamt sind EU-weit Frauen im Management weiterhin unterrepräsentiert. In deutschen Führungsetagen arbeiteten 2021 rund 29% Frauen – das macht im Ranking der 27 Mitgliedsstaaten einen verheerenden Platz 20. Während in Lettland 46% und in Schweden sowie Polen je 43% der Führungspositionen von Frauen eingenommen werden, liegt Deutschland deutlich zurück. Das hinterlässt die Frage, wann Frauen in die Führungsetage berufen werden – und hier kommt die gläserne Klippe ins Spiel. 

Wenn die Krise naht, geht die Führung an Frauen

Der Organisationsforscher Prof. Dr. Florian Kunze vom Konstanzer Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“ erforschte zusammen mit Dr. Max Reinwald und Dr. Johannes Zaia im „Journal of Management“, warum weibliche Führungskräfte in vielen Unternehmen erst in einer Krise eine Chance bekommen. Dazu werteten sie mehr als 26.000 Ernennung für Topführungspositionen in fast 4.000 US-Unternehmen aus. Das Hauptaugenmerk richtete sich dabei auf Unternehmen, die knapp über oder unter der Schwelle zum Krisenunternehmen standen. Co-Autor Johannes Zaia bestätigt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau in eine Spitzenposition berufen wird, bei Krisenunternehmen rund 50% höher ist. Prominente Beispiele dafür sind unter anderem Anne Mulcahy, die 2012 zur CEO des beinahe bankrotten Technologiekonzerns Xerox ernannt wurde und Marissa Meyer, die ebenfalls 2012 zur Chefin des angeschlagenen Webpioniers Yahoo aufstieg. Auch in der Politik lässt sich ein Beispiel dafür finden. So wurde Theresa May 2016 direkt nach dem Brexit-Votum zur Premierministerin Großbritanniens ernannt – und scheiterte an der schwierigen Aufgabe, den Austritt aus der EU zu verhandeln. 

Alle kommen zu einem Ergebnis

Ein Forschungsteam der University of Exeter untersuchte ebenfalls das Phänomen der gläsernen Klippe und kam zu einem ähnlichen Schluss wie die Universität Konstanz. Ernennen Unternehmen weibliche Führungskräfte, ist es durchschnittlich viel wahrscheinlicher, dass das Unternehmen bereits über eine längere Periode eine schlechte Performance zeigte. Auch Forscher der Universität Utah haben ähnliche Erkenntnisse gewonnen. Sie untersuchten über einen Zeitraum von 15 Jahren Fortune-500-Unternehmen und stellten fest: Die Unternehmen, die Führungskräfte aus dem Diversity-Spektrum beförderten, befanden sich überdurchschnittlich oft bereits in einer schlechteren Leistung oder Krise. 

Warum werden Frauen auf die gläserne Klippe geschickt?

Warum Frauen gerade dann ranmüssen, wenn es im Unternehmen kriselt, lasse sich auf drei Gründe zurückführen. 

1 – Soft Skills

Die Forscher vermuten, dass die Frauen oftmals aufgrund der ihnen zugeschriebenen Soft Skills in die Führung berufen werden. Die Fähigkeit der Empathie, die Belegschaft einzubinden und zu motivieren werden dabei höher eingestuft als fachliche Fähigkeiten.  

2 – Frauen sind entbehrlich

Was sich hart anhört, ist laut der Psychologieprofessorin der Universität Houston, Kristin Anderson, noch heute so. Frauen werden in der Geschäftswelt als entbehrlicher angesehen als Männer. Das bedeutet, dass sie sich sehr gut als Sündenböcke eignen. Das ist für viele Unternehmen eine Win-Win-Situation. Schafft die Frau es, das Unternehmen aus der Krise zu führen und Veränderungen herbeizurufen, dann ist das großartig, ebenso ist es nicht schlimm, wenn die Frau es nicht schafft. Dann könne man ihr die Schuld daran geben und kann sie über die gläserne Klippe schieben, während die Karrieren der männlichen Kollegen nicht leiden. 

3 – die Signalwirkung 

Die Forscher der Universität Konstanz nahmen an, dass Unternehmen in der Krise bei neuem Spitzenpersonal vor allem daran interessiert seien, ihren Investoren ein Signal zu senden: „Wenn eine Firma in finanziellen Schwierigkeiten plötzlich eine Frau auf einen Vorstandsposten beruft, dann kommuniziert sie dem Finanzmarkt: ‚Wir wissen, dass wir etwas tun müssen, und seht her, wir sind tatsächlich zu großen Veränderungen bereit.‘ Ein klares Zeichen für Aufbruch, Wandel, Lernfähigkeit!“, erklärt Johannes Zaia, Mitautor der Studie die Theorie. 

Die gläserne Klippe umschiffen

Wohl niemand möchte gerne von der gläsernen Klippe gestoßen werden. Frauen sollten sich daher schon im Vorfeld Gedanken machen, für welches Unternehmen sie arbeiten wollen. Herrscht dort eine Ausgeglichenheit in der Führungsriege und werden Frauen auch in guten Zeiten befördert, dann ist die Gefahr über die gläserne Klippe geschickt zu werden geringer. Die Autoren der Studie der Universität Konstanz empfehlen zur nachhaltigen Beseitigung der gläsernen Klippe ein gestärktes Bewusstsein für Gründe und unter welchen Umständen Personalentscheidungen getroffen werden. So sollte die Besetzung von Vorstandsposten transparent und offener gestaltet werden und nicht hinter verschlossenen Türen stattfinden. 

Fazit: Jeder Weg hat Meilensteine 

Wie die zu Beginn genannten Zahlen zeigen, ist es noch ein langer Weg zur Gleichberechtigung in den Führungsetagen. Dass Unternehmen und Mitarbeitende von einer guten Mischung an Geschlechtern in der Führung nur profitieren können, ist eine Tatsache, die endlich oben ankommen muss – ganz ohne gläserne Decken und Klippen.