Grenzgänger: Ein Tattoo ohne Motiv

Tattoos sind fast so alt wie die Menschheit selbst. Die Kunst des Tätowierens war schon den Menschen der Steinzeit bekannt. Ägyptische Priesterinnen schmückten sich damit, die Römer markierten auf diese Weise Sklaven und Verbrecher. Auch heute noch gelten Tattoos als Ausdruck der Persönlichkeit und sorgen regelmäßig in den Medien und privat für Diskussionsstoff. Wie viele wissen, habe auch ich ein Tattoo. Wie es dazu kam und warum es Ausdruck meiner Personality ist, erzähle ich jetzt.
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Eine meiner größten Herausforderungen war, als ich 2015 gemeinsam mit meiner Frau auf dem Weg zum Geburtstag eines Freundes war und uns ein Lieferwagen ins Auto gekracht ist. Wir haben uns zweimal überschlagen und dieser Unfall hat uns massiv geprägt. Plötzlich kamen Fragen auf: Was wäre gewesen, wenn es hier vorbei gewesen wäre? Was hätte ich hinterlassen? Was wäre geblieben? Was hätte ich meinen Kindern mitgegeben? Was ist das, was bleibt? Was ist wirklich von Bedeutung? Nach diesem Unfall haben wir angefangen eine „Löffel-Liste“ zu schreiben, sprich die Dinge, wie wir noch tun wollen, bevor wir den Löffel abgeben. Zum einen, was wir gemeinsam noch erleben wollen und zum anderen was jeder für sich noch tun möchte. Auf meiner „Löffel-Liste“ stand untern anderem: Ein traditionelles Tattoo stechen lassen.


Das Leben formt dich zu dem, der du bist

Gesagt getan – ich machte mich auf zu Tomasi Suluápe nach Freiburg. Er tätowiert nicht mit der Maschine, sondern mit der traditionellen Klopftechnik, die in Samoa verwendet wird. Das Werkzeug, das hier zum Einsatz kommt, wird „au“ genannt und sieht ähnlich wie ein Kamm aus. Es gibt verschiedene Kämme, je nachdem welches Design gestochen werden soll. Früher wurden die Zinken auf Samoa aus Schweinezähne gefeilt, heute sind es Titanzinken, aus Hygienegründen. Mit einem Hammer ähnlichen Gerät wird der Kamm dann in die Haut geschlagen, um die Farbe zu verankern. Das ist ein sehr schmerzhafter Prozess, der auch ein hohes Maß an Vertrauen braucht. Wir haben vorher kein Motiv besprochen. Es gab keine Skizze oder Zeichnung. Wir haben uns über mein Leben unterhalten, über das, was mir wichtig ist. Und für mich war immer wichtig zu sagen: Das Leben formt dich zu dem, der du bist. Wir haben ungefähr eine Stunde geredet und Tomasi fragte mich, was ich schon so alles erlebt habe und was der Grund ist, warum ich jetzt ein Tattoo möchte. Wir philosophierten so vor uns hin und irgendwann sagte Tomasi dann: „Okay, wir fangen jetzt an.“ Was anschließend folgte, war nicht der Prozess, wie bei „normalen“ Tätowierern, die ein Motiv zeichnen und dann per Blaupause auf die Haut übertragen. Ich musste ihm vollkommen vertrauen und begab mich in die Hände von zwei Personen: Demjenigen, der die Haut spannt und dem der tätowiert.

Es gibt kein Zurück

Der Tätowier-Meister klöppelte mir dann das Muster unter die Haut – und zwar das, was er aufgrund meiner Story in der traditionellen Symbolik für richtig erachtet. Nach ein paar Stunden konnte ich die ersten Ergebnisse sehen und mir wurde bewusst, dass es jetzt kein Zurück mehr gab. Für jemanden, der gerne die Dinge kontrolliert, ist dieser Prozess ein echtes Problem. Ich bin jemand, der Dinge gerne führt, anleitet, entscheidet, gestaltet, kontrolliert. Mich über viele Stunden und mehre Termine hinweg in eine Situation zu begeben, in der ich das so nicht kann, war herausfordernd.

Ich bin und bleibe Grenzgänger

Ich kann mich noch gut daran erinnern: Am Anfang war ich super motiviert und wollte das mit dem Tattoo durchziehen. Nur wusste ich nicht, was auf mich zukommt. Nach ungefähr 15 Minuten war das erste, was mir durch den Kopf ging: „Scheiße, auf was hast du dich hier eingelassen?“ Es tat weh. Es war schmerzhaft. Es war unangenehm. Während der Stunden, die ich dort lag, fing ich an darüber nachzudenken, warum ich das eigentlich mache. Was hat mich dazu gebracht? Was ist der Hintergrund? Ich dachte wieder über den Unfall und andere Dinge nach. Es war eine krasse Erfahrung für mich und ich habe es nicht bereut. Mein Tattoo ist auch ein Stück weit symbolisch und steht dafür, dass das Leben dich zu dem form, der du bist. Es ist nichts Modernes oder Maschinelles, ich wollte keinem Trend folgen, ich wollte einen Prozess durchleben, der mich an den Ursprung zurückbringt. Ja, ich bin vielleicht auch hier ein Grenzgänger, denn das ist ein Teil von mir. Und es gilt auch für mein Unternehmen, denn wir wollen unser Kunden über Grenzen bringen und das kann nur, wer selbst über Grenzen geht.