Nachlass beginnt erst mit dem Tod?

Falsch! Wenn ich Menschen erzähle, was ich mache und vor allem, dass es mir viel Spaß macht, schütteln viele den Kopf. „Wieso beschäftigst Du Dich ständig mit dem Thema Tod? Das ist doch total negativ und belastend. Und dann noch die ganzen Erbschaftsstreitereien. Das gefällt Dir?“ Ja, denn Nachlassmanagement – zumindest so, wie ich es gestalte – hat viel mit Selbstbestimmung zu tun. Die persönlichen Bedürfnisse und Emotionen der Menschen haben einen festen Platz. Ich stehe für sie ein und nehme Rücksicht, dass die Wünsche umgesetzt werden und dies stets professionell und objektiv.
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| Melanie Loewe

Sei es in meinen Workshops oder in Gesprächen mit Menschen merke ich immer wieder, dass viel Unwissen im Umlauf ist, bei dem es mir wirklich die Nackenhaare sträubt. Aber gerade beim Thema der Nachfolge kann ich doch nur dann sinnvoll eine tragfähige Entscheidung für mich treffen, wenn ich links und rechts auch einmal über den Tellerrand schaue. Und der sollte nicht die Aufschrift „Google“ haben, sondern „Wie lebe ich, was wünsche ich mir für das Alter und wie sehen meine Möglichkeiten aus, auch Dinge nach meinem Tod noch (mit) zu bestimmen?“

Meine Themen sind Testamentsvollstreckung, Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung, Bestattungsvorsorge und alles, was noch in diesen Bereich fällt. Die Möglichkeiten, die uns all diese Themen bieten, sind höchst individuell. Sie schaffen den Raum dafür, bereits jetzt Vorgehensweisen, Wünsche, Erklärungen – oder Dinge, die man auf gar keinen Fall wünscht – für einen Zeitpunkt verbindlich zu regeln, in dem man selbst nicht mehr in der Lage sein wird, eigenständig und vor allem rechtssicher selbst zu bestimmen. Und ein solcher Zeitpunkt muss nicht zwingend der eigene Tod sein. Szenarien wie Unfälle, gesundheitliche Beeinträchtigungen oder altersbedingte Leiden, die mitunter unerwartet auftreten können, sollten jeden von uns sensibilisieren, darüber nachzudenken: „Ist das, was der Gesetzgeber an jedweden ‚Auffangnetzen‘ in den Themen bietet, für mich das Richtige?“

Mein Anliegen ist, Selbstbestimmung zu stärken

Ein kürzlich geführtes Gespräch in einer Seniorenresidenz: Eine Dame möchte ihre Dinge geregelt wissen und berichtet, was sie sich denn so vorstelle, wenn sie einmal gegangen ist. Immer wieder spüre ich, dass sie mit etwas hinterm Berg hält und dieses „Irgendwie“ an ihr nagt. Nun kann es an der Gesprächssituation liegen; an der Arbeit, die sich mit der eigenen Endlichkeit beschäftigt oder schlicht am Thema des Vererbens, dass Gesprächspartner bei konkreten Nachfragen gelinde gesagt „ungesprächig“ werden. Naja, das funktioniert eine Weile gut, aber schlussendlich komme ich dann doch auf den Kern der Blockaden. Sie berichtet: „Meine Tochter, die will, dass ich das so und so mache.“ Aha, denke ich mir. Das höre ich doch des Öfteren. Dass die Kinder (mit-)bestimmen, was mit dem Erbe passieren soll. Etwas, das mich wirklich fuchsig macht, schließlich haben die Eltern viele Jahre dafür geschuftet, Entbehrungen gehabt und nun werden sie von den eigenen Kindern mehr oder weniger entmündigt.

Bestärkend fasse ich nach: „Aber ist es auch das, was Sie wirklich möchten? Ist es das, was Ihnen guttut?“ Wenn hieraufhin die mehr oder weniger resignierende Antwort kommt: „Naja, ich will jetzt auch keinen Streit mit ihr haben und dann machen wir das halt so …“ trifft mich eine solche Aussage nicht nur beruflich sehr, sondern auch als Mutter und Tochter.

Zugegeben: Ich erwische mich manchmal auch dabei, dass ich meine Eltern nicht wie meine Eltern behandle, sondern wie Lieblingsmenschen, für die ich wohlwollende und immer zu ihren Gunsten positive Entscheidungen treffen möchte. Beide sind nicht mehr die Jüngsten und bestimmte Dinge – das soll jetzt nicht überheblich klingen – weiß ich einfach besser, besonders, wenn es um meinen Fachbereich geht. Und gerade, wenn man selbst unter Druck steht, kann es schnell mal passieren, dass man Dinge sagt: „Nee, wir machen das jetzt so und so!“ Und in meinem Falle auch direkt umsetzt, ohne vorher zu fragen. Also sehr bestimmend den älteren Menschen gegenüber ist und ihnen abspricht, dass sie ihr Leben gelebt und ihre Erfahrungen gemacht haben und durchaus willig sind, ihre eigenen Entscheidungen und auch Rückschlüsse zu den Entscheidungen treffen zu können.

Gott sei Dank kennen mich meine Eltern schon mein ganzes Leben. Nach einer aufrichtigen Entschuldigung hängt der Haussegen auch wieder gerade.

Meine zutiefst empfundene Überzeugung ist, dass Wertschätzung und Liebe, etwas was für mich unzertrennlich ist, das Band einer jeden Familie ist. Und hierbei weiß ich, dass Familie nicht nur durch DNA-Abstammung begründet wird, sondern durch Menschen, die füreinander eintreten, gleich in welcher Situation, gleich mit welchen Konsequenzen. Und dennoch gibt mir selbst mein eigenes Verhalten zu denken, insbesondere, wenn ich dann solche Gespräche mit älteren Menschen führe, die in mir irgendwie die Beschützerin wecken.

Erben ist ein Privileg!  

Wie oft begegnet mir die Situation, dass „Kinder“, die ihre Eltern beerben, nicht reflektieren und verstehen, dass Erben ein Privileg ist, da man schlicht etwas geschenkt bekommt. Und dennoch möchten sie den eigenen Eltern vorschreiben, was diese mit ihrem Geld wie machen sollen, und dies womöglich noch über den Tod hinaus. Sie blenden aus, dass es sich um den Besitz der Eltern, also um deren Lebenswerk, handelt. Dafür haben sie gearbeitet, das ganze Leben. Und wenn sie plötzlich den Wunsch verspüren zu sagen: „Wir verkaufen unser Haus, wir machen jetzt eine Weltreise“, dann dürfen sie das tun. Sie müssen niemandem etwas vererben. Wenn am Ende des Lebens noch etwas zur Weitergabe an die nächste Generation vorhanden ist, kann es verteilt werden, aber mehr auch nicht. Man ist seinen Kindern gegenüber zu keinerlei Rechenschaft verpflichtet!

Dies bespreche ich mit meinen Klienten und sensibilisiere, dass „Vererben“ eine noble Geste ist, wenn man seinen Kindern etwas hinterlässt, dies aber kein Zwang ist. Im Regelfall sind die Nachkommen alt genug, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren und müssen nicht darauf vertrauen, dass sie am Tag X den Betrag Y erhalten. Das empfinde ich als absolut unmoralisch und mache mich dafür stark, dass wirklich jeder Mensch in jeder Lebenssituation – sofern er hierzu noch in der Lage ist – selbstbestimmt bleibt und nicht fremdbestimmt durchs Leben geführt wird.

„Beiß Dir lieber einmal zu oft auf die Zunge, als respektlos dem Alter gegenüber zu sein.“

Wenn die eigenen Eltern in eine Einrichtung wie ein Altersheim oder Pflegeheim gehen müssen, heißt das, dass sie
a)    Hilfe im Alltag brauchen und
b)    diese Hilfe von den Kindern oder Dritten nicht geleistet werden kann.
Dies bedeutet aber NICHT automatisch, dass sie geistig unmündig sind  – was einige Nachkommen jedoch damit gleichsetzen. Gerade bei diesen Eltern-Kind-Beziehungen merke ich leider immer wieder, dass es Kindern oft schwerfällt, einfach zu akzeptieren, was sich die eigenen Eltern wünschen. Auch ich weiß, wie schwer es mitunter ist, die eigenen Vorstellungen, Wünsche und Motive einfach hintendran zu stellen, aber genau da gehören sie hin.

„Der Weise trifft für das Zukünftige Vorsorge, als wäre es zugegen.“

(Publilius Syrus)

Ok, viele verdrehen bei dem Thema „Vorsorge“ die Augen. Beim Thema Versicherungen ist dies vielleicht den Attitüden des einen oder anderen Maklers oder der Überpräsenz an Werbung geschuldet, aber wenn es um die Endlichkeit des eigenen Lebens geht, verschließen viele die Augen und blenden aus, was sie eigentlich aktiv alles gestalten können. Dabei sollte man sich auch hier für den todsicheren Fall „absichern“.

Es geht um wichtige Themen, die man nicht dem Zufall, den Nachkommen, Freunden oder Dritten unbedacht überlassen sollte. Überspitzt führe ich gern an: Wer morgens aufsteht und am aktiven Leben teilnimmt, erhöht die Chancen, am pulsierenden Leben zu sterben. Ein konkretes Beispiel: Jemand hat einen schweren Unfall und liegt im Wachkoma. Die Neurologen sagen, es gibt keine Hirnaktivität mehr. Die Frage, die im Raum steht: Lebensverlängernde Maßnahmen Ja oder Nein? Eine Patientenverfügung gibt es nicht. Und nun? Tochter A ist pro lebensverlängernde Maßnahmen, Sohn B dagegen.

Also läuft es weiter. Eine Situation, an der Familien zerbrechen können, emotional, aber auch wirtschaftlich. Mit einer klaren Regelung durch eine Patientenverfügung entlasten Sie Ihre Liebsten, die wohl schwerste Entscheidung ihres Lebens treffen zu müssen, die sie womöglich lange verfolgen könnte. Sie treten in einer Situation, in der Sie selbst nicht mehr aktiv eine Entscheidung für sich selbst treffen können, durch die Errichtung einer Patientenverfügung für sich selbst und Ihre Wünsche ein und schaffen damit vielleicht ein klein wenig Trost für Ihre Hinterbliebenen.

Was Du heute kannst vorsorgen, das verschiebe nicht auf morgen

In der Zusammenarbeit mit meinen Klienten stelle ich ihnen viele Fragen, mit denen sie sich in Ruhe beschäftigen, um ihre Zukunft zu gestalten. Ja, auch wenn die aufgezeigten Szenarien nicht wünschenswerte Situationen sind, so sind sie dennoch unsere mögliche Zukunft und diese können wir selbstbestimmt gestalten – wenn wir uns damit beschäftigen, solange wir es noch können!

Welchen Willen verfüge ich heute, wenn es zu Koma oder Demenz kommen sollte? Möchte ich in ein Pflegeheim oder bevorzuge ich, dass ein Dritter zu mir nach Hause kommt? Kann meine Familie es sich leisten, dass jemand mich zu Hause betreut? Wer soll im Falle einer Demenz oder eines Komas in meinem Sinne mein gesetzlicher Vertreter werden? Und habe ich das mit ihm besprochen? Wie möchte ich beigesetzt werden und wo?

Vorsorge treffen und Testament erstellen ist nur was für alte Leute …  

Falsch, falsch und nochmals falsch! Der jüngste Klient, den ich hatte, war gerade einmal 19 Jahre alt. Da er ein leidenschaftlicher Motorradfahrer war und insbesondere auch durch das Vermögen seiner Eltern nicht gerade unbetucht, war er mit gerade einmal 19 Jahren bei mir zum „Probesterben“. Regelrecht erschrocken darüber, welche Möglichkeiten nur bestehen, wenn man selbst dafür vorsorgt, errichtete er sein Testament, seine Vorsorgevollmacht und hinterlegte eine Patientenverfügung. Stellen Sie sich gern auch einmal die Frage: Gibt es etwas oder jemanden, der mir am Herzen liegt? Sollte die Antwort Ja sein, sollten wir uns einmal unterhalten. Am Beispiel des 19-jährigen Motorradfahrers sieht man, dass auch junge Menschen mitunter über ein beträchtliches Vermögen verfügen – sei es geerbt oder schon selbst verdient. Selbst, wenn diese noch keine eigenen Nachkommen haben, so kann dennoch für ein plötzliches Ableben vorgesorgt werden. Denn: Im dümmsten Falle geht das Geld dann an den Staat. Dabei gibt es viele gemeinnützige Institutionen, die gerade auf jede finanzielle Unterstützung angewiesen sind.

Wenn der Erblasser einen sozialen Fingerabdruck hinterlassen möchte …

Ein ausgesprochen sensibles Unterfangen. Insbesondere, wenn Familienmitglieder erfahren, dass Teile des Erbes oder sogar das ganze Vermögen an gemeinnützige Organisationen gehen und nicht an sie. Dies kann schon einmal zu einem latenten Unmut führen. Bei dem Thema handelt es sich um eine Testamentsspende von demjenigen, der über seinen Tod hinaus noch seinen sozialen Fingerabdruck hinterlassen möchte. Ich sehe wirklich viele Personen, die ganz alleine sind und reflektieren: „Was ist mir tatsächlich wichtig? Wo möchte ich denn noch Gutes bewirken: Kinder, Umwelt, Tierwelt, Menschenrechte, Forschung, humanitäre Zwecke und und und.“ Das Schöne ist: Hier gibt es kein „entweder oder“, sondern eine breite Auswahl und ganz allein Sie entscheiden, was sich für Sie richtig anfühlt.

Ich persönlich bin sehr engagiert in der Kinder-Hospizarbeit

Hospizarbeit wird staatlich nicht gefördert, sondern lebt von Spenden. Ich selbst war schon einige Male als Besucherin in einem Hospiz. Mich hat mitunter die Lebensfreude, die man vielleicht nicht unbedingt an einem solchen Ort erwartet, überwältig. Die zumeist dort ehrenamtlich Tätigen geben eines der größten Geschenke, dass man als Mensch wohl einem anderen geben kann: Sie schenken ihre Zeit und setzen vieles daran – meist in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen – reale letzte Wünsche zu erfüllen. Jemanden zu sehen als das, was er ist, ein Mensch, und nicht wofür er steht, ein bald sterbender Mensch mit einer Krankheit, ist für mich immer wieder einfach nur bewundernswert und sicherlich auch Impuls, die Kinder-Hospizarbeit mit meiner Expertise weiterhin gern zu unterstützen.


Melanie Loewe

Seit einer spontanen Vertretung bei einer gemeinnützigen Organisation hat Melanie Loewe ihre Profession gefunden: Nachlassmanagement. Seit 2011 ist sie als selbstständige Rechtsfachwirtin, Nachlasspflegerin und zertifizierte Testamentsvollstreckerin tätig. Schon über 500 Abwicklungen hat sie betreut und viele verschiedene Positionen vertreten, stets empathisch, zuverlässig und mit dem nötigen Fingerspitzengefühl. Ihre Aufgaben reichen von der Testamentsvollstreckung über Nachlassabwicklung, -verwaltung und -pflegschaften.

www.melanie-loewe.com


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