„Warum tue ich mir das eigentlich noch an?“ – Wenn UnternehmerInnen den Sinn im Tun verlieren.

Kennen Sie diese Momente? Sie liegen nachts wach und starren an die Decke. Und irgendwie bricht das heulende Elend über Sie herein. Meine Frau fragt dann: „Ben, was hast du?“ Und ich sage: „Keine Ahnung, aber es fühlt sich gerade mega beschissen an …“ Warum mache ich das hier eigentlich? Der Gedanke kommt und geht wie in einer Endlosschleife. Die Frage nach dem Sinn und der Sinnlosigkeit findet oft in den Momenten statt, wo es ruhig um uns wird. Keine Ablenkung. Man hört den eigenen Herzschlag, der die Frage nach dem Sinn in einer unerträglichen Lautstärke dröhnen lässt. Wenn Menschen in Drucksituation geraten oder die Herausforderungen uns energielos zurücklassen, kommt schneller die Frage nach der Sinnhaftigkeit, als man denkt.
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„What a wonderful world“ – thanks, sehe ich aber gerade nicht

Das Leben ist schön, la vie est belle, what a wonderful world – und wie sieht die Realität aus? Du hast 1000 Ärgernisse. Dinge werden nicht eingehalten, Absprachen umgeschmissen. Mitarbeiter machen Probleme, haben Probleme. Spezifikationen beim Kunden ändern sich. Die Bank zieht Zusagen zurück.

Momente wie diese stellen insbesondere InhaberInnen, UnternehmerInnen und Führungskräfte vor schwierige Herausforderungen. Da kommt diese Frage nachts ungebeten in dein Schlafzimmer und raubt dir alle Energie. Besonders, wenn du mit dem Rücken an der Wand stehst und aus eigenem Zutun nichts an der Situation ändern kannst. Der lähmende Moment des Kontrollverlustes. Wie ein Stück Holz in einem Wildbach wirst du durch die Stromschnellen geschleudert, knallst gegen Steine. „Wie kann ich das nur durchhalten?“, denkst du, „Wo kriege ich eine Schwimmweste her?“

„Nicht die Starken, nicht die Lauten überleben, sondern die, auf die etwas wartet.“

Was auf den ersten Blick wie ein Kalenderspruch wirkt, hat eine brutale Geschichte und gibt seit fast 80 Jahren Menschen die Möglichkeit, ihre persönliche Schwimmweste anzulegen.

Das Zitat stammt von Viktor Frankl (1905 bis 1997), Psychiater aus Wien, Begründer der sinnzentrierten Lebensführung (Logotherapie), Autor vieler Bücher – und Jude. Er verlor im Dritten Reich seine gesamte Familie und überlebte selbst 3 KZs. Da bekommt das Zitat gleich eine andere Bedeutung. In seinem Bestseller „Trotzdem JA zum Leben sagen“ verarbeitet er sein Martyrium und beschreibt, wie ein Mensch, der um seinen Sinn, seine Aufgabe weiß, auch Unmenschliches durchstehen kann.

Der eigene Kriegsschauplatz

Die Frage nach der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns beschreibt eine Quasi-Kriegssituation, nämlich einen Krieg mit mir selbst. Es geht um einen Zustand der ständigen, immer wiederkehrenden Reibung. Denn diese Frage zeigt natürlich, wie unzufrieden ich bin. Eigentlich will ich das gar nicht so haben. Es soll wieder anders werden. Das Blöde ist, dass wir immer wieder versucht sind, die dafür notwendige Veränderung im Außen zu suchen, während sie eigentlich im Innen zu finden ist.

Das gilt auch für Prozesse, die unser Unternehmerdasein betreffen. Die letzten beiden Jahre haben viele von uns die Stabilität im Außen gesucht. Dabei hat sich gezeigt, wie sehr wir Menschen verlernt haben, Stabilität in uns selbst zu finden und somit wirkliche Resilienz und Stärke. Die Krisenzeit hat massiv verdeutlicht, wie entscheidend es ist, sich die Zeit des Reflektierens zu nehmen und mit dem Selbst und persönlichen Sein auseinanderzusetzen.

Kenne deine Rollen und deinen Sinn darin

Wir alle leben in einer Sammlung von verschiedenen Rollen: Kind, Partner, Elternteil, Geschwister, Unternehmer, Inhaber, Arbeitgeber, Stakeholder, Kontonehmer. Und jede dieser Rollen ändert sich im Laufe des Lebens. Nichts ist konstant. Die Herausforderungen als Elternteil ändern sich mit zunehmendem Alter des Kindes, vom Windelwechseln, über Schule, Pubertät, Studium bis hin zum Wegbegleiter, wenn diese auf eigenen Füßen stehen. So ist es auch als UnternehmerIn. Mit steigender Anzahl der Mitarbeitenden, der Kunden, der Stakeholder verändert sich die Rolle und damit einhergehende Aufgaben.

Sie sehen, es gibt nicht nur DIE eine Sinnfrage, die ich für den Rest meines Lebens beantworten muss. Frankl sagt: Der Mensch ist sinnsuchend. Das heißt, ich muss immer wieder situativ meinen Sinn für die jeweilige Lebensumgebung definieren. Das WOFÜR und nicht das Warum.

Schau nach Innen und nicht nach Außen

Die Frage „Warum tue ich mir das eigentlich noch an?“ verleitet in den meisten Fällen dazu, die Antwort aus dem Außen zu beantworten, also in Bezug auf verschiedenste Situationen, unterschiedliche Settings, herausfordernde Dinge und und und. Aber das, worauf es wirklich ankommt, ist das eine Wort, welches in der Frage steckt. Das Wort heißt ICH. Wir reden über das Selbst. Letztendlich kann nur ich mich selbst beeinflussen. Andere kann ich nur sehr, sehr begrenzt oder überhaupt nicht beeinflussen. Ich spreche hier über Identität. Und das ist, glaube ich, ein ganz spannender Punkt.

Wenn wir hergehen und diese Frage aus einem anderen Blickwinkel betrachten und ihr einen anderen Fokus geben, was passiert dann? „Warum tue ich mir das eigentlich an“ bezieht das Außen mit ein. Wichtiger ist die Frage: „Wie beantworte ich für mich selbst diese Frage?“. Weil die Frage nach dem Sinn eine Frage ist, die mit mir, meiner Personality, meiner Identität, mit meinem Selbst zu tun hat. Und das ist natürlich nicht trivial, weil wir ja Menschen sind, die ganz massiv immer nur durch das Außen geprägt denken, agieren und vor allen Dingen reagieren. Bei Führungskräften ist dies oftmals ein Riesenthema. Eine meiner Lieblingsfragen im Sparring ist: „Wollen wir mal hingucken, was dich eigentlich als Person ausmacht? Wer bist du eigentlich im Sein? Und zwar dann, wenn keiner da ist?“

Horchen Sie einmal in sich rein. Gerne können wir uns über Ihre Fragen und Antworten austauschen.