Zwischen Special Force und Buddhismus liegt die Antwort

Eine kleine Geschichte zum Thema „Respekt“
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| Ingolf Op den Berg

Sie kennen das. Sie fahren durch eine Stadt und überall an den Häuserwänden befinden sich „taggs“. In der Regel sind das keine echten Kunstwerke von Straßenkünstlern, sondern schlichte Zeichen oder Namenskürzel, die gerne an Häuserwände oder Mauern aufgesprüht werden. Eine Form der freien Meinungsäußerung, meistens aber aus meiner Sicht, nicht sehr ästhetisch oder sonderlich sinnvoll. Und schon gar nicht respektvoll, was das Eigentum anderer Bürger betrifft. Das Besondere daran: Ein Dialog findet so gut wie nie statt, weil die „taggs“ nachts anonym angebracht werden und eine direkte Auseinandersetzung somit kaum möglich ist.

Auch in unserem Wohnbezirk, wir wohnen in einer wunderschönen Stadt am Neckar, tauchten plötzlich immer mehr von diesen „taggs“ auf, schließlich auch auf Hauswänden in unserer Straße. Das ist Beschädigung von Eigentum und keine „Kleinigkeit“ mehr, so meine Gedanken. Und ich habe gespürt, dass ich zornig wurde und mich gleichzeitig ohnmächtig fühlte. Also drängte es mich in die Handlung. Ich blieb nachts sehr lange wach und bin mit unserem Hund spazieren gegangen, zu eher ungewöhnlichen Zeiten, aber das war ja der Plan, den „Künstlern“ persönlich zu begegnen. Und da ich geduldig war, stellte sich auch nach einigen Tagen bzw. Nächten der entsprechende Erfolg ein. Ich bekam Kontakt zu den Akteuren. Als ich die kleine Gruppe von drei jungen Männern ansprach, wollten diese zunächst weglaufen, doch es gelang mir, dies zu verhindern und in ein Gespräch zu kommen. Ich erspare Ihnen Details, darum geht es hier auch nicht. Besonders beeindruckt hat mich vielmehr die Aussage einer der jungen Männer. Als ich ihm vermittelte, dass ich es nicht gutheißen würde, auf diese Weise Hauswände zu beschädigen und ich das inklusive seines Verhaltens mir gegenüber wenig wertschätzend und ebenso respektlos fände, sagte er mir sehr klar: „Mir hat niemand Respekt beigebracht, man.“

Das hat mich getroffen. Und vor allem habe ich ihm geglaubt. Offensichtlich hatte das nicht stattgefunden, bei keinem dieser jungen Männer. Hier wurden elementare Werte eines wertschätzenden Zusammenlebens deutlich erkennbar nicht oder nur unzureichend vermittelt.

Anstatt meinen innerlich deutlich wahrnehmbaren Zorn zum Ausdruck zu bringen, suchte ich den Dialog und begann eine Diskussion mit den jungen Männern – mitten in der Nacht – schon ziemlich verrückt, dachte ich mir, und erinnerte mich spontan an eine Passage aus einem Buch.

Seine Heiligkeit der XIV. Dalai Lama wurde einmal von Howard C. Cutler1 (amerikanischer Schriftsteller und Psychiater) gefragt, was er als eine effektive Methode erachte, um mit anderen Menschen auf sinnvolle Weise in Verbindung zu treten und gleichzeitig Konflikte abzubauen. Seine Antwort lautete (in vereinfachter Form):

„Empathie – diese Technik erfordert die Fähigkeit, sich vorübergehend vom eigenen Standpunkt zu lösen und sich auf die Sichtweise des anderen einzulassen; sich vorzustellen, wie es wäre, in dessen Haut zu stecken. Das hilft uns, Respekt für seine Gefühle zu entwickeln, was wiederum ein wichtiger Faktor bei der Entschärfung von Konflikten und Problemen mit anderen ist. (…) Wann immer ich mit Menschen zusammentreffe, nähere ich mich unter dem Gesichtspunkt der elementaren Gemeinsamkeiten, die uns verbinden. (…) Ein jeder von uns wünscht sich Glück, nicht Leid. (…) Da ich die anderen von diesem Standpunkt aus betrachte und keine Nebensächlichkeiten, (…) kann ich empfinden, dass der Mensch, dem ich begegne, genauso ist wie ich selbst. Eine solche Einstellung erleichtert den Austausch und die Kommunikation miteinander ungemein.“

In der nächtlichen Diskussion wendete ich genau diese Methode an. Ich versetzte mich in die Situation der jungen Männer, stellte einige Fragen und mir wurde vieles klarer. Es stellte sich heraus, dass alle drei passionierte Grafitti-Künstler waren und nachts um die Häuser zogen, weil sie keine Gelegenheit bekamen, ihre Kunst zu produzieren. Dazu benötigten sie einige Farben, dazu fehlte das nötige Kleingeld und aus lauter Frust haben sie nachts wenigstens „ihr Gelände“ mit „taggs“ markiert.

Eine Lösung fanden wir gemeinsam noch in derselben Nacht – wir trafen eine Vereinbarung: Ich konnte ihren Wunsch sehr gut nachvollziehen, ihre Fähigkeiten zu leben und sich künstlerisch auszuprobieren. Daher hatte ich die Idee, ihnen das Angebot zu machen, zwei sehr große Leinwände inklusive der notwendigen Farben zu beschaffen. Ziel war es, ein großes Bild herzustellen auf zwei Leinwänden.

Sie sollten die Möglichkeit haben, ihre „Kunst“ zu präsentieren. Die Kosten dafür habe ich übernommen und mit den jungen Männern vereinbart, dieses Bild in unserem Büro auszustellen. Und ich hatte eine Bedingung daran geknüpft: In Zukunft keine weiteren „taggs“ im Wohngebiet. Es kam in dieser Zeit zu einigen Treffen und ich durfte teilhaben an der Entstehung des neuen Kunstwerkes. Über die Zeit kamen wir uns näher und haben uns lebhaft ausgetauscht über die unterschiedlichsten Themen. Als das Werk fertig war, habe ich es in unserem Büro aufgehängt und vielen Freunden und Kunden diese Geschichte erzählt. Die „taggs“ blieben aus – Ehrensache.

Empathie braucht Erfahrung und innere Stärke

Diese kleine Geschichte ist ein gelebtes Beispiel für den Weg, den ich bisher gegangen bin. Um die beschriebene Reaktion authentisch zu leben, braucht es einiges an Erfahrung und innerer Vorbereitung.

Die Lebensfragen erscheinen und suchen nach ersten Antworten. Schon sehr früh in meinem Leben habe ich mich mit für mich entscheidenden Lebensfragen beschäftigt:

  • Wo komme ich her?
  • Was mache ich hier?
  • Was ist meine Aufgabe in meinem Leben?
  • Nach welchen Regeln/Gesetzen funktioniert das Leben?
  • Wo gehe ich anschließend hin?

Zunächst habe ich – bedingt durch meine Erziehung – Antworten im kirchlichen Kontext gesucht. Der amerikanische Pfarrer John David Kutz war seit meinem 12. Lebensjahr als Mentor an meiner Seite. John war als Pfarrer sehr authentisch und hatte immer das Ziel, Menschen zur Seite zu stehen und Orientierung zu geben. Dazu eine kleine Geschichte: Als ich ca. 14 Jahre alt war, fragte mich John, warum ich sonntags nicht zu ihm in die Kirche komme. Darauf antwortete ich, dass ich keine Zeit habe, da ich bereits ab 04.00 h morgens im Wald sei, um Tiere in der Morgendämmerung zu beobachten (damals habe ich mich immer aus meinem Zimmerfenster abgeseilt, um meine Eltern nicht zu wecken). John fragte mich daraufhin: „Ok, dann kommst
Du eben anschließend, denn wir starten ja erst um 10.00 h.“ „Oh, da bin ich dann beim Frühstück“, hatte ich als Ausrede.

John gab nicht auf – er gab niemals auf. „Dann bringst Du Dein Frühstück eben mit in meine Kirche. Ich erlaube es Dir.“ Wie krass war das bitte? Gesagt getan, ich saß sonntags mit einer Dose Cola und zwei Stullen auf der Empore und frühstückte, während John von der Kanzel aus Bibeltexte anschaulich interpretierte. Sehr spannend und ich bekam immer wieder Facetten von Antworten auf meine offenen Fragen. Und auf die fragenden Blicke der Gemeinde, einige Leute waren ziemlich irritiert ob meines Essens, sagte er: „Ich habe das erlaubt und bin um jeden froh, der hier ernsthaft mitmacht und davon bin ich bei diesem jungen Mann überzeugt.“

Ich war begeistert und fand das „echt cool“. So geht Motivation, wie mir später deutlich wurde. John war mir ein immer wichtiger Berater und Freund, bis heute (mittlerweile ist er 82 Jahre alt).

Voraussetzung für persönliches Wachstum ist die Überwindung der eigenen Grenzen

Eine weitere wichtige Station war meine Zeit bei der Bundeswehr. Ich hatte mich freiwillig bei der Spezialeinheit FSK 300 beworben (zur Information: im Zuge der Umstrukturierung des Heeres wurden 1996 die Fernspähkompanien 100 und 300 aufgelöst. Diese stellten dann die ersten Soldaten des im selben Jahr aufgestellten Kommando Spezialkräfte – KSK). Ich wusste damals schon, dass es eine durchaus harte Zeit werden würde, aber wie hart die Ausbildung war, hatte ich mir in meinen kühnsten Vorstellungen nicht ausmalen können.

Diese Zeit hat mich sehr geprägt und ich hatte viele Gelegenheiten, meinen eigenen Grenzen zu begegnen und diese auch immer wieder zu überschreiten. Damals bin ich intensiv mit meinen Emotionen in Kontakt
gekommen und habe Wege gefunden, damit umzugehen. Am wichtigsten dabei war für mich die Erfahrung, Angst zu spüren und diese durchdringende Energie niemals abzulehnen, sondern eher als Ressource zu nutzen. Solche eher extremen Erfahrungen haben mich sehr geprägt und sind auch heute noch ein fester Bestandteil meines Mindsets. In dieser Zeit hatte ich viele Möglichkeiten, mich selbst zu erfahren und habe auf diese Weise weitere Antworten auf meine „Lebensfragen“ erhalten.

Bis heute helfen mir diese Erlebnisse auch in schwierigen Situationen, „in der Mitte“ zu bleiben. Eine Form der „Impulskontrolle“, die es uns ermöglicht, bei den Herausforderungen unseres Lebens den Zugriff auf unsere Ressourcen zu behalten und somit handlungsfähig zu bleiben.

Mögen alle Lebewesen glücklich sein.

Vor knapp 25 Jahren lernte ich Dieter Kratzer kennen. Dieter war über zwei Jahrzehnte buddhistischer Mönch, erhielt bereits 1975 seine Ordination im Kloster Kopan (Nepal) und wurde zum spirituellen Leiter mehrerer buddhistischer Zentren und Schulen. In den 90er-Jahren kehrte er nach Deutschland zurück, wo wir uns über eine gemeinsame Freundin kennenlernten. Durch Dieter, der mich bis heute als spiritueller Lehrer begleitet, habe ich die Philosophie des Buddhismus tief erfahren und Techniken der Meditation erlernt. In zahlreichen gemeinsam durchgeführten Seminaren, Workshops und Meditationen (zu Beginn in unserem Wohnzimmer mit 12 Personen) und tiefgreifenden Gesprächen hatte ich immer wieder die Gelegenheit, viele weitere Antworten und Aspekte meiner Fragestellungen bezüglich unseres Lebens zu erhalten. Diese „Denkweise“ prägt mich bis heute, vor allem in meinem „Wertegefüge“. „Mögen alle Lebewesen glücklich sein“ war stets Dieters Wunsch und ich glaube, es vergeht bis heute nicht ein einziger Tag, ohne dass Dieter diesen Wunsch aktiv ausspricht. Dieter ist bis heute mit seiner bejahenden Grundhaltung mein Vorbild und auch ich habe mir diesen Wunsch zu eigen gemacht.

Die Suche nach weiteren Antworten endet nie

Über viele Jahre hinweg habe ich zahlreiche Ausbildungen absolviert und mir meine eigene Weiterentwicklung als hohes Ziel gesetzt. Besonders die vielen und zum Teil sehr intensiven Selbsterfahrungsanteile brachten für mich immer wieder neue Ansätze und Perspektiven, mich selbst, meine Mitmenschen und meine Umwelt differenzierter wahrzunehmen. Dadurch habe ich erreicht, immer mehr Klarheit für mich selbst zu erhalten. Weitere Fragen klärten sich mit steigenden Erfahrungen. Doch vor allem erlebe ich es als eine große Bereicherung, durch die vielen neuen Erkenntnisse, mein Interpretations- und Verhaltensrepertoire im Alltag immer wieder ausbauen zu können und somit flexibler zu werden. Das hilft mir heute sehr bei meiner Arbeit, mit zum Teil sehr unterschiedlichen Menschen.

Auf der Suche nach meinen Lebensfragen traf ich auf verschiedene Menschen, die mich begleitet haben und teilweise auch bis heute an meiner Seite sind. Ohne deren Hilfe wäre ich mit meiner Suche nicht so weit gekommen. Diese Erfahrung gebe ich meinen Klienten gerne weiter. Auch ich begleite sie ein Stück auf ihrem Weg, um die für sie offenen Fragen klären zu können. Dies ist eine sehr erfüllende Aufgabe für mich.


Ingolf Op den Berg

Als Sparringspartner und Vertrauter begleitet Ingolf Op den Berg seit fast 25 Jahren Menschen auf ihrem Weg zu mehr Klarheit, innerer Stärke, Souveränität und neuer Balance. Sein Ziel ist, die Problem-
ursachen gemeinsam zu erkennen und individuelle Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln. Er unterstützt seine Klienten mit transparenten, professionellen und praktischen „Denkwerkzeugen“. Diese helfen, ihre Einstellungen, Fähigkeiten und Verhaltensweisen zu modifizieren, um neue Handlungsmöglichkeiten zu erlernen. Das Ergebnis ist Klarheit für sich selbst, innere Stärke und neue Balance.

www.opdenberg.coach



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