Wenn weniger mehr ist! Loslassen und den eigenen Weg gehen

Es ist Urlaubszeit. Während andere unter Palmen dem Nichtstun frönen, sitze ich in einer Weiterbildung. Meine Freizeit investiere ich gerne in (mehr) Wissen. Bereits in der Schule und auch im Studium ist es mir leichtgefallen zu lernen. Meine Mutter sagte immer: „Investiere in dein Wissen, denn das kann dir niemand nehmen.“ Bildung, Neues lernen und dies zu verknüpfen war mir stets sehr wichtig. Im Studium der Ökotrophologie habe ich gelernt, interdisziplinär zu denken und zu arbeiten. Dies hat mir bei meiner späteren Karriere ungemein geholfen.
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| Kerstin Krause

Ich bin sprichwörtlich die Karriereleiter hochgefallen. Die erworbenen Zusatzqualifikationen haben das schnelle Vorankommen gepuscht. Dem Ganzen zuträglich waren auch meine Vorgesetzten, die mich gefördert und gefordert haben und denen ich dafür sehr dankbar bin. Meine Arbeit war mein Lebensinhalt, meine Passion. Wenn es beruflich gut lief, war es nicht so schlimm, dass nicht mehr ganz so viel vom Privatleben übrigblieb. Viele Jahre lief mein Leben so: Arbeiten, weiterbilden, wenig Zeit in den eigenen vier Wänden und neue Herausforderungen annehmen.

Zunehmende Herausforderungen

Ich liebte meinen Job, doch es war nie mein Ziel in die oberste Leitung eines Unternehmens zu gehen – für mich waren die Positionen zu weit weg vom Tagesgeschäft, den Kunden und vor allem den Mitarbeitern. Ich wollte miterleben, was meine Kunden bewegt und mit welchen Herausforderungen sie zu kämpfen haben. Und vor allem wollte ich ganz eng an meinen Mitarbeitern sein. Schließlich arbeitete ich zehn Jahre in einer mittleren Führungsposition und hatte wahnsinnigen Spaß, meine Mitarbeiter zu entwickeln. Zuzusehen, wie sie ihre Potenziale entdeckten, entwickelten und somit beruflich vorankamen, motivierte auch mich. Jedoch kostete mich diese „Sandwichposition“ zunehmend Kraft, da ich den steigenden Druck von oben nicht ungefiltert nach unten weitergab. Ich war ausgepowert, hatte keine Energie mehr, mein Akku war leer. Ich entschloss, eine Auszeit zu nehmen und nutzte diese, um in mich zu gehen und zu reflektieren, wie es weitergehen soll. Letztlich kam ich zu dem Entschluss „Ich werde die Führungsposition aufgeben, werde kündigen, um einen Job auszuüben, der mir mehr Lebensqualität gibt.“

Der Wendepunkt

Mit der Kündigung kam ein spannender Wendepunkt, den viele aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis nur schwer nachvollziehen konnten. Die Frage, warum ich eine gut dotierte Position aufgebe, löste Verwunderung aus. Der neue Job, für den ich mich entschied, war mit erheblichen Einsparungen verbunden, also spitzte ich den Bleistift und rechnete einmal durch, wie viel weniger Geld es für mehr Lebensqualität sein durfte. Was war „nice to have“, aber nicht zwingend erforderlich – ich kam erstaunlicherweise auf einen recht hohen Betrag, den ich für Dinge ausgab, die ich eigentlich gar nicht brauchte oder bemerkte.

Ich blieb der Pharmabranche, in der ich zuvor jahrelang tätig war, zwar weiterhin treu, nun aber in einem Job und einem Unternehmen, welches mir wesentlich mehr Entfaltungsspielraum gab. Weg von „big pharma“ hin zu einem kleinen anthroposophischen Pharmaunternehmen – und ich habe es genossen. Sich mit dem Thema Mensch, Erkrankung und Therapie nochmal auf eine andere, auch spirituelle Weise auseinanderzusetzen, hat mir viel gegeben. Jedes Mal, wenn ich zum Firmensitz, einer alten Gründervilla in wunderschöner Umgebung im tiefsten Schwaben fuhr, um dort einige Tage zu verbringen und nach Feierabend die Natur zu genießen, löste das in mir ein ein großartiges Gefühl der inneren Zufriedenheit aus. Ich fand neue Sinnhaftigkeit in meinem Tun und schöpfte neue Kraft. Jedoch kam es dazu, dass das Unternehmen mich nach zwei Jahren nicht mehr halten konnte. Plötzlich stand ich erneut vor dem Scheideweg. Der Gedanke, mich als Trainerin selbstständig zu machen, war schon lange in mir, aber noch nicht ganz ausgereift. Ich zweifelte an meiner Qualifikation. „Du musst da noch was draufpacken, das geht alles noch nicht. Das reicht noch nicht, du weißt noch nicht genug, du kannst noch nicht genug, du kannst noch nicht genug nachweisen“, sagte ich mir. Und das, obwohl ich bereits jahrelang Trainings und Coachings durchgeführt und etliche Ausbildungen und Qualifikationen hatte. Es fehlte einfach der Mut.

Stempel „Arbeitslos“ und ein Etappensieg

Es folgte eine kurze, aber schwere Zeit in meinem Leben. Ich, die immer beruflich erfolgreich war, wurde mit einem Mal arbeitslos. Was dieser Status, kam er doch ungewollt, mit mir machte, war spannend zu beobachten. Er änderte auf einen Schlag meine Energie, meine Ausstrahlung, meinen Gemütszustand, gab mir das Gefühl des Ausgeliefertseins. Natürlich wusste ich, dass ich einen neuen Job finden und dass dieser ein guter sein würde. Dennoch fühlte es sich ungut an. Ich musste mich den Regularien der ARGE unterwerfen und Dinge tun, die sich aus meiner Sicht jeglicher Sinnhaftigkeit entzogen. Zudem teilte man mir unmissverständlich mit, dass ich mit der Suche auf mich allein gestellt sei, denn solch hochqualifizierte Stellen seien nicht im Angebot. Ich brauchte ein bisschen, mich aufzurappeln und den Schock der plötzlichen Kündigung zu überwinden.
Nach drei Monaten ging es zurück in die klassische Pharmaindustrie, obwohl ich das eigentlich nicht mehr wollte. Meine neue Stellung als BU-Trainerin für Mitarbeiter und Führungskräfte in einer spannenden Indikation und einem völlig neuen Markt brachte mir unerwartet einen Etappensieg – ich war endlich Trainerin. Der Haken war allerdings, dass ich nur befristete Verträge bekam. Es forderte mich, mit dieser Unsicherheit umzugehen. Bereits zur Jahresmitte fing ich an, mit einem Auge nach einem neuen Job zu suchen. Das war unbefriedigend – und ich sagte mir, dass es so nicht weitergehen könne. Eine Festanstellung war nicht möglich und wieder kam die Zeit für eine Entscheidung. Jetzt oder nie. Ich wagte den Sprung in die Selbstständigkeit.

Der Sprung in die Selbstständigkeit

Mit dem Entschluss „ich mache mich selbstständig“ stellte ich alles in meinem Leben auf den Kopf. Nach 20 Jahren in Köln und Umgebung wechselte ich den Wohnort – aus meiner damaligen „klassischen“ Partnerschaft wurde eine Fernbeziehung und ich gab erneut eine gutbezahlte Anstellung inkl. Dienstwagen, bezahltem Urlaub etc. auf. Im Prinzip war es der gleiche Schritt, den ich schon einmal tat – in diesem Fall nur drastischer. Den komfortablen Firmenwagen tauschte ich gegen einen gebrauchten, alten Kleinwagen mit Schaltgetriebe und Kurbelfenstern, dafür ohne Klimaanlage – hauptsache das Flipchart passte in den Kofferraum. Wieder stieß ich auf Unverständnis in meinem Umfeld. Aber für mich war das vollkommen okay, denn ich fokussierte mich auf das, was mich glücklich macht, was ich tatsächlich will und benötige und nicht auf Prestigeobjekte. Bei all der Neuausrichtung brauchte ich eine verlässliche Konstante – was liegt da näher als das bekannte Umfeld, in dem man aufgewachsen ist? Und dann war ich selbstständige Trainerin, doch nicht nur das, ich wurde auch sehr schnell Train-the-Trainerin.

Das Business läuft – oder?

Bereits im Vorfeld baute ich mir ein Netzwerk an potenziellen Kunden und Trainingspartnern, mit denen ich zusammenarbeiten wollte, auf. Die Auftragslage war von Anfang an sehr gut. Ich musste für mich selbst jedoch etwas Neues lernen: es kam kein monatlich fester Betrag mehr auf das Konto – eine Unsicherheit, mit der ich lernen musste umzugehen. Nicht jeder meiner Kunden zahlte sofort, manchmal vergingen Monate – ich musste lernen das auszuhalten. Schon von Kindesbeinen an konnte ich gut mit meinem Geld wirtschaften. Meine Klarheit und Struktur waren gerade zu Beginn der Corona-Pandemie ein großer Vorteil, sonst hätte ich als Solo-Selbständige in Hessen die Anfangsmonate wahrscheinlich nicht überstanden. Stichtag 17. März, mein sonst so voller Terminkalender wurde schlagartig leer. An diesem Tag endete ein 5-tägiges On-the-Job-Coaching und nach und nach flatterten die E-Mails herein – alles Absagen für Termine des weiteren Jahres 2020. Ein Tiefpunkt.

Wie geht es weiter?

Da ich zeitgleich auch privat einen Tiefschlag erlebt hatte, spürte ich diesmal das Gefühl, dass mir jegliche Basis entzogen wurde. Und in den ersten Corona-Wochen hatte ich überhaupt keine Idee, wie es mit der Auftragslage weitergehen würde. Auch die Kunden waren in einer Schockstarre. Dass ich alles auf Digital umstellen würde, war vom ersten Moment an völlig klar. Große Unsicherheiten gab es hingegen bei der Frage, wie ich mich in diesem neuen Umfeld positionieren wollte. Viele Optionen, schnelles Geld zu verdienen nahm ich nicht wahr, vielmehr gab ich privat Wissen an Trainer-Kollegen weiter und unterstützte sie in Sachen digitale Lernplattformen, digitales Lernen usw. Es machte mich wütend, wie viele Angebote es gab, mit denen selbsternannte e-Trainer mit „Zertifikaten“ und wenig zielführenden Trainings den Kollegen das Geld aus der Tasche zogen. Das hätte ich guten Gewissens nicht machen können. Für mich ging es darum, sich gegenseitig zu helfen und Qualität zu bieten. Das zahlte sich aus, denn ich habe durch mein Vorgehen viele Empfehlungen erhalten, die mich weiterbrachten. Ich warf einen Blick auf die Lernkultur verschiedener Unternehmen: Wie entwickelte sie sich, was bedeutet es für die Unternehmen, jetzt alles auf E-Learning und Digitalisierung umzustellen? Wir haben viel aus der Corona-Zeit gelernt – es geht eben nicht nur um Tools und Methoden. Vielmehr steht das Mindset im Vordergrund. Das Heben von verborgenen Potenzialen in der Belegschaft, ein nachhaltiger Wissenstransfer sowie individuelle Konzepte, die jeden dort abholen, wo er gerade steht – für diese Themen brenne ich. Ich möchte mit meinen Beratungen, Workshops und Trainings dazu beitragen, dass Lernen ein systemischer Prozess in Unternehmen ist, der Spaß macht und Handlungen wirklich verändert.

Visionen und Küchenpartys

Meine Vision ist es, den Mitarbeitern in Unternehmen die Möglichkeit zu geben, sich nach ihren Bedürfnissen, Potenzialen, auf ihre Art und Weise weiterzuentwickeln – und im Gegenzug wird das gesamte Unternehmen zukunftsfähiger. Ich liebe es, solche Visionen zu denken und bei anderen anzustoßen. Die besten Ideen kommen mir oft beim Autofahren. Ich höre oder sehe manchmal etwas und verknüpfe das ganz flott mit anderen Dingen. Daraus ergeben sich neue Gedankenkonstrukte. Manchmal vergesse ich diese für ein paar Wochen, dann kommt ein nächster Impuls und ich baue meine Mindmap weiter. Impulse kommen auch beim Zusammensein mit anderen Menschen, das ging im Lockdown remote sehr gut – doch die besten Partys finden bekanntlich in der Küche statt. Gemeinsam mit Freunden zu kochen, zu essen und sich auszutauschen ist mir ebenso wichtig, wie mich zurückziehen zu können und ganz bei mir zu sein. Ich brauche nicht ständig Menschen um mich herum und genieße es, in der Natur neue Kraft zu tanken.

Im ausgebauten Transporter oder Tinyhaus durchs Land? Beratung und Training on the Road – könnte ich es mir aussuchen, wäre das etwas, das ich in Zukunft gerne machen möchte. Aus einem gut ausgebauten Transporter oder einem mobilen Tinyhaus remote Workshops und Trainings geben – heute von der Nordsee und nächste Woche aus den Alpen. Ich finde minimale Wohnkonzepte spannend, weil ich für mich gelernt habe, dass Loslassen sehr befreiend ist. Etwas, das ich hingegen nicht möchte, ist Stagnation. Auf der Stelle treten und handlungsunfähig zu sein habe ich aus meinem Leben verbannt. Meinen Kunden gebe ich gerne mit auf den Weg: Aus ihrem Inneren heraus zu handeln, auf das zu hören, was sie wirklich brauchen und wollen – so ist echte, begeisterte und nachhaltige Weiterentwicklung möglich.


Kerstin Krause

Seit mehr als 20 Jahren erlebt Kerstin Krause Lernen in Organisationen aus unterschiedlichen Perspektiven – als Mitarbeiterin, Führungskraft, externe Beraterin und Trainerin. Dabei stellt sie immer wieder fest, dass viel Zeit und Geld in Trainingsmaßnahmen und Lernangebote investiert wird, aber der nachhaltige Effekt ausbleibt.
Was Unternehmen brauchen, ist ein ganz neues Verständnis für Lernkultur, eine neue Art des Corporate Learning, um sich für die Zukunft gut aufzustellen. Nachhaltiger Fortschritt und Erfolg lassen sich erzielen, wenn die Mitarbeiter integriert und begeistert werden. Kerstin Krause unterstützt Unternehmen und Organisationen dabei, eine neue Lernkultur zu entwickeln und diese nachhaltig zu verankern, denn Corporate Learning umfasst weit mehr als theoretische Wissensvermittlung. Es sind die Einstellung sowie eine aktive Umsetzung, welche die Kommunikation, den Austausch von Wissen und somit den Arbeitsalltag über alle Hierarchiestufen hinweg verändern und verbessern.
Das Ziel von Kerstin Krause ist es, in der Zusammenarbeit die Lernkultur in Unternehmen positiv und nachhaltig zu verbessern, mit einem Mindset und Lernkonzepten, die soziales und informelles Lernen fördern, durch das Führungskräfte und Mitarbeiter mit- und voneinander lernen können.

www.kerstin-krause.training



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