Thomas Anders – der Gentleman der Musik

Thomas Anders gehört zu den wenigen deutschen Stars, von denen man behaupten kann, sie haben nationale und internationale Musikgeschichte geschrieben. Doch nicht nur musikalisch hat sich Thomas Anders einen Namen gemacht – er machte sich auch selbst zur Personenmarke. Ben Schulz traf den „Gentleman der Musik“ zum exklusiven Interview, um ihn mit dem Personal Brand Award zu ehren und mit ihm über Heimat, Marken, Werte und Zukunft zu sprechen.

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| Thomas Anders

Ben Schulz: Du hast fast überall auf der Welt Konzerte gegeben und warst viel unterwegs. Was bedeuten dir Herkunft und Heimat?

Thomas Anders: Es gibt diesen wunderbaren Spruch, der sagt „Woher soll ich wissen, wohin ich gehe, wenn ich nicht weiß, wo ich herkomme?“ Meine Eltern haben mich sehr geerdet erzogen. Wo ich herkomme, gibt es auch gar keine andere Chance, als geerdet zu sein. Mörz ist ein sehr kleines Dörfchen in der Vordereifel und dort kennt jeder jeden. Man hat seine Pflichten und Aufgaben und damit wird man groß und letztendlich auch erwachsen.

Ben Schulz: Was bedeutet der Begriff Heimat für dich heute?

Thomas Anders: Heimat ist, wo ich mich wohlfühle, mich auskenne, meine liebsten Menschen wohnen. Heimat ist, wo ich mich fallen lassen, traurig sein und lachen kann, wo ich Freude habe und mich sicher fühle.

Ben Schulz: Du hast im Laufe deiner bisherigen Karriere mit vielen Menschen zu tun gehabt. Welche Menschen haben dich in deinem Leben besonders geprägt?

Thomas Anders: Meine Eltern haben mich selbstverständlich geprägt. Eine Freundin, nicht im klassischen Sinne, sondern die Mutter meines engsten Freundes, hat mir ebenfalls sehr viel mit auf den Weg gegeben. Und mein enger Freundeskreis, die Menschen, die ich schon aus der Schule kenne und die mit mir durch dick und dünn gehen, haben mich ebenfalls geprägt. Und klar prägt eine Partnerschaft – ich bin mit meiner Frau seit 25 Jahren zusammen, 21 davon verheiratet.

Ben Schulz: Lass uns über Herausforderungen sprechen. Wenn du an deine Herausforderungen der letzten Jahrzehnte denkst, was ist dein Tipp, um diese zu meistern?

Thomas Anders: Wie man etwas schultert, hängt sehr viel mit dem Charakter und der Einstellung zusammen. Wenn ich einem jungen Menschen etwas raten soll, dann würde ich ihm sagen „Du musst den ganz festen Glauben an dich haben“. Das klingt einfach, ist aber schwer, denn das Leben macht es uns nicht immer leicht, den Glauben an uns nicht zu verlieren. Um Höhen und Tiefen, die das Leben unweigerlich mit sich bringt, gut zu überstehen, ist es wichtig, dass wir an uns glauben und darauf achten, dass die Seele nicht auf der Strecke bleibt. Niederlagen, ob private oder berufliche, kratzen immer an der Seele, denn man hat etwas falsch gemacht. Irgendwie lief es nicht so rund, wie man sich das vorgestellt hat. Berufliche Niederlagen kann man sich hin und wieder noch durch den Kopf erklären. Man ist den falschen Weg gegangen, hat eine falsche Entscheidung getroffen. Private Niederlagen schmerzen mehr, denn das Privatleben wird überwiegend aus dem Bauch heraus gesteuert. Hier muss man stark genug sein und sich sagen „Ich nehme es jetzt als Herausforderung und ich habe gelernt.“

Ben Schulz: Gab es für dich auch Momente, in denen du an dir gezweifelt hast?

Thomas Anders: Nein, das würde ich so nicht direkt sagen. Aber es gab natürlich auch diesen Moment, in dem ich mein Leben reflektierte und mich fragte „Wo bin ich, wo stehe ich, wo möchte ich hin und welche Chancen habe ich, dorthin zu kommen?“ Das war bei mir nach der ersten Phase von Modern Talking, in der ich mich zunächst musikalisch zurückgezogen habe. Ich bin nach Los Angeles gegangen. Ich wollte nach anderthalb Jahren jedoch wieder wissen, wie ich musikalisch weiterkommen kann. Nach Modern Talking hatte ich genug von der Musik, habe aber einige Jahre später gemerkt, dass es ohne auch nicht geht. Ich bin wieder zum Teil nach Deutschland zurückgekehrt und wollte wieder anknüpfen. Aber das ging nicht so leicht. Die Menschen haben nicht auf mich gewartet, aber, um es auf den Punkt zu bringen: Ich fing an über mich nachzudenken. In der Lebensphase, in der ich mich mit 24, 25 befand, saß ich zuhause auf einem riesengroßen Bauernhof, in meinem Wohnzimmer mit einem altenglischen Kamin und einem Glas Rotwein in der Hand und dachte „Jetzt bist du 25, statistisch gesehen kannst du 80 werden. Was machst du die nächsten 55 Jahre, wenn es mit der Musik nicht weitergeht?“ Diese Gedanken lassen sich auch nicht mit einem Glas Rotwein lösen. Die kann man auch nicht in einer Woche lösen, sondern das führte einfach dazu, dass man sich überdenken und fragen muss „Wer und was bin ich überhaupt?“
 
Ben Schulz: Das sind sehr existenzielle Fragen „Wer bin ich? Wo will ich hin?“ Du bist jetzt seit mehr als 40 Jahren im Musikbusiness. Wenn du heute deinem jüngeren Ich begegnen würdest, mit dem ganzen Wissen von heute, was würdest du ihm raten?

Thomas Anders: Alles richtig gemacht (lacht). Wenn ich sagen würde, du hättest doch irgendwo einen anderen Weg einschlagen sollen, dann wäre ich mit dem Leben, so wie ich es jetzt habe, nicht zufrieden. Dann hätte ich gerne, dass es einen anderen Weg genommen hätte und zum jetzigen Zeitpunkt einen anderen Ausgang hätte. Ich bin aber total happy mit dem, was ich habe und fühle mich auch sehr wohl. Was ich meinem jungen Ich vielleicht raten würde, ist, mutiger zu sein, mehr auszuprobieren, denn es kann nie so schlimm werden. Das ist eine Sache, die ich sowieso der gesamten heutigen Jugend gerne sagen würde. Denn ich habe oft das Gefühl, dass die jungen Menschen nicht mutig genug sind. Mut heißt für mich nicht als junger Mensch mit 210 durch eine geschlossene Ortschaft fahren. Viele junge Menschen sind entweder orientierungslos, wissen gar nicht, wo sie hinsollen und machen vor lauter Angst, dass sie etwas falsch machen, gar nichts. Das ist verkehrt. Oder sie sind so strebsam, dass sie ganz klar ihren Weg vor sich haben und im Grunde schon in der Oberstufe genau wissen, wo sie hinwollen, und was gemacht wird. Das ist schade, weil dadurch viele Möglichkeiten, die das Leben einem bietet, nicht wahrgenommen werden und sie somit gar nicht die Chance haben, Mut zu beweisen. Ich mache jetzt etwas, das unkonventionell ist und was keine Garantie mit sich bringt.

Ben Schulz: Glaubst du, dass sich die Jugend über die Jahrzehnte verändert hat?

Thomas Anders: Ja, definitiv. Was jetzt nicht heißt, dass früher alles besser war. Wir wollen ehrlich sein, früher, sprich vor 30, 40 Jahren war es so, dass in den meisten Fällen der Vater bestimmte, was eines Tages studiert und gemacht wird. Das war Gesetz und wenn es nicht gemacht wurde, war man ein Rebell und ist ausgebrochen. Aber das waren letztendlich die wenigsten. Heute wird durch das Internet wahnsinnig viel Fantasie von den jungen Menschen weggenommen. Diese Generation, die jetzt massiv mit Social Media beschossen wird, hat es nicht leicht. Ich glaube, dass der Geist der Menschen dem Entwicklungssprung von New Media und Social Media überhaupt nicht gewachsen ist. Unser Gehirn braucht viel länger, um sich daran zu gewöhnen und damit umzugehen, als es die mediale Entwicklung eigentlich vorgibt.

Ben Schulz: Du hast gerade das Wort Rebell genannt. Würdest du dich selbst als Rebell bezeichnen?

Thomas Anders: Ich bin meilenweit von einem Rebellen entfernt. Ich habe etwas zu sagen und traue mich das auch. Das hängt aber ganz einfach mit der Lebenserfahrung zusammen und mit dem Status, den ich habe.

Ben Schulz: Rebell ist eine Rolle. Du hast auch viele andere Rollen – Gesangsstar, Komponist, Moderator, Unterhaltungschef, Profi, Entertainer. Welche Rolle von diesen liebst du am meisten?

Thomas Anders: Zu singen und auf der Bühne zu stehen.

Ben Schulz: Ist das eher der Entertainer oder der Musiker?

Thomas Anders: Es ist der Entertainer, das eine funktioniert aber das andere nicht. Ich liebe es, Menschen zu unterhalten, in den Bann zu ziehen, zu fesseln und zu begeistern. Und das ist für mich unabhängig von einer musikalischen Qualität, die man natürlich mitbringen sollte. Das ist für mich die wahre Kunst, denn es ist wahnsinnig schwer, auf der Bühne zu stehen und ein Publikum – ich rede jetzt nicht von einem Konzertpublikum – zu begeistern. Wir müssen uns nichts vormachen, wenn ein Thomas Anders für eine Firma gebucht wird, dann steckt entweder die Frau des Besitzers dahinter, der Besitzer selbst oder ein Gremium. Es geht immer um Geschmackspräferenzen, wenn ein Künstler gebucht wird. Und das heißt nicht, dass die ganze Firma das gut findet. Ich gehe immer raus auf die Bühne nach dem Motto „Jetzt muss ich alle überzeugen“. Und das ist richtig Arbeit, so spielerisch wie es aussieht, ist es nicht. Da braucht man Entertainment-Qualitäten.

Ben Schulz: Viele nehmen das auf die leichte Schulter und haben eine Traumvorstellung, was es bedeutet Musiker, Entertainer zu sein. Aber wie du schon sagtest, es hat richtig mit Arbeit zu tun. Und das bringt wahrscheinlich auch jemanden wie dich an Grenzen. Was war für dich so eine Grenze?

Thomas Anders: Ich hatte noch nie das Gefühl, dem Druck nicht standhalten zu können. Aber natürlich erlebte auch ich Grenzen. Als ich zum Beispiel einmal vor einer Live-Fernsehsendung im Hotelzimmer auf dem Bett saß und mich fertigmachen musste, fragte ich mich „Was machst du hier eigentlich? Warum machst du das alles noch?“ Die richtige Entscheidung wäre jetzt, abzusagen. Aber dann kommt doch wieder die Disziplin durch – sowas macht man nicht. Man hat einfach kraftvoll zu sein, denn Absagen ist immer eine Form von Schwäche. Wobei das nicht sein muss, aber man empfindet es so. Also Disziplin. Muss sein. Aber es war ein ziemlich durchwachsener Auftritt. Das hat mir wiederum gezeigt, dass ich aufpassen und frühzeitig auf die Bremse treten sollte, wenn ich merke, es geht jetzt in eine Richtung, in der ich einfach zu viel arbeite.

Ben Schulz: Du bist eine richtige Marke. Was ist deiner Meinung nach ausschlaggebend, wenn man als Mensch zur Marke werden will?

Thomas Anders: Authentizität. Das wurde natürlich nicht von mir erfunden. Zu einer Marke gehören verschiedene Aspekte. Was der Charakter ausstrahlt, ist etwas sehr persönliches und es gibt noch den Zeitfaktor. Jemand, der erst seit zwei Jahren auf der Fläche ist, ist noch keine Marke. Beständigkeit formt eine Marke über Jahre, Jahrzehnte. Außerdem gilt es immer wieder zu überraschen. Wenn ich als Künstler, egal was ich tue, auserzählt bin, kann ich zwar eine Marke sein, aber eine langweilige. Ich muss immer wieder versuchen, neue Facetten zu finden, die zur Grundmarke passen. Ich versuche das zu finden, was gut zu meiner Marke passt und lehne Dinge ab, die nicht auf die Marke einzahlen.

Ben Schulz: Du hast bereits ein Kochbuch veröffentlicht und eine eigene Koch-Show im Fernsehen gehabt. Gibt es Ideen für neue Projekte?

Thomas Anders: Es gibt permanent neue Projekte. Im Herbst kommt in Russland ein eigenes Parfum auf den Markt. Dann arbeite ich an einem eigenen Wein und gerade durch die sozialen Medien habe ich viele Möglichkeiten zu spielen und zu machen. Das Kochbuch ist mit Genuss verbunden, das hat gepasst – ebenso wie Parfum oder Wein. Das sind alles Dinge, die zur Marke passen. Es hat alles etwas mit Genuss und Lifestyle zu tun. Wenn mir jemand anbieten würde, dass ich die neuen Elektro-Heizer verkaufen soll, wäre das komisch und ich würde das auch nicht machen. Ich habe schon einige Sachen, die mir angeboten wurden, abgelehnt. Das hätte meine Marke verwässert und was schlecht für die Marke ist, sollte man nicht tun.

Ben Schulz: Du hast zwei Werte genannt. Der eine ist Genuss, der andere Lifestyle. Welche Werte sind dir noch wichtig im Handeln, wenn du Entscheidungen im Alltag triffst, und gibt es Grundwerte für dich, die auch deine Marke ausmachen?

Thomas Anders: Über allem steht immer Respekt. Ich muss mit mir im Reinen sein, wenn ich meinem Gegenüber etwas verspreche. Es ist bezeichnend für mich, dass ich mit den Menschen, mit denen ich beruflich sehr eng zusammenarbeite, keinen schriftlichen Vertrag habe.

Ben Schulz: Respekt und Vertrauen höre ich raus, ist Vertrauen für dich ebenfalls ein wichtiger Wert?

Thomas Anders: Wenn ich jemanden respektiere, habe ich unweigerlich ein gewisses Vertrauen in diese Person. Wenn ich jemandem etwas versprochen habe und es nicht halten kann, geht mir das richtig nahe. Es beschäftigt mich und ich habe schon Entscheidungen fortgesetzt, obwohl ich wusste, das endet im absoluten Chaos. Auch auf einem kleinen Weg sollte man sich auf den anderen verlassen können. Wenn man aber merkt, es geht überhaupt nicht, dann muss man sich hinsetzen und es als erwachsener Mensch aushalten, zuzugeben, dass man sich verrannt hat. Ich finde es sehr schade, dass die meisten „keine Eier mehr in der Hose haben“. Wenn es gute Nachrichten gibt, dann klingelt mein Handy permanent. Wenn es aber schlechte Nachrichten gibt, passiert gar nichts. Man muss und sollte mit Rückgrat durchs Leben gehen. Muss eine Entscheidung revidiert werden, sollte darüber gesprochen werden, dann habe ich meine Erfahrung gemacht. Egal wie enttäuschend das sein mag, aber das Gegenüber hat immer noch Respekt vor mir, im Gegensatz, wenn ich einfach gehe oder fadenscheinige Ausreden vorbringe. Das zahlt sich auf Dauer nie aus.

Ben Schulz: Welche Gedanken gehen dir bei dem Wort „Zukunft“ durch den Kopf?

Thomas Anders: Ich habe zwei Seelen in der Brust. Zum einen macht mir die Geschwindigkeit der Social-Media-Entwicklung ein bisschen Angst, da ich nicht weiß, wo es hingeht. Aber auf der anderen Seite bin ich zuversichtlich, weil die Menschheit sich immer angepasst hat. Ich sehe die Zukunft am Ende immer noch so, dass ich mich auch dann jeden Morgen freuen darf, auf jeden Tag, der kommt und das Beste daraus machen möchte.

Das gesamte Interview von Thomas Anders und Ben Schulz können Sie auch auf unserem YouTube-Kanal sehen.




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