Dankbarkeit – eine vergessene Tugend

Meine Oma sagte früher zu mir: „Junge, sei einfach mal ein bisschen dankbar!“ Warum? Nun, Dankbarkeit tut der eigenen Seele gut und festigt unsere Beziehung zu anderen. Das gilt übrigens nicht nur zu besonderen Anlässen, wie dem Muttertag oder Weihnachten. Wir sollten uns öfter drüber klar werden, wofür wir dankbar sein können. Aber können wir auch dankbar sein, wenn uns Schicksalsschläge treffen? Ist Dankbarkeit nur eine innere spirituelle Haltung? Und was hindert uns daran, dankbar zu sein?
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In unserem Podcast habe ich mit Walter Kohl über das große Thema Dankbarkeit gesprochen und auch er hält sehr viel davon. In jungen Jahren hieß seine Devise: höher, schneller, weiter. Er war in diesem Denken gefangen und darüber hinaus verglich er sich auch noch. So gab es gar keine Chance für Zufriedenheit. Mit Mitte 30 hatte er dann ein Schlüsselerlebnis. Er war Führungskraft in einem Kölner Handelskonzern mit dem festen Ziel, Vorstand zu werden. Damals hatte er eine Putzfrau. Eines Tages war er überraschend früh zuhause und stand der Putzfrau, die gerade am Staubsaugen war, sprichwörtlich im Weg. Er sprach sie daraufhin an, wie sie es schaffe, immer so gut drauf zu sein. Sie war von Natur aus ein fröhlicher Mensch, obwohl sie ein unheimlich hartes Leben hatte als Flüchtling und alleinerziehende Mutter mit drei Jobs. Sie antwortete: „Ich vergleiche nicht.“ Da stand Walter Kohl als junger, aufstrebender Manager und war zutiefst bewegt. Sie war dankbar für das, was sie hatte. Und er war nicht dankbar für das viele, was er hatte, sondern unzufrieden mit dem, was er noch nicht hatte. Und ab da fing er an, mehr über Dankbarkeit nachzudenken.  

Dankbarkeit ist im Hier und Jetzt

Während wir für das undankbar sind, was wir in der Vergangenheit nicht hatten oder das, was wir in Zukunft noch nicht haben, bringt uns die Dankbarkeit in die Gegenwart. Sie bringt uns dazu, über das nachzudenken, was wir im Hier und Jetzt haben. Zudem kommt Dankbarkeit aus dem Affekt – regen wir uns zum Beispiel tierisch über etwas auf und schaffen es in diesem Moment trotzdem dankbar zu sein, dann nehmen wir uns ein Stück weit aus der Situation heraus und erlangen dadurch mehr Souveränität. Wie viele positive Aspekte Dankbarkeit mit sich bringt, haben wissenschaftliche Forschungen hinlänglich bewiesen. Sie belegen, dass Dankbarkeit zu psychischer Gesundheit beiträgt. Dankbare Menschen fühlen sich besser, führen stabilere Beziehungen, leiden weniger unter Angst, Ärger, Stress, Schlafstörungen und Depressionen. Erleben konnte ich das zum Beispiel bei meiner Mutter. Sie lag mit der Krebsdiagnose zu Hause im Sterbebett und war trotzdem mit enormer Dankbarkeit erfüllt. Über die Monate bis zu ihrem Tod hat sie uns das Gefühl vermittelt, dass sie dankbar ist, im Hier und Jetzt zu sein und jeden Moment, den sie noch hat, genießt. Das hat mich damals schwer beeindruckt, denn ich habe noch nie bei einem Menschen so extreme Dankbarkeit erlebt wie in der Zeit, in der wir meine Mutter bis zum Ende gepflegt haben. 

Dankbar trotz Schicksalsschlag 

Man könnte jetzt meinen, dass wir leicht reden haben, wenn wir von Dankbarkeit sprechen. Doch wie soll das gehen, wenn man bis zum Hals in „Scheiße“ steckt? Walter Kohl und ich kennen beide dieses Gefühl. Walter Kohl sogar so weit, dass er einen Suizidversuch hinter sich hat und keine Perspektive mehr gesehen hat, wegen Ereignissen, die außerhalb seiner Reichweite lagen: da waren die CDU-Spendenaffäre oder der Suizid seiner Mutter. Er galt auf dem Arbeitsmarkt als nicht mehr vermittelbar und ging mangels Alternativen in die Selbstständigkeit. Die ersten Jahre hatte er kaum Geld, konnte das Auto nicht reparieren lassen und verzichtete auf vieles. Jetzt allerdings lebt er ein ganz anderes Leben. Auf die Frage, ob er dankbar für diesen Crash war, lautet die Antwort: Ja und nein. Er ist nicht dankbar für den Schmerz, die Einsamkeit, Unsicherheiten und Ängste, die er damals hatte. Aber er ist dankbar, weil es sehr viel ermöglicht und geformt hat, was er heute machen kann. Deshalb würde er nie sagen, dass wir dankbar sein müssen, höchstens dass wir uns überlegen sollten, ob Dankbarkeit eine Kraftquelle sein kann. Ich selbst merke in Gesprächen und auch bei mir selbst, dass die guten Dinge, die vielleicht auch aus einem Crash entstanden sind, oftmals nicht lange auf dem Schirm bleiben und wenig geschätzt werden. Ich nehme hier ein einfaches Beispiel, über das ich manchmal nachdenke: Ich lebe in einer Patchworkfamilie mit sechs Kindern. Und ich kann wirklich dankbar dafür sein, sechs gesunde Kinder zu haben.

Selbstverständlich oder dankbar?

Es liegt in der Natur des Menschen, Dinge schnell als selbstverständlich anzusehen. Nehmen wir zum Beispiel ein neues Auto oder Smartphone – nach spätestens drei Monaten ist es für uns normal diese Dinge zu besitzen und wir werden dafür nicht mehr besonders dankbar sein. Walter Kohl nennt das gerne den Salzwasser-Effekt. Wir sind immer durstig und wollen mehr trinken. Doch brauchen wir ein noch größeres Auto? Ein Haus mit noch mehr Zimmern? Müssen wir noch schickere Reise machen? Oftmals entsteht der Trugschluss, dass wir dann zufrieden sind. Agieren wir immer nach dem Motto noch mehr, noch höher, noch schneller, noch weiter haben wir die perfekte Anleitung für Unzufriedenheit gefunden. Sind wir hingegen dankbar für das, was wir haben, stellt sich Zufriedenheit ein. 

Undankbare Mitarbeitende

Selbstverständlichkeit ist auch ein Thema, dass immer wieder in Unternehmen aufkommt. Neulich hat mir der Inhaber einer Unternehmensgruppe im Gespräch gesagt, dass er das Gefühl hat, dass seine Mitarbeitenden nicht dankbar sind. Das hat ihn richtig frustriert – und ich glaube es geht vielen Führungskräften, Teamleitenden oder InhaberInnen so. Walter Kohl hat diese Erfahrung ebenfalls schon gemacht. Er bot seinen Mitarbeitenden eine betriebliche Altersvorsoge mit einem Maximalbetrag an, denn er ist überzeugt davon, dass die gesetzliche Rente im Alter nicht mehr ausreicht. Das bedeutet, dass auch die Mitarbeitenden dort einzahlen müssen. Die meisten fanden das richtig gut, doch ein paar waren auch dagegen und fragten, warum sie das jetzt tun müssen und warum das von ihnen verlangt wird. Er reagierte darauf, indem er den Nutzen herausstellte und auch darauf hinwies, dass dies keine Pflicht sei – er schob noch den Satz hinterher „Und vielleicht sollten Sie auch einen Schuss Dankbarkeit dafür zeigen, dass sich jemand für Ihre Belange interessiert.“ Das gab große Augen. Doch Walter Kohl war es wichtig, auch das anzusprechen. Denn nicht alles, was Arbeitgebende bieten ist selbstverständlich, auch wenn viele Mitarbeitende das meinen. Vielleicht sollten einmal beide Seiten darüber nachdenken, wofür sie dankbar sein können. 

Dankbarkeitsübungen 

Es gibt einige Methoden, die uns helfen, dankbarer zu sein. Zum Beispiel ein Tagebuch, in das wir jeden Tag drei bis fünf Dinge schreiben, für die wir dankbar sind. Vielleicht auch Dinge, die wir selbstverständlich sehen, wie fließendes Wasser, Strom oder Frieden. In einer Zeit, die mich unternehmerisch sehr herausgefordert hat, habe ich beispielsweise damit begonnen, mir abends im Bett zu überlegen, für was ich dankbar bin. Mit diesen Gedanken bin ich eingeschlafen und morgens, wenn ich wach wurde, war das erste, woran ich dachte, wofür ich heute dankbar sein werde. Es ist erstaunlich, was passiert, wenn wir uns einmal bewusst mit der Dankbarkeit auseinandersetzen und wie sie uns dabei hilft, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren.