Der (Un)sinn des Lebens

Was ist der Sinn des Lebens? 42 mag es jetzt einigen schmunzelnd über die Lippen kommen, doch sind wir ehrlich, eine wahrhaftig befriedigende Antwort auf diese Frage hat noch niemand gefunden.
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Kürzlich erst prägte das Thema Sinn eine ganze Ausgabe des Zeit Magazin und auch die Welt am Sonntag widmete dem Sinn vergangene Woche einen Artikel. Früher, als noch rund 98% aller Deutschen einer Kirche angehörten, lag die Antwort klar im Glauben. Heute sind nur noch etwa 50% Mitglieder einer Kirche und auch von diesen ist es wahrscheinlich nur noch ein Teil, der den Sinn des Lebens im Glauben findet. Was ist mit den anderen – worin sieht der Großteil der Menschen heute Sinn? Begeben wir uns auf die Suche nach dem Sinn und Unsinn des Lebens.

Wer bin ich? Warum bin ich hier? Wie kann ich meinen Anteil leisten, damit diese Welt ein besserer Ort wird? Und was bedeutet die Antwort darauf für UnternehmerInnen und Selbstständige? Sind diese Fragen einmal gestellt, gehen sie einem nicht mehr aus dem Kopf. Die Frage nach dem Sinn hat es vermutlich schon immer gegeben, nur hatten wir keine Zeit, uns mit ihr zu beschäftigen. Es drehte sich alles darum, die Grundbedürfnisse nach Essen, einem Dach über dem Kopf und Sicherheit zu erfüllen. In den letzten hundert Jahren wurde bei uns im Westen das Leben diesbezüglich entspannter. In Europa müssen dankenswerterweise nur noch relativ wenige Menschen hungern. Und heute schießen Ratgeber, Coaching-Angebote, Selbsthilfebücher und Podcasts zum Thema Sinn des Lebens wie Pilze aus dem Boden.

Wer will schon sein, wie alle anderen

Normal ist out – zumindest sind viele Menschen der Ansicht, dass in der Konformität kein Sinn zu finden ist. Es muss immer schneller, höher, extremer sein, damit es Sinn ergibt und liegt dieser auch nur darin, noch ein Auto in die Garage oder eine edle Flasche Wein ins Regal zu stellen. Nicht selten allerdingst schlägt dann die Realität zu. Ein Unfall. Der Verlust eines geliebten Menschen. Das Wegbrechen der Existenzgrundlage. Und schon sind die bohrenden Fragen nach dem Warum wieder im Kopf. Selbstverwirklichung – das brauche ich, um Sinn zu finden, so die häufige Erkenntnis. Zuvor wird noch barfuß der Mount Everest bezwungen und die selbstgemachten Proteinriegel auf Social-Media in Szene gesetzt, schließlich braucht es eine gute Grundlage, um auf die Suche nach dem Sinn zu gehen. Am Ende des Yoga-Kurses fällt der Blick aus dem Fenster auf den Ententeich, die Veganerin auf der Matte nebenan hält einen brennenden Vortrag über Tierschutz – sie scheint ihren Sinn gefunden zu haben – auch wenn der eigene Appetit auf ein gutes Steak dadurch nicht abnimmt. Selbstverwirklichung allein ist auch nicht das, was dem Leben Sinn gibt. Es scheint wichtig, dass andere etwas davon haben, was man tut. In der Regel wird es als besonders motivierend empfunden, wenn das, was jemand tut, für andere wertvoll wird, wenn er etwas bewirken oder bewegen kann. Eine Wahrheit also bleibt: Wir alle suchen nach einer größeren Antwort auf alles. Doch wo ist diese zu finden?

Me, myself and I – reicht das für den Sinn?

Selbstverwirklichung, Selbstbestimmtheit, Individualität, Authentizität – unsere moderne Gesellschaft wird geradezu überschwemmt mit diesen Worten. Abertausende Suchergebnisse zeigen alle in die dieselbe Richtung: Ich, mich, meiner, mir – der Sinn scheint in einem selbst zu finden zu sein, oder? Tatjana Schnell, Professorin an der MF Norwegian School of Theology, Religion and Society, sowie assoziierte Professorin an der Universität Innsbruck, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Forschungsschwerpunkt der empirischen Sinnforschung. Sie erforscht, was Lebenssinn ist, wie man ihn messen kann und wie Menschen ihrem Leben Sinn verleihen. Ihre breit angelegten Befragungen und Studien zum Thema Sinn ergaben vier Voraussetzungen für ein sinnerfülltes Leben. 1, Menschen brauchen das Gefühl dazuzugehören, welches Freunde und Familie aber auch Religion, politscher Aktivismus oder die Zugehörigkeit zu einer Gruppe geben. 2, Das Leben wird als sinnvoll erachtet, wenn man eine Aufgabe hat oder eine Richtung verfolgt. 3, Menschen müssen spüren, dass ihre Weltanschauung stimmig zu ihnen ist. 4, Es gibt den Menschen Sinn, wenn ihr Handeln auf Resonanz stößt und etwas bewirkt.

Die Bestimmung liegt in Tiefschlägen

In unserer Arbeit mit Selbstständigen und UnternehmerInnen bestätigen sich die Ergebnisse aus Frau Schnells Forschung. Wir erarbeiten, was sie antreibt und welchen Weg sie im Leben einschlagen wollen. Wir entwickeln gemeinsam das persönliche Big Picture, ein Statement, von dem sie sich wünschen, dass Menschen in 70 Jahren so über sie sagen würden. Dieses große Big Picture gibt Orientierung, zeigt ein Ziel und motiviert zum Durchhalten, gerade in einer Zeit wie heute, in der kaum noch etwas planbar ist. Essenziell bei der Erarbeitung des Big Picture ist das eigene Lebensthema, das sich in den tiefsten Tiefs zeigt. Das, mit dem wir immer wieder zu kämpfen haben. Es äußert sich zum Beispiel in Sätzen wie „Ich bin nicht liebenswert“, „Ich bin nicht wertvoll“, „Ich bin hilflos“, „Ich habe Angst vor dem Sterben.“ Mithilfe unterschiedlichster Mechanismen haben wir Menschen im Laufe der Zeit gelernt, mit unserem persönlichen Lebensthema umzugehen. Wir erleben es oftmals als zutiefst befriedigend und sinnhaft, wenn wir Menschen in ähnlichen Lebenslagen unterstützen können. Die Frage, die sich jetzt stellt: Wie kann ich das in mein tägliches Tun einbinden? Wo kann ich sinnhaft, sinnvoll und damit für mich sinnstiftend unterwegs sein? Weshalb tue ich etwas? Das ist für jeden etwas anderes. Simon Sinek stellt bei seiner Frage nach dem „Why“ genau übersetzt eigentlich die Frage nach dem Wozu, dem Zweck. Was möchte ich mit meinem Handeln bezwecken, erreichen, bewirken? Das gibt noch nicht die komplette Antwort auf die große philosophische Frage nach dem Sinn. Doch sie deckt große Teile dieser Frage ab. Im Big Picture geht es darum, die eigenen „Bestimmung“, die Frage nach dem wofür bin ich hier und warum braucht mich die Welt, zu beantworten. Sie beantwortet nicht die Frage, warum es mich gibt. Doch das steht auf einem anderen Blatt ...