Kann KI in Zukunft Führung ersetzen?

Die künstliche Intelligenz ist unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Richard Christner, Chef bei IBM, verkündete vor Kurzem, dass in naher Zukunft rund 7.800 Stellen durch KI und Automatisierung ersetzt werden können. Es gibt einige Jobs, die wohl in der Zukunft eine KI übernehmen kann oder wird – dazu zählen etwa Bankangestellte, JournalistInnen, MarketingexpertInnen, FahrerInnen, Servicekräfte oder KundenbetreuerInnen. Aber wie sieht es mit CEOs und Führungskräften aus?

Der renommierte chinesische Softwaregigant NetDragon aus Hongkong beschäftigt seit August 2022 Tang Yu als CEO – eine künstliche Intelligenz. Sie arbeitet 24 Stunden, braucht keinen Urlaub, wird nicht krank, kostet kein Geld und brachte dem Unternehmen ein Aktienplus von 18,2 Prozent. Mein Chef, die Maschine. Wie realistisch ist das wirklich?
 

Revolution und Realität
 

Um diese provokante Frage zu beantworten, gehen wir mal einen Schritt zurück. Die KI-Revolution steht vor der Tür und wir haben alle noch nicht verstanden, was das wirklich bedeutet. Selbst die klügsten Köpfe aus dem Silicon Valley sehen KI nicht nur positiv und warnen sogar davor – auch wir sollten uns mit diesen Gedanken auseinandersetzen. Ob eine KI zukünftig einen CEO ersetzt, lassen wir an der Stelle zunächst mal offen. Was sich durch künstliche Intelligenz fundamental verändert, ist die Rolle der sogenannten White Collar Jobs. Aus den Diskussionen der vergangenen 40 Jahre haben wir uns vor allem darauf eingestellt, dass die Automatisierung und der technische Fortschritt besonders die Blue Collar, also die Arbeiter- und Werkebene betrifft. Jetzt ist es allerdings so, dass sich KI auch auf die „akademischen Jobs“ auswirkt. Und darin liegt eine zentrale Herausforderung. Veränderungen in der Technologie hat es schon immer gegeben. Denken wir nur an die ersten Computer, die Einführung des Internets usw. Bereits damals sprach man von einer Revolution. Eine ähnliche Entwicklung erleben wir gerade wieder mit KI – nur schneller. 

Beobachten wir die vergangenen drei Jahre, wird klar wie schnell. Allein seit 2020, bedingt durch die Corona-Pandemie, haben sich die Bereiche IT, Kommunikation usw. drastisch verändert. In meinem 2015 erschienen Buch „Goodbye, McK… & Co.“ habe ich das letzte Kapitel dem Thema gewidmet, wie der Alltag eines Beraters im Jahr 2025 aussieht. Wir haben schon damals beschrieben, dass eine KI den Berater von morgen begleitet, zu einer Art Bestbuddy wird, der zum Beispiel Termine organisiert und als Hologramm immer mit dabei ist. Was seinerzeit noch wie Science Fiction klang und uns eher aus Filmen bekannt war, wird jetzt mit einem Mal zur greifbaren Realität. 

Welches Studium lohnt sich noch? 

Wir wissen nicht, was kommen wird und sind keine Experten auf dem Gebiet der KI. Was sich allerdings aus Gesprächen mit Menschen, die direkt im Thema sind, herauslesen lässt, ist, dass KI sich nun auch auf Berufsfelder auswirkt, bei denen man es sich gar nicht hätte vorstellen können, zum Beispiel JuristInnen. Es gibt bereits Programme, die Verträge lesen, kommentieren und schreiben können. Würden wir also heute noch einem 18- oder 19-Jährigen empfehlen, Jura zu studieren? Die KI hinterfragt unsere bisherigen Bildungswege und -ideale. Das geht sehr viel tiefer, als wir momentan ahnen und Fragen nach der Art von Schule, die wir brauchen, der Art wie wir lernen usw. werden lauter. Können wir noch mit dem aktuellen System in KI-Zeit noch überleben? Oder müssen wir überhaupt noch etwas wissen? 

Vom Assistenten zum Herrscher?

Walter Kohl hat lange in der Autoindustrie gearbeitet und in vielen Werker-Bereichen war der Chef zum Beispiel die automatisierte Linie. Die Maschine hatte in diesem Fall Chefcharakter, was aber keine Entschuldigung sein darf, selbst nichts mehr zu wissen. Wenn wir, außer wie wir eine KI bedienen, selbst kein Know-how mehr haben, werden wir zu Sklaven der KI. Wir geben die Verantwortung ab und lassen die KI alle Entscheidungen fällen. Wir sprechen darüber, dass eine programmierte künstliche Intelligenz uns degradiert, delegiert und sagt, was wir jetzt wie machen müssen. 
Welche Aufgaben hat nun ein Chef oder eine Chefin? Sie müssen sich zum Beispiel mit den Themen Strategie und Planung befassen. Heute ist es sicherlich so, dass man für bestimmte Auswertungen mithilfe von KI auf große Datenbanken zurückgreifen kann. Diese sind hilfreich, um Fehler aus der Vergangenheit zu vermeiden und geben einen guten Überblick, doch am Ende geht es gerade bei Strategien und Planungen um menschliche Faktoren, die eben nicht über eine KI steuerbar sind. Zudem arbeitet eine KI nur mit Daten aus der Vergangenheit, und kann, soweit ich jedenfalls weiß, noch nicht in die Zukunft denken. Zwar lassen sich Eventualitäten ableiten, doch auch diese sind geprägt von bereits bestehenden Daten. 

Eine KI ist kein Hoffnungsträger

Das wirklich Herausstechende an einem guten CEO ist, dass er in der Lage ist, Outside the Box zu denken. Die größte Herausforderung in einer Zeit, in der so viele parallele Umbrüche passieren – politisch, technologisch, demografisch – ist, dass Führungskräfte und insbesondere CEOs mehr denn je gefordert sind, kreativ zu sein. Und das bedeutet nicht, dass sie in welcher Form auch immer die Vergangenheit fortsetzen, sondern die Zukunft gestalten. Eine KI kann hierbei wichtige Hinweise geben, aber die Fähigkeit wirklich anders und neu zu denken, traue ich einer KI heute nicht zu. Auch ist sie nicht in der Lage eine Vision für ein Unternehmen zu entwickeln, die mit Überzeugung von den Chefinnen und Chefs, Inhaberinnen und Inhabern und CEOs gelebt wird. Eine Vision, mit der sie sich vor ihre Mitarbeitenden stellen und voller Zuversicht sind, dass dies der richtige Weg ist. Ein guter Leader schafft es, seine Mitarbeitenden einzuschwören, auch wenn sie das Ziel vielleicht noch nicht sehen, doch die Menschen vertrauen ihm. Ich betone immer, dass UnternehmerInnen Hoffnungsträger für die Zukunft werden müssen – etwas, das eine KI nicht ist. 

 

Menschen brauchen Menschen

Eine KI kann per Definition die Menschen nicht auf der emotionalen Ebene erreichen. Stellen wir uns vor, die KI erklärt uns die Vision. Wahrscheinlich fällt es uns schwer, uns voll darauf einzulassen, denn nach wie vor gilt der alte Spruch von Dr. Reinfried Pohl: „Menschen brauchen Menschen.“ Jeder Punkt, der mit Entscheidungen zu tun hat, die teilweise auch Überwindung kosten, und von denen es gilt, diese auch umzusetzen, kann eine KI Menschen nicht ersetzen. Das Steuern einer Organisation beinhaltet immer menschliche Faktoren und Emotionen – auch gibt es Situationen, in denen Menschen nicht nach Schema F funktionieren, verschiedene Lebenssituationen, die sich nicht standardisieren lassen. Das sind Faktoren, die zum jetzigen Zeitpunkt, eine Maschine nicht abdeckt. Bei der Steuerung einer Organisation gibt es eine Menge Aufgaben, die eine KI übernehmen könnte. Wenn es aber um den Kontakt mit Menschen geht und diese mit ihren Bedürfnissen und Emotionen als Individuen gesehen werden müssen, ist das keine Aufgabe der KI.  
 

Eine KI räumt nicht auf

Wir werden von einem Umbruch in den nächsten gejagt, was viele Menschen überfordert und den Ruf nach menschlicher Führung laut werden lässt. Nach Leitsätzen, Orientierung und klaren Wegen in die Zukunft. Es ist erstaunlich, was KI schon leistet und welche Antworten zu verschiedenen Themen gegeben werden. Allerdings wird eine KI diese nicht umsetzen und erst recht nicht nachprüfen, ob die Mitarbeitenden das tun. Sie wird das Unternehmen nicht strategisch ausrichten oder die Unternehmenskultur verändern. Da fällt mir spontan auch der blöde Spruch: „Die Augen des Herrn machen die Kühe fett“ ein. Wenn sich die Chefinnen und Chefs in einem Unternehmen nicht um die Dinge kümmern und überprüfen, was passiert, besteht die Gefahr, dass gar nichts oder eben nur Mangelhaftes passiert. Das Aussprechen macht ungefähr 10 % des Wandels aus – das Hinterräumen 90 %. Aus Sicht einer Führungskraft oder eines CEOs ist das der anstrengende Part: das permanente Hinterher sein, aufräumen, machen. Alle Eltern, die ihren Kindern immer wieder sagen, dass sie ihr Zimmer aufräumen sollen, wissen wie sich das anfühlt. Vielleicht wird auch eine KI sagen, dass bestimmte Dinge nicht gemacht wurden, wenn das nervt, wird sie einfach ausgeschaltet. Ein menschlicher Chef hingegen, der zur Tür reinkommt und sagt: „Hören Sie mal, wie ist das jetzt?“, lässt sich nicht ausschalten. 

Akzeptieren Menschen eine Maschine als CEO?

Es gibt Themen, bei denen eine maschinelle Antwort akzeptabel ist, und andere, bei denen sie es nicht ist. Bei einem Flug verlässt sich der Pilot auf seine Instrumente und damit auf eine KI. Wenn diese nun anzeigen, dass etwas Bestimmtes getan werden muss, wird er dementsprechend handeln. Gibt es zum Beispiel Probleme, wird der Pilot immer auf Nummer Sicher gehen. In solchen Situationen ist eine maschinelle Antwort durchaus die bessere Wahl. Bei Entscheidungen, die das Personal betreffen oder menschliches Fingerspitzengefühl verlangen, sollten wir nicht der Antwort einer KI vertrauen.    

Die Revolution ist in vollem Gange

Grundsätzlich sind Menschen gern bequem, weshalb wir auch in Richtung KI über diesen Aspekt nachdenken sollten. Es gibt die Bequemlichkeit, die unser Leben verbessert – der Roboter, der den Rasen mäht, die Spülmaschine usw. Es gibt aber die große Gefahr einer KI, dass sie Bequemlichkeit für andere schafft und uns dadurch gefährdet. Wir haben uns daran gewöhnt, dass der Job, den wir gelernt haben, sicher ist. Wie zuvor erwähnt, hatten JuristInnen immer einen sicheren Arbeitsplatz und mussten sich keine Sorgen um die Zukunft machen. Gehen wir jetzt 10 Jahre weiter, dann sieht es schon ganz anders aus. Ebenso gilt es bei Themen rund um Kommunikation und Marketing. Das große Ding ChatGPT textet alles rund um Marketing, PR, journalistische Artikel, Social Media – wir müssen im Endeffekt nur wissen, wie wir die Maschine bedienen und erhalten genau das, was wir haben wollen. Das Gleiche gilt für die Bildbearbeitung oder -erstellung. Wir sagen der KI, verlängere das Bild, wähle einen Ausschnitt, setze einen Traktor in die Ecke oder wir beschreiben, welches Bild wir wollen und schon bekommen wir es – meist in Sekundenschnelle. Im Weiteren geht das ebenso mit Videos oder mit der Programmierung einer Website oder App. Gerade im Marketing erleben wir aktuell so einen massiven Wandel, was das Thema angeht. Und es wird klar, dass jetzt auch die sogenannten White Collar Jobs massiv von KI beeinflusst werden. Die eigentliche Revolution besteht genau darin. Jobs, die bis jetzt, in unserem Bewusstsein, sicher waren, weil sie sich über Wissen und Kompetenz definiert haben, werden auf einmal infrage gestellt. Es braucht dafür nun ganz andere Leute und vor allem weniger. 

Fazit: Kann KI Führung ersetzen? 

Kommen wir abschließend zu unserer Ursprungsfrage zurück: Kann KI in Zukunft Führung ersetzen? Laut aktuellem Stand lautet die Antwort nein, da Führung nicht mechanisch abläuft. Sie spielt sich insbesondere auf einer emotionalen Ebene ab. Und wir können uns auch nicht vorstellen, dass in üblichen Unternehmen Vorstände und CEOs durch KI ausgewechselt werden. Was allerdings passiert, ist, dass sich das Aufgabenspektrum eines CEOs verändern wird, da Informationsgewinnung und Analysen leichter werden. Es gibt eine Menge guter Tools und es wäre dumm, diese nicht einzusetzen, wobei die Herausforderung darin liegt, diese Dinge wirklich zu integrieren und als Mehrwert zu nutzen. Aber es braucht menschliche Führungskräfte, denn Menschen brauchen Menschen. Emotionalität, Verbundenheit, Zugehörigkeit – all dies kann eine Maschine nicht schaffen. Sie kann Fachwissen bringen, Daten aus der Vergangenheit auswerten und Tendenzen geben, aber nicht die Inspiration, Kreativität und die Fähigkeit, durch eine Mischung aus Empathie, Strenge und Disziplin, Menschen von A nach B zu führen.

Ben Schulz
Autor: Ben Schulz

Ben Schulz ist Sparringspartner für Geschäftsführer und Führungsteams in klein- und mittelständischen Unternehmen, wenn es um deren Strategie und Transformationsprozessen geht. Der Vorstand des Beratungshauses Ben Schulz & Partner AG legt den Schwerpunkt seiner Tätigkeit, gemeinsam mit seinem Team, auf die Schwerpunkte Unternehmensleitbildentwicklung, Kulturwandel, Führungskräfteentwicklung und strategischen Unternehmersparrings, bei denen es um die Steigerung von Perfomance geht.




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