Ungelebte Werte sind wertlos

Bei der Recherche zum Thema Werte habe ich festgestellt, dass wir in der deutschen Sprache mehr als 1.000 Worte und Synonyme für Werte und Tugenden haben. 90 Prozent unseres Denkens, Fühlens und Handels wird von unserem Wertesystem beeinflusst. Den ganzen Tag – unbewusst. Wenn sich zwei Menschen treffen, dann findet immer zunächst ein Abgleich von deren Wertesystemen statt, ohne dass sie das groß beeinflussen können. Auch im Business sind Werte in den letzten Jahren massiv im Kommen, zum Beispiel in der Kommunikation, der Führung, der Unternehmenskultur oder im Recruiting. Doch manchmal entsteht der Eindruck, dass mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird.
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An vielen Stellen lesen wir vom wertorientierten Vertrieb, einer wertorientierten Führung, wertorientierten Teambuilding-Maßnahmen und vielem mehr. Werte sind zum Trendthema geworden, denn schließlich sorgen sie für ein gutes Image. Und man handelt Werte jetzt ebenso ab wie Agilität, Resilienz oder die Digitalisierung. Aber was davon ist eigentlich echt und erlebbar? Hängt nicht nur im Besprechungsraum an der Wand und wird in schickem Marketing-Sprech auf der Unternehmensseite präsentiert? 

Werte sind Orientierungspunkte 

Als ich in unserem Podcast mit Walter Kohl darüber gesprochen habe, beschreibt er, dass er sich Werte wie die Koordinaten auf einem Blatt Papier vorstellt. Für ihn sind sie eine Orientierungshilfe, die es erleichtert, komplexe Situationen herunterzubrechen und zu zeigen, ob diese für uns passend sind oder nicht. Werte bleiben in der Regel unausgesprochen und im Verborgenen. Er selbst ist ein Mensch, der den Wert Pünktlichkeit in sich trägt und sich sehr darüber aufregt, wenn andere unpünktlich sind. Aber er spricht nicht darüber. Für Führungskräfte und im Business bedeutet das, zunächst zu definieren, welche unausgesprochen Werte das Unternehmen hat. 

Jeder versteht etwas anderes 

Interessant ist, dass Menschen ein und denselben Wert unterschiedlich mit Inhalt füllen. Werden in einem Unternehmen zehn Leute danach gefragt, was sie unter Qualität verstehen, so bekommt man wahrscheinlich 10 verschiedene Antworten. Wir sind den ganzen Tag mit Werten unterwegs und haben alle eine eigene Art, welche Färbung wir diesen geben. Beim Wert Qualität erlebte dies auch Walter Kohl, der früher in der Autoindustrie tätig war. Regelmäßig fragte er, was denn Qualität heiße, und hat die abenteuerlichsten Antworten bekommen. Für sich definierte er sie wie folgt: „Qualität ist die Erfüllung von vernünftigen Anforderungen und ein Schnaps mehr. Also die berühmten 102 %, aber nicht 120 %.“ Nachdem die Werte definiert sind, sollte man daran gehen, diese nicht nur als Wort zu sehen, sondern sie auch mit Inhalt zu füllen. 

Das eigene Wertesystem

Welche Werte sind mir persönlich wichtig? Nach welchen Werten agiere ich und nach welchen das Unternehmen? Insbesondere bei Führungskräften und InhaberInnen stelle ich fest, dass Werte oft mit Erwartungen von außen gleichgesetzt werden. Wird ein gewisser Wert am Markt erwartet, so versuchen sie ihn umzusetzen – aus meiner Sicht ist das die falsche Reihenfolge. Jeder von uns ist mit einem unterschiedlichen Wertesystem groß geworden, geprägt durch die Familie, Weltanschauung etc. Wir haben alle eine Art Betriebssystem mit auf den Weg bekommen, welches wir nicht bewusst wahrnehmen. Es ist wie ein Autopilot, der ins uns läuft und den wir als selbstverständlich wahrnehmen. Ich vergleiche das Gehirn im Zusammenhang mit dem Abgleich von Wertesystemen gerne mit einem Maschendrahtzaun. Es gibt manche, die haben größere Löcher und andere kleinere. Das hat nichts mit der Intelligenz zu tun, sondern mit der Wahrnehmung. Jetzt fallen Informationen darauf – einige rutschen durch, andere bleiben hängen. Das hat einen großen Einfluss darauf, ob wir jemanden als sympathisch empfinden oder eine Antipathie entwickeln. Es füttert unser Bauchgefühl und unsere Intuition damit, wie wir über diesen Menschen denken, wie wir uns in seiner Gegenwart fühlen und ob es sich stimmig mit ihm anfühlt. Sich zu hinterfragen und bewusst zu machen, welche Werte mich geprägt haben, welche anerzogen oder übernommen wurden und ob ich diese in Zukunft ausleben oder verändern möchte, bringt viel Erkenntnisse mit sich. Das gilt auch für Organisationen und Unternehmen. Was für Unternehmenswerte haben wir? Was stammt tatsächlich aus unserem Inneren und was von der Marketing-Abteilung oder einer Agentur? Die zentrale Aufgabe von Führungskräften besteht darin, Werte auszukleiden, und zwar so, dass sie für jeden Mitarbeitenden verständlich sind und sich auf deren Arbeitsrealität herunterbrechen lassen.  

Schnittmengen finden 

Es ist klar, dass Führungskräfte in einem Team von zehn Menschen auch auf zehn unterschiedliche Wertesysteme treffen, die es zu vereinen gilt. Die Herausforderung ist, eine Schnittmenge herzustellen, in der sich die Werte überschneiden. Das kann sich zum Beispiel im Wert Verlässlichkeit widerspiegeln: Das heißt, im Team muss klar sein, wenn eine Aussage gemacht wird, dann gilt es diese einzuhalten. Sagen wir jemandem zu, bis 12.00 Uhr eine bestimmte Liste zu bekommen, dann sollte das auch passieren. Wenn nicht, dann wird derjenige informiert und darüber in Kenntnis gesetzt, dass die Arbeit erst später kommt. Das geht allerding nur, wenn die Führungskraft den Wert – in diesem Fall Verlässlichkeit – konsequent vorlebt. 

Werte im Mittelstand

Was denken Sie, welche Werte im Mittelstand besonders wichtig sind? Walter Kohl und ich fanden unsere Schnittmenge in den Werten Mut, Vertrauen und Respekt. Dieses Wertegerüst bietet in der aktuellen Zeit Stabilität. Den Mut braucht es in unsicheren Zeiten und im Wandel. Vertrauen in sich selbst, die Mitarbeitenden, die Produkte oder Dienstleistungen sorgt für mehr Schlagkraft und fördert wiederum den Wert der Transparenz. Respekt zeigt sich in einem wertschätzenden Umgang miteinander und bedingt auch eine gewisse Art der Fürsorge. Jedes Unternehmen bzw. die Menschen darin sind an dieser Stelle gefragt, selbst zu überdenken welche Werte für sie jetzt und in Zukunft wichtig sind, wie diese mit Leben gefüllt werden und von jedem verstanden werden.


Fazit: Wertearbeit ist von Wert 

Wer sich gerne eingehender mit Werten beschäftigen möchte, dem empfehle ich drei Reflexionsfragen. Zu diesen gilt es jeweils fünf Werte zu definieren, die immer unterschiedlich sind, sodass am Ende 15 Werte stehen. 

  • Welche Werte sind mir wichtig im Umgang mit Menschen? 
  • Welche Werte sind mir wichtig in der Kommunikation? 
  • Welche Werte sind mir wichtig im Umgang mit mir selbst?

Wenn 15 Werte auf dem Zettel stehen, geht es zum nächsten Schritt. Nehmen wir an, Sie dürften morgen nur noch fünf davon leben. Für welchen würden Sie sich heute entscheiden? Leben Sie diese? Fordern Sie sie ein? Erkennt man in Ihrem Unternehmen diese Werte? Das ist ein erster Einstieg in die Wertearbeite, die an vielen Stellen noch intensiver wird. Wie das aussieht, können wir gerne in einem Unternehmersparring klären.