Ich merke jedes Jahr, wie mich diese Wochen packen. Obwohl ich seit Jahren Führungskräftetrainings gebe, obwohl ich das Führungsprinzip Hope & Trust Leadership predige, sitze ich selbst manchmal wie ein Feuerwehrmann ohne Schlauch da. Da ruft ein Kunde an, der „unbedingt noch dieses Jahr“ liefern will. Da meldet sich ein Bereichsleiter, weil die Krankenquote steigt. Und in mir wächst ein Gefühl, das aussieht wie die Mischung aus Deadline, Kontrollverlust und zu wenig Schlaf.
Vielleicht kennst du diese innere Enge. Vielleicht verdrängst du sie auch.
Der Dezember ist ein Stresstest – keine Einbildung
Die Zahlen sind eindeutig. Die DAK zeigt seit Jahren, wie psychische Erkrankungen insgesamt neue Höchststände erreichen. Die Fehltage wegen Belastungsreaktionen, Erschöpfung und Depressionen sind im Zehnjahresvergleich um mehr als 50 Prozent gestiegen. Ein klarer Trend nach oben. Kein Mythos, sondern Realität.
Dazu kommt der innere Druck. Laut KKH berichten über 60 Prozent der Berufstätigen von massivem Zeitdruck. Und 65 Prozent setzen sich selbst mit ihren eigenen Ansprüchen stärker unter Stress als jede Führungskraft es je könnte. Der Dezember verstärkt genau diese Dynamik. Alles soll noch abgeschlossen werden, bevor der Kalender umspringt.
Der perfekte Zündfunke für das Gefühl, dass es brennt.
Dünne Nerven, scharfe Worte, gereizte Teams
Die sogenannte besinnliche Zeit produziert nachweislich Konflikte. Studien zeigen, dass bei rund jedem Vierten an Weihnachten immer oder zumindest gelegentlich Streit ausbricht. Dieses emotionale Grundrauschen läuft mit in deine Meetings, in deine Mails, in deine Gespräche.
Noch heikler wird es durch ein gefährliches Wahrnehmungsloch. Die ias-Studie zeigt: Fast die Hälfte der Führungskräfte sieht steigende psychische Belastungen bei den eigenen Teams. Gleichzeitig halten sich über 80 Prozent selbst für stabil.
Das ist der Punkt, an dem du verletzlich wirst. Gereizt. Ungeduldig. Und manchmal härter, als du es willst.
Ich kenne das. Ich habe solche Momente selbst erlebt. In meinem Buch „Führungskräfte als Hoffnungsträger“ schildere ich Situationen, in denen ich überzeugt war, alles im Griff zu haben – und danach feststellen musste, dass ich selbst auf dem dünnsten Nerv tanzte.
Der Markt legt im Dezember noch Holz nach
Als wäre das alles nicht genug, kommt der Druck von außen: wirtschaftliche Unsicherheit, Lieferketten, Budgetkämpfe. Das Institut der deutschen Wirtschaft zeigt, wie stark sich das Arbeitsklima verschlechtert, sobald ein Unternehmen wirtschaftlich schwächelt. In stabilen Firmen bewerten über 50 Prozent das Klima als gut. In Unternehmen mit Sorgen rutscht der Wert auf knapp über 30 Prozent ab.
Dazu kommen die Terminfakten: Im Handel arbeiten 44 Prozent, in der Logistik 40 Prozent der Beschäftigten sogar am Heiligabend noch vormittags. Wenn deine Kunden auf „noch dieses Jahr“ drängen, drängt das Klima gleich mit.
Der Advent ist damit kein romantisches Lichtspiel. Er ist ein Systemtest.
Meine persönliche Dezember-Lektion
Vor einigen Jahren stand in unseren frisch sanierten Räumen die Kanalisation. Fünf Zentimeter hoch. Schwarze Brühe. In Büros, Küche, Seminarraum. Ich stand da, sah die Arbeit von Monaten untergehen und spürte, wie mir die Kontrolle entglitt.
Mein Team kam am Abend zusammen. Alle packten mit an. Wir haben bis in die Nacht geschrubbt.
Warum erzähle ich dir das? Weil dieser Moment mich auf eine Wahrheit gestoßen hat, die ich heute vielen Führungskräften im Dezember mitgebe: Wenn es brennt, führt nicht die Person mit der besten fachlichen Lösung. Es führt die Person, die die Ruhe hält. Die akzeptiert, was ist. Die Hoffnung gibt. Die Vertrauen lebt.
Genau hier beginnt … das Führungsprinzip Hope & Trust Leadership.
Was dieser Advent von dir verlangt
Die entscheidende Frage lautet nicht: „Wie organisiere ich dieses Chaos?“
Die entscheidende Frage lautet: „Wie führe ich mich selbst in diesem Chaos?“
Wenn du hektisch wirst, werden deine Leute hektisch.
Wenn du nervös kommunizierst, steigt die Temperatur im ganzen Haus.
Wenn du alles kontrollierst, verliert dein Team die Luft.
Wenn du dauerhaft im Alarmmodus bist, entscheidet niemand mehr sauber.
Der Dezember ist kein organisatorisches Problem. Er ist ein emotionales Führungsproblem.
Und genau darin steckt deine Chance:
- Setz klare Prioritäten.
- Streiche Überflüssiges radikal.
- Entlaste einzelne Menschen bewusst.
- Fang Konflikte aktiv ab.
- Formuliere eine Perspektive für Januar.
Das wirkt unscheinbar. Es verändert mehr, als du glaubst.
Vom Brandstifter zum Hoffnungsträger
Dein Unternehmen braucht im Dezember keinen perfekten Chef. Es braucht einen glaubwürdigen. Einen, der Haltung zeigt, wenn die Lage eng wird. Einen, der Vertrauen schenkt, obwohl der Druck steigt. Einen, der offen sagt, was realistisch machbar ist – und was nicht.
Vielleicht brauchst du das auch für dich selbst: einen Moment der Ehrlichkeit. Eine kurze Pause. Einen klaren Gedanken.
Der Advent zeigt dir gnadenlos, wie viel deiner Führung trägt. Und ob du bereit bist, aus dem Modus „Feuerwehr“ in die Rolle des Hoffnungsträgers zu wechseln.
Denn am Ende geht es nicht darum, das Jahr sauber abzuschließen.
Es geht darum, wie du in diesem Feuer stehst.
Und was deine Leute an deiner Seite spüren: Druck. Oder Hoffnung.