Brauchen UnternehmerInnen eine Vision?

Schon König Salomo soll gesagt haben: „Ohne Vision verkommt mein Volk.“ Wer kein Ziel vor Augen hat, braucht erst gar nicht losmarschieren. Das ist hinlänglich bekannt. Doch wie bei so vielen Themen ist die Schere zwischen Theorie und Praxis groß. In der Theorie haben die meisten Unternehmer und Unternehmerinnen und somit ihre Unternehmen eine Vision. Diese hängt bevorzugt leicht vergilbt in einem verstaubten Bilderrahmen im Foyer oder im Mitarbeiterraum über der Kaffeemaschine. Damit ist es aber nicht getan. Nur echte und gelebte Visionen und Ziele führen in die Zukunft. Ansonsten sind sie nicht die „Tinte“ wert, mit denen sie geschrieben wurden.
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Visionen – was ist das überhaupt? Altkanzler Helmut Schmidt brachte die provokante Aussage: „Wer Visionen hat, muss zum Arzt.“ Doch von dieser Art Vision wollen wir nicht sprechen – sondern vielmehr darüber, warum Unternehmen ein Zielbild brauchen, eine Vision der Zukunft.

Visionen sind keine Etappenziele

Visionen sind Langzeitziele und keine Etappenziele, die in zwei Wochen erreicht werden können. Es ist somit keine Vision zu sagen: „Ich möchte in der Produktion so und so viele Schritte oder Ressourcen einsparen.“ „Wir bauen aktuell ein Auto mit Verbrennungsmotor und wir wollen die erste große Automobilfirma aufbauen, die rein auf Elektroantrieb läuft.“ wäre hingegen eine. Schauen wir uns einige Beispiele für visionäres Denken an. Da haben wir Bill Gates, der als junger Mann sagte, dass auf jedem Schreibtisch ein Computer stehen wird. Oder Steve Jobs, der zur Präsentation des ersten iPhone die Aussage „Wir revolutionieren den Markt damit“ tätigte. Es gab in der Vergangenheit immer wieder Visionäre. Werner von Siemens war auch ein Visionär zu seiner Zeit. Die Menschen, die Telefunken gegründet haben, mit der Idee, Sprache über einen Draht oder über Funk zu transportieren. Seinerzeit war Fliegen visionär, die Straßenbeleuchtung, Autofahren u. v. m. Mit Blick auf diese Beispiele kommt die Frage auf, ob alle Visionäre automatisch auch Pioniere auf einem Gebiet sein müssen.

Visionäre und/oder Pioniere?

Im Grunde gibt es keine klare Abgrenzung zwischen Visionären und Pionieren. In beiden Fällen handelt es sich um die Fähigkeiten eines Menschen, sich über die bestehende Situation und das bestehende Denken bewusst zu erheben und die Vogelperspektive einzunehmen. Natürlich möchte nicht unbedingt jeder Unternehmer oder jede Unternehmerin Pionierarbeit leisten, dennoch bedeutet eine Vision zu haben, immer ein Stückweit Pionier zu sein. Jeder Mittelständler, der in die Richtung Hidden Champion geht, muss zu einem gewissen Prozentsatz Pioniergeist in sich haben. Sonst wäre er eben nur die 25. Apotheke oder die 25. Bäckerei im Ort. Wenn er aber Bäckerei anders denkt, dann ist er automatisch auch ein bisschen Pionier.

Nicht alle UnternehmerInnen werden gleich als Pioniere wahrgenommen, dennoch sollten sie eine Vision haben, ein Langzeitziel. Es geht nicht immer darum, das Rad neu zu erfinden, sondern um Menschen, die ihr Geschäftsmodell neu denken, eine Vision entwickeln und nach vorne gehen. Gerade jetzt zu Beginn des neuen Jahres ist eine gute Gelegenheit, einmal darüber nachzudenken, welche Vision das eigene Unternehmen hat und ob diese gelebt wird.

Wenn alles erfolgreich läuft, herrscht Alarmstufe Rot

In einem etablierten Unternehmen, in dem alles rund läuft, wird allzu leicht vergessen, dass es eine Vision braucht. Wenn UnternehmerInnen damit aufhören, Visionen zu entwickeln, begeben sie sich über kurz oder lang in eine schlechte Position. Der Markt schläft nicht, Ideen werden kopiert, vielleicht sogar verbessert und schneller als man denkt fehlt das Alleinstellungsmerkmal. Die größte Gefahr bei erfolgreichen Unternehmen geht davon aus, dass nichts getan wird. Alles läuft gut und jeder arbeitet und lebt in der Annahme, dass es so bleiben wird. Ist das der Fall, sollte Alarmstufe Rot gelten. Dann ist es höchste Zeit für UnternehmerInnen, die nächste Vision zu entwickeln. Wir sprachen vorher kurz von Steve Jobs, der ein Musterbeispiel für Visionen ist. Er entwickelte ständig weiter – vom Macintosh über den iPod, mit er die Musikindustrie aufmischte, bis hin zum iPhone und dem allgemeinen Appgedanken. Das ist jetzt ein Extrem, doch eine Prise davon tut jedem Mittelständler gut. Wie einzigartig die Arbeit von Steve Jobs war, wird heute deutlich. Aktuell hat man das Gefühl, dass sich bei den neuen iPhone-Modellen nicht viel verändert. Lediglich die Größe, Kamera, Speicherplatz oder andere Kleinigkeiten werden verbessert, aber das ist nicht Pionierarbeit in dem Sinne, wie Steve Jobs sie zu Lebzeiten geleistet hat.

Im und am – zwei Worte mit großer Wirkung

Es gibt zwei Arten von Veränderung: die im System und die am System. Eine Veränderung im System ist beispielsweise der Golf von Volkswagen, der in immer neuen Modellen daherkommt. Lange Zeit stützte sich das Unternehmen auch auf seinen Käfer als Wunderauto. Dieser lief und lief und lief, doch letztlich ist er durch die Ölkrise ausgebremst worden – 1972 hatte er 34 PS und verbrauchte durchschnittlich 13 Liter. Das war nicht mehr haltbar. Der Käfer hatte keine Zukunft. Das ist ein entscheidender Grund, warum Unternehmen eine Vision auch disruptiv denken müssen. UnternehmerInnen können sich hierzu ein oder zweimal im Jahr – vielleicht jetzt zum Jahresstart – überlegen, was passieren muss, damit das Geschäftsmodell kaputt geht. Welche externen Faktoren braucht es? Was muss passieren, damit das Produkt oder die Dienstleistung keine Zukunft mehr hat? Viele Unternehmen, die keine Visionen haben und vermehrt im und nicht am System arbeiten, geraten in Schieflage, die nicht selten in der Insolvenz mündet. Kodak ist hierfür ein klassisches Beispiel: Sie hatten den Mark jahrelang komplett im Griff, doch keine Vision für die Zukunft und letztlich wurden sie überrannt von neuen Technologien und damit mehr oder weniger unnütz.

In guten wie in schlechten Zeiten

Vision gehören zu guten wie zu Krisenzeiten. Sind Unternehmen erfolgreich, stellt sich leicht ein Bequemlichkeitsdenken ein. Das macht es nicht leicht, im Blick zu behalten, dass es Visionen braucht, um die Zukunft zu sichern. Doch behalten wir hier Kodak oder Nokia als mahnende Beispiele im Hinterkopf. In Krisen, in denen sich die Herausforderungen türmen und wir mit dem Rücken zur Wand stehen, braucht es ebenfalls eine Visionsdenke. Durch Corona kam vieles bzgl. Visionen zum Erliegen. Viele Unternehmen und UnternehmerInnen waren wie gelähmt. Es galt, einen Brand nach dem anderen zu löschen – da war keine Zeit für Visionen. Es ist verständlich, dass viele keine Kraft, keine Kapazität und auch keinen Willen für Visionen hatten. Heute sind wir an einem Punkt angekommen, wo sich die Pandemie zum Glück immer weiter abschwächt. Allerdings kommen völlig neue Herausforderungen durch den Krieg in Europa, Energiekrisen, Lieferkettenproblematiken usw. auf Unternehmen zu. Doch genau jetzt ist Zeit für Visionen, um das Jahr 2023 und darüber hinaus mit einer neuen Perspektive und neuen Hoffnungen zu definieren.

Jammern oder Mut machen?

Wir können uns beschweren, dass es uns schlecht geht, wir müde sind, angestrengt, ausgelaugt. Das mag alles richtig sein. Doch hart gesagt: Ändert das was? Ist der globale Wettbewerb dadurch entschärft? Werden unsere Mitarbeitenden dafür Verständnis haben und im Unternehmen bleiben? Stellen wir uns so attraktiv auf? Nein! Wir sollten sogar davon ausgehen, dass es die nächsten Jahre noch schlimmer werden wird. Wir können es uns nicht aussuchen. Warum also nicht eine „Jetzt erst recht“-Haltung an den Tag legen? Sich auf die Fahne schreiben, die kommenden Jahre als Mutmacher und Hoffnungsträger nach vorne zu gehen – mit einer klaren, begeisternden Vision. Wieder selbst Regie zu führen und sich fragen: Was müssen wir tun, um wettbewerbsfähig zu sein und zu bleiben? Woraus schöpfen wir Kraft? Das wünsche ich mir für viele Unternehmen und UnternehmerInnen für dieses Jahr.


Fazit: Visionen sind ein wichtiges Privileg

Wir haben schwierige Zeiten. Das ist unbestritten. Es hat keinen Sinn, sich darüber zu beschweren. Wenn wir jammern, ändert sich gar nichts. Wir haben es selbst in der Hand und brauchen Mut, Disziplin und müssen ins Handeln kommen. Denn je weiter wir das Thema „Vision“ vor uns herschieben, desto höher ist die Mauer, über die wir müssen. Eine Vision sendet ein klares und starkes Signal – auch Richtung Fach- und Führungskräfte-Mangel. Wenn wir als UnternehmerInnen als Dream Painter Perspektiven für die Zukunft schaffen, Langzeitziele definieren und Sinnhaftigkeit schaffen, haben wie ein wertvolles Instrument, um die Mitarbeitenden in unseren Unternehmen zu halten. Und nicht zu vergessen: Visionen sind ein Privileg. Wir als UnternehmerInnen und Unternehmen haben die großartige Möglichkeit, mit den Talenten, Fähigkeiten, finanziellen und technischen Mitteln, Kompetenzen und Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, etwas Neues zu kreieren und die Zukunft unserer Unternehmen zu gestalten – sowohl heute als auch nächstes Jahr.  


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