Der Chefarzt als Führungskraft

Kliniken besetzen Chefarztstellen medizinisch exzellent und lassen die Führung dem Zufall. Was Geschäftsleitungen jetzt ändern müssen.

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Ein Chefarzt steht im Büro seines Geschäftsführers. Er sagt: „Wir brauchen mehr Kapazität, mein Team ist am Limit.“ Der Geschäftsführer weiß, dass das nicht stimmt. Im Sommer hat er Personal aufgebaut, die Überstundenkonten sind abgebaut. Jetzt steigen die Patientenzahlen wieder, wie jedes Jahr im Herbst. Was fehlt, ist keine Stelle. Was fehlt, ist das Gespräch, das der Chefarzt mit seinem Team nicht führt.

Ich begleite derzeit die Chefarztrunden von zwei Krankenhäusern, beide Häuser der Regelversorgung. Eine davon seit zwei Jahren: sieben Chefärzte, ein Geschäftsführer. Die Szene oben stammt aus dieser Runde, und sie ist keine Ausnahme. Sie ist das Muster. Und sie erzählt mehr über das deutsche Krankenhaus als jede Reformdebatte.

Drei Rollen des Chefarztes, keine Vorbereitung auf Führung

Ein Chefarzt trägt die medizinische Letztverantwortung für jeden Patienten seiner Abteilung. Er steuert ein Budget, verantwortet die Auslastung und pflegt die Einweiser. Er positioniert seine Abteilung im Wettbewerb um Leistungsgruppen. Und er führt Menschen: Oberärzte, Assistenzärzte, an der Schnittstelle zur Pflege. Keine dieser Rollen lässt sich nebenbei erledigen.

Auf die medizinische Rolle bereitet ihn das System über Jahrzehnte vor. Studium, Facharztweiterbildung, Oberarztjahre, oft eine Habilitation. Auf die ökonomische Rolle bereiten ihn Chefarztverträge mit Bonussystemen vor. Auf die Führungsrolle bereitet ihn niemand vor. In keiner Weiterbildungsordnung steht, wie ein Oberarzt lernt, ein Team durch einen Winter mit Personalausfall zu führen. Er lernt es, wenn er Chefarzt ist. Oder er lernt es nicht.

Wer Stellenanzeigen für Chefärzte liest, erkennt die Erwartung des Systems. Eine Untersuchung des Berufsverbands der Deutschen Chirurgen wertete 91 Anzeigen aus. Gefordert wurden „hohe ökonomische Kompetenz“, „werteorientierte Führung“ und „Belastbarkeit“. Geboten wurden Boni und leistungsorientierte Vergütung. Eine einzige Anzeige nannte einen Vorzug jenseits des Geldes. Sie versprach eine Geschäftsführung „als Ansprechpartner auf Augenhöhe“. Eine Anzeige von 91 beschreibt damit das, was Führung eigentlich trägt.

Führungskultur im Krankenhaus: Wenn Hierarchie Führung ersetzt

Wo Führung nicht gelernt wird, übernimmt die Hierarchie. Im Krankenhaus ist sie mächtig, und sie funktioniert. Bis sie es nicht mehr tut.

Der Marburger Bund Hamburg hat 2025 Ärztinnen und Ärzte zur Führungskultur in ihren Kliniken befragt. Mehr als die Hälfte traut sich nicht, Missstände bei der eigenen Führungskraft anzusprechen. Eine offene Fehler- und Feedbackkultur halten gerade 9 Prozent für möglich. Das sind 9 Prozent in einer Branche, in der Fehler Menschenleben kosten.

Die Umfrage bildet die Sicht der Geführten ab. Aber der Verband leitender Krankenhausärztinnen und -ärzte hat im November 2025 selbst Stellung bezogen. Er spricht von „strukturellen Defiziten in der Führungskultur einzelner Einrichtungen“. Und er fordert den Ausbau von Führungsqualifizierungen für leitende Ärzte. Wenn der Berufsverband der Chefärzte das sagt, ist die Debatte keine Beraterthese mehr.

Was fehlende Führung das Krankenhaus kostet

Die Rechnung bezahlen Kliniken täglich, nur taucht sie in keiner Kostenstelle auf.

28 Prozent der angestellten Ärztinnen und Ärzte erwägen, die Patientenversorgung ganz zu verlassen. Das zeigt der MB-Monitor des Marburger Bundes mit fast 10.000 Befragten. Das Ärztebarometer 2025 macht sichtbar, wen das besonders betrifft. 29,1 Prozent der Chefärzte begründen Wechselgedanken mit sich verschlechternden Arbeitsbedingungen. Bei den Oberärzten sind es 38,6 Prozent. Es geht ihnen nicht um das Gehalt. Es geht um die Bedingungen, unter denen sie führen und geführt werden.

Gleichzeitig melden 66 Prozent der Krankenhäuser Stellenbesetzungsprobleme im ärztlichen Dienst. Dasselbe DKG-Fachkräftemonitoring 2026 nennt die Zahl, die ich für die wichtigste in diesem Text halte. Führungskräfteentwicklung ist nur in rund der Hälfte der Krankenhäuser krankenhausweiter Standard. Jedes zweite Haus entwickelt also diejenigen nicht, die seine Teams halten sollen.

Dazu kommt der wirtschaftliche Rahmen. Zwei Drittel der Krankenhäuser schrieben 2024 Verluste, so viele wie nie seit Einführung der Fallpauschalen. Die Krankenhausreform ist beschlossen, aber gestreckt: Die Vorhaltevergütung wird erst 2030 voll wirksam. Chefärzte führen also noch Jahre in Unsicherheit. Sie führen Abteilungen, deren Fortbestand von Leistungsgruppen abhängt, die sie nicht beeinflussen.

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Der häufigste Irrtum: Teamentwicklung statt Führungsentwicklung

Wenn eine Abteilung knirscht, greifen Kliniken gern zur Teamentwicklung. Ein Workshop für die Station, Supervision für die Assistenzärzte, ein Kommunikationstraining mit der Pflege. Das ist bequem, weil es den Chefarzt aus der Verantwortung nimmt.

In über 20 Jahren Beratung habe ich kaum eine Teamentwicklung erlebt, die ein Führungsdefizit ersetzt hätte. Sie überdeckt es für eine Weile. Danach ist das Problem wieder da, und die Abteilung hat einen Workshop mehr hinter sich.

Zurück zur Szene vom Anfang. Der Chefarzt fordert Kapazität, in Wahrheit delegiert er Führung nach oben. Das Gespräch, in dem er seinem Team sagt, was ab jetzt gilt, führt er nicht. Stattdessen soll die Geschäftsführung das Problem lösen, mit Geld. Jede Geschäftsführung, die darauf eingeht, lehrt ihre Chefärzte eines: Klage wirkt, Führung ist optional.

Führungskräfteentwicklung für Chefärzte: vier Felder

Kein weiteres Curriculum. Die Bundesärztekammer hat ihr Curriculum „Ärztliche Führung“ 2023 in zweiter Auflage vorgelegt. Es ist solide, aber Führung lernt niemand im Seminarraum. Sie entsteht im Alltag, unter Last, in der Konfrontation mit dem eigenen Verhalten. Deshalb arbeite ich mit Chefarztrunden auf vier Feldern.

1. Selbstführung vor Führung. 

Ein Chefarzt, der sein eigenes Dauerrauschen nicht steuert, steuert auch kein Team. Wir arbeiten auf vier Ebenen: Denken, Emotion, Verhalten und Vitalität. Das klingt weich und ist das Härteste, was ich mit Führungskräften mache. Denn es fragt nach dem eigenen Anteil an den Zuständen, über die sie klagen.

2. Verantwortung klären, bevor sie eingefordert wird. 

In der Chefarztrunde sortieren wir jeden Klagepunkt in drei Spalten. Entscheide ich allein, entscheide ich mit der Geschäftsführung, oder entscheidet die Geschäftsführung? In der ersten Spalte landet regelmäßig mehr, als die Runde erwartet. Dienstplan, Elektivprogramm, Priorisierung, das überfällige Gespräch mit dem Oberarzt. Das ist Führung, und sie liegt beim Chefarzt.

3. Eine Spielregel gegen Rückdelegation. 

Wer ein Ressourcenproblem meldet, bringt zwei eigene Entscheidungsoptionen mit. Und das Gespräch, das er bereits mit seinem Team geführt hat. Diese Regel verändert Chefarztrunden innerhalb weniger Wochen. Nicht weil sie hart ist, sondern weil sie Klarheit schafft.

4. Hoffnung und Vertrauen als Führungsprinzip. 

Ich nenne das Hope & Trust Leadership. Hoffnung gibt Richtung, Vertrauen gibt Halt. Das ist kein Kitsch, sondern die Antwort auf die Zahlen oben. Wenn nur 9 Prozent eine offene Feedbackkultur erleben, fehlt Vertrauen. Wenn 28 Prozent den Beruf verlassen wollen, fehlt Richtung. Beides stellt kein Bonussystem her. Beides stellt ein Chefarzt her, der weiß, wohin er seine Abteilung führt. Und der seinem Team zutraut, diesen Weg mitzugehen. Hoffnung heißt dabei nicht, Entlastung zu versprechen. Hoffnung heißt, zu sagen, was kommt, und dafür einzustehen.

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So läuft Führungskräfteentwicklung im Krankenhaus

Führungskräfteentwicklung für Chefärzte funktioniert nicht als Zwei-Tages-Seminar. Sie funktioniert als Begleitung über das Jahr. Vier bis sechs kompakte Module, dazwischen Gruppensparrings zu realen Fällen aus den Abteilungen. Der Geschäftsführer ist Teil des Prozesses, nicht Auftraggeber im Hintergrund. Denn die Spielregeln einer Chefarztrunde gelten nur, wenn die Geschäftsführung sie mitträgt. Und wenn sie selbst aufhört, auf Klagen mit Nachbesserung zu reagieren.

Drei Fragen an Ihre Chefarztrunde

Bevor Sie in irgendetwas investieren, stellen Sie Ihren Chefärzten drei Fragen:

  1. Welche Entscheidung haben Sie zuletzt allein getroffen, die Ihrem Team etwas abverlangt hat?
  2. Welches Gespräch vermeiden Sie gerade?
  3. Was erwarten Sie von der Geschäftsführung, das Sie selbst entscheiden könnten?

Die Antworten zeigen Ihnen, wo Ihre Chefärzte als Führungskräfte stehen. Die Krankenhausreform entscheidet, welche Abteilungen bleiben. Wer sie führt, entscheiden Sie. Medizinische Exzellenz haben Sie eingekauft. Führung müssen Sie entwickeln.

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Ben Schulz kommt in Ihre Klinik

Sie wollen wissen, wo Ihre Chefärzte als Führungskräfte stehen? Ben kommt dafür persönlich zu Ihnen.

Im Gespräch mit Geschäftsführung und Ärztlicher Direktion klärt er die Ausgangslage. Danach wissen Sie, ob eine Begleitung Ihrer Chefarztrunde der richtige Schritt ist.


Quellen und weiterführende Studien zum Artikel "Der Chefarzt als Führungskraft"

Ben Schulz
Autor: Ben Schulz

Ben Schulz ist Unternehmer, Autor, Redner und Consultant für Geschäftsführer und Führungsteams in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Der Geschäftsführer der Unternehmensberatung Ben Schulz & Partner legt den Schwerpunkt seiner Tätigkeit, gemeinsam mit seinem Team, auf die Schwerpunkte Unternehmensleitbildentwicklung, Kulturwandel, Führungskräfteentwicklung und strategischen Unternehmersparrings, bei denen es um die Steigerung von Perfomance geht.


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