Die Chance der Selbstführung – eine kognitive, emotionale und physische Herausforderung für UnternehmerInnen

Die Chance der Selbstführung. Noch nie war sie so sichtbar wie in den vergangenen zwei Jahren: die Herausforderung für Unternehmer und Unternehmerinnen in puncto Selbstführung. Diese wird sein, Selbstführung und Selbststeuerung anders zu handhaben, um mit den sich rasant veränderten Umständen der letzten beiden Jahre und den aktuell wechselnden Rahmenbedingungen klar zu kommen und ihren Energiehaushalt am Laufen zu halten. Hierzu gilt es zu reflektieren, an welchen Stellen sie ansetzen können – von der psychischen Ebene über die Emotionen, vom Verhalten bis hin zur physischen Ebene. All diese Ebenen bieten Ansatzpunkte, um angemessen und souverän mit der allgegenwärtigen Unsicherheit umzugehen.
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Unsicherheit. Das heißt auch Angst. Angst in der Mannschaft. Angst im Unternehmen. Wie geht es mit uns weiter? Schaffen wir das? Habe ich morgen noch einen sicheren Job? Wie geht die Zukunft des Unternehmens in den nächsten Jahren weiter? In solchen Situationen ist eine Integrationspersönlichkeit, jemand, der führt, ganz wichtig. Aber um zu führen, muss man erst mal sich selbst führen.

„Nur wer sich selbst führen kann, kann auch andere führen.“

Diesen abgedroschenen Satz hat sicherlich jeder schon mal in einem Seminar gehört – aber er trifft den Nagel auf den Kopf. Führen beginnt bei sich selbst; und zwar in allen Rollen, die wir ausfüllen.

Wenn man das mal aus einer reflektierenden Perspektive sieht – dieses „sich selbst führen“ – muss man es wagen, auch hinter die Kulissen zu schauen. Wenn wir über das Thema Angst und Unsicherheit sprechen, müssen wir uns ehrlich fragen: „Wer sitzt eigentlich im Moment auf dem Regiestuhl und hat intern die Führung?“

Wer bin ich? Und vor allem wie viele? Ein alter Witz, aber verdammt wahr. Jeder Mensch ist die Summe seiner Rollen, der unterschiedlichen Stimmen, die in einem lachen, schreien, flüstern, schweigen. Es ist wie ein inneres Orchester, welches einen Dirigenten braucht, damit aus einer Kakophonie eine harmonische Melodie wird.

Jede Stimme, jedes Instrument in diesem Orchester, hat eine Berechtigung. Diese zu verdrängen oder verleugnen hilft nicht. Man muss den Stimmen ihren Raum geben, aber sie müssen in ein gemeinsames Ganzes passen. Dies ist die Herausforderung bei der Selbstführung. Wer dies beherrscht, ist auch in der Lage, sein Team aus Individuen zu führen.

„Der da ist schuld“

Ein wesentlicher Indikator schlechter Selbstführung ist, die Schuld bei anderen zu suchen. Das ist der Klassiker. Irgendwas ist schiefgegangen und schon ist der Reflex da zu sagen: „Die da sind verantwortlich.“ Eine gute Selbstführung ist in der Lage, eine Pausentaste zu drücken, um sich zu fragen: „Was ist mein Anteil?“ In dem Moment, in dem ich das tue, nehme ich erst mal Tempo aus der ganzen Situation. Und danach komme ich ganz anders in meiner Kommunikation rüber. Wenn ich als Chef Selbstführung zeige, die auch mit Selbstkritik und einem gesunden, vernünftigen Maß einhergeht, dann kann ich das auch von allen anderen verlangen. Im Ergebnis kommen wir nicht in einen Schlagabtausch von Schuld, Unschuld und im Zweifelsfall noch Schlimmeren, sondern wir gehen in eine lösungsorientierte Diskussion.


Die 4 Ebenen der Selbstführung

Insgesamt lassen sich 4 Bereiche bzw. Ebenen von Selbstführung benennen:

Kognitive Selbstführung

In der kognitiven Selbstführung gibt es einen Aspekt, den ich gerne in der Zusammenarbeit mit meinen Kunden bringe. Das ist das Thema: „Wie setze ich mir Ziele?“ „Denke ich in Erreichungszielen oder denke ich in Vermeidungszielen?“ „Denke ich in anspruchsvollen Zielen oder denke ich in Zielen, die ich eh schaffe, weil's bequem ist und ich keinen Stress haben will?“

Wir sind ja dummerweise so geprägt, dass wir, egal ob es um Schule, Weltanschauung, Kirche, oder Politik geht, wir denken und kommunizieren immer nur in Vermeidung. Das ist ja schon in unserem Sprechtonus drin, dass wir Vermeidungsziele formulieren: Wir vermeiden hinzufallen. Wir wollen vermeiden zu scheitern. Wir müssen dies und das vermeiden. Wir müssen Arbeitsplätze sichern. Wie viel anders hört sich da doch „Arbeitsplätze schaffen, aufbauen, zukunftsfest machen“ an. Welch andere Energie steckt da dahinter. Allein in der Formulierung. Erinnern wir uns an den Auszug aus dem Talmud: „Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.“

Das ist der Kern. Das heißt, in der kognitiven Selbstführung ist eine der ganz wesentlichen Aspekte, wie formuliere ich Ziele und wie gehe ich mit ihnen um.

Emotionale Selbstführung.

Die emotionale Selbstführung beschäftigt sich mit dem Thema: „Wie bleibe ich handlungsfähig?“ Und dies besonders in emotionalen Momenten. Wie behalte ich die Oberhand, wenn die Situation mich überwältigt. Stichwort: Kurze Lunte. Das ist manchmal gar nicht so einfach, wenn einem jemand irgendwie doof kommt und dann knallt eine Sicherung durch. Das darf natürlich nicht passieren. Und wenn es doch geknallt hat, auch den Mut zu haben und zu sagen: „Hör mal, da habe ich mich eben im Ton vergriffen. Es tut mir leid, ich möchte das zwischen uns klären.“ Das gehört für mich definitiv zur emotionalen Selbstführung dazu.

Verhaltenssteuerung und Umfeldgestaltung

Wir performen dann am besten, wenn unser Umfeld so gestaltet ist, dass es die Möglichkeiten schafft, damit wir performen können. Klassisches Beispiel: Ich hatte letztens eine Kundin, die ich beraten habe, ihr Büro remotetechnisch umzubauen. Bei ihr im Büro lief es dann wie folgt: Ihr Hauptbüro war zur Gartenseite hin gebaut, mit einer riesigen Fensterfront. Man konnte rausschauen, der Raum war hell, ein Traum. Dann kamen wir in den anderen Raum, den sie umbauen wollte. Der hatte so ein Kellerfenster und ansonsten war es dunkel und kalt und abweisend. Ich habe sie angeguckt und sagte: „Warte mal ganz kurz, du sagst mir, du möchtest in Zukunft 60 bis 70 % deiner Zeit online arbeiten. Das heißt, du gehst in dieses Kabuff und verbringst hier die meiste Zeit. Ich weiß jetzt schon, was du mir in vier Wochen sagen wirst: Online arbeiten ist scheiße.“ Stille – und ich weiter: „Weißt du was? Du bist mit dafür verantwortlich, damit du performen kannst. Und wenn du weißt, du musst maximal performen, musst du dir das geeignete Umfeld schaffen. Das gehört zur Selbstführung.“

Ich gestalte mein Umfeld so, dass ich gut performen kann. Und das ist, glaube ich, auch ganz wichtig. Ich muss Lust auf mein Umfeld haben. Wenn ich keine Lust habe, dann kann ich auch nicht performen.

Vitalitätsmanagement

Zum Vitalitätsmanagement gehören die Themen wie Gesundheit, Ernährung, Bewegung, Auszeiten, Schlafen, Natur usw. Sich zu sagen: „Ich bin mir es wert, so viel zu schlafen. Ich bin es mir wert, mich jede Woche um meine körperliche Fitness zu kümmern. Ich finde Wege, dass ich in meinem Alltag so und so viel Zeit für mich finde.

Selbstfürsorge. Das ist, glaube ich, ein ganz entscheidender Punkt. Wir sprechen hier über Self Care. Das ist die neue Art von Vitalitätsmanagement. Wie gehe ich mit meinem Körper um? Wie gehe ich mit meinen Emotionen um? Wie gehe ich mit meinem Geist um? Wie gehe ich mit meiner Seele um? Wie gehe ich mit Beziehungen um? Aber diesem Thema widme ich mich in einem anderen Blog.

Fazit

Selbstführung – schon immer ein wichtiges Thema, aber nach den Disruptionen der letzten Jahre zum MUSS geworden. Vor allem sollte dies ganzheitlich über alle 4 Ebenen der Selbstführung ernst genommen und umgesetzt werden.