Die große Herausforderung: Familienunternehmen – wenn nur die Sippe nicht wäre

Mit einem Anteil von 90 % aller aktiven Unternehmen sind Familienunternehmen der Motor unserer deutschen Wirtschaft. Sie halten fast 60 % der Gesamtbeschäftigten und tragen circa 50 % am Gesamtumsatz bei. Das hört sich nach richtig schöner heiler Welt an. Aber gemäß der Schätzung des Instituts für Mittelstandsforschung steht bis 2026 in rund 190.000 Familienunternehmen die Nachfolge an. Und noch deutlicher sind die Zahlen einer weiteren Studie. Laut einer KfW-Studie werden über 800.000 InhaberInnen mittelständischer Unternehmen ihre Tätigkeit bis 2025 aufgeben. Herausforderung Generationswechsel … Aber Familienunternehmen haben noch ganz andere Hürden zu nehmen. 

Als Berater von mittelständischen Unternehmen wissen Walter Kohl und Ben Schulz, wovon sie sprechen. Die Arbeit mit Familienunternehmen ist häufig herausfordernder als mit Unternehmen, in denen ein externer Manager in der Chefetage sitzt – aber oft auch spannender. 
 

Der Klassiker unter den Herausforderungen – Generationswechsel 
 

Wenn die neue Generation das Ruder übernimmt, sieht sie sich mit festgefahrenen Routinen und Umgangsformen konfrontiert. Oftmals ist die interne Kommunikationskultur, die über Jahre zum Beispiel durch einen Familienpatriarchen geprägt worden ist, so tief verankert, dass die neue Generation mitunter Jahre braucht, um das aus der Unternehmens-DNA rauszukriegen. 

Lange Zeit stand die alte Generation dem Unternehmen hierarchisch und mit diesem ganz besonderen Kommandoton vor. Das ist völlig wertungsfrei zu betrachten. Das war nun mal so in dieser Generation. Jetzt kommt die neue Generation, welche die Mitarbeitenden schon als GrundschülerIn und PraktikantIn kannten. Man hat sie aufwachsen sehen, kannte die ersten Liebschaften, bekam die üblichen „Eltern-Kind-Diskussionen“ mit. Über die Jahre ist eine Intimität und persönliche Nähe gewachsen, die Autorität fast verhindert.

Eine kleine Anekdote: Ein Mann Mitte 30 kam ins Coaching. Er war der Junior, sein Vater noch mit im Geschäft. Dies war für beide völlig in Ordnung, da sie super miteinander arbeiten konnten. Aber dann passierte es. Auf der Messe rief der Vater über die Köpfe der Geschäftspartner hinweg seinen Sohn auf der anderen Seite des Messestands– mit seinem Spitznamen … Das war wohl schon öfter passiert, in Geschäftsmeetings, aber diesmal platzte dem Jungen der Kragen. „Vater, das geht so nicht. Wir brauchen eine saubere Trennung zwischen privat und geschäftlich. Mein Spitzname gehört nicht ins Geschäft!“

Diese Anekdote ist sicherlich kein Einzelfall. Wenn Eltern und Kinder zusammenarbeiten – egal wie alt sie sind – gibt es diese Rollenverteilung. Aber auch in der Außenwirkung? 

Generationswechsel heißt auch Autoritätswechsel

Es hat sich bewährt, bei Familienunternehmen und Konflikten dieser Art das Coaching getrennt durchzuführen. Und dann der Elterngeneration folgende Fragen zu stellen: „Wie behandeln Sie Ihr Kind? Hätten Sie damals die gleiche Behandlung von Ihren Eltern gewünscht?“ Da sieht man förmlich in den Gesichtern alte Geschichten aufblitzen. Die haben das früher genauso erlebt. Das ist nichts Neues. Denn worum geht es letztendlich? Es geht um Macht. Es geht um Hierarchie. Es geht um Ansehen. Und es geht ganz tief im Unterbewusstsein der älteren Generation um die Frage: „Wer bin ich, wenn ich losgelassen habe?“

Stellen Sie sich einen 10-Liter-Eimer Wasser vor. Das Wasser ist die Autorität, die von der einen Generation auf die andere übergeht. Szenario 1: Sie bekommen diesen Eimer mit Schwung auf einmal in die Hand gedrückt. Ergebnis: Sie gehen erstmal gewaltig in die Knie. Szenario 2: Sie erhalten den Eimer vorsichtig überreicht, er ist aber zugeschweißt und sie kommen nicht dran. Oder Szenario 3: Die neue Generation erhält von der alten Generation einen leeren Eimer und einen Becher und darf nach und nach das Wasser von dem einen Eimer in den anderen schöpfen. So geht eine harmonische Autoritätsübertragung. 

Der 2. Klassiker unter den Herausforderungen – Trennung Geschäft und privat

Bild 1: Der Vater ist der Patriarch, der Junior ist mit in der Firma und hat eine jüngere Schwester, die deutlich weniger machen muss, aber trotzdem einen Firmenwagen fährt und weitere Annehmlichkeiten nutzen kann. Immer wieder geht der Junior zum Vater und beschwert sich darüber, dass er alles macht, seine Schwester dagegen eine ruhige Kugel schiebt und das Gleiche dafür erhält. Es kracht auf Firmenevents genauso wie beim Weihnachtsessen in der Familie. 

Der Spruch „das Unternehmen sitzt mit am Tisch“ trägt sehr viel Wahrheit in sich. Gerade in Familienunternehmen ist es ausgesprochen schwierig, zwischen familiären und geschäftlichen Themen zu trennen. Das bekommt man im Regelfall nur mit externer Hilfe hin. Die einzelnen Personen sind zu sehr gefangen in diesem System und es fällt ihnen unheimlich schwer, Ursache und Wirkung voneinander zu trennen und zu erkennen. Die Ursache liegt oft woanders und diese zu finden und auszusprechen und dann auch von allen akzeptiert zu bekommen, das ist der schwierigste Teil. 

Bild 2: Vor 150 Jahren gründete der Urgroßvater ein Unternehmen, der hatte drei Kinder. Und diese drei Kinder hatten dann wiederum drei Kinder. Und plötzlich sind wir im „Stämmethema“. Die Führungsgruppe kommt aus Stamm A, aber dieser hat keine NachfolgerInnen, sondern nur B oder C hätte einen oder eine NachfolgerIn, aber die Stämme sind untereinander verfeindet. Hier haben wir die gehobene Variante von „Wie blockieren wir uns selbst?“. Stories, Intrigen, alte Allianzen, die klassischen „Leichen im Keller“ … alles ist plötzlich wichtiger als der Fortbestand des Unternehmens. Dies aufzulösen geht nur mit Transparenz. In dem Moment, in welchem die Probleme – und zwar die unausgesprochenen – wirklich auf den Tisch kommen, ist es erst mal ziemlich übel und sehr schmerzhaft. Aber ohne diese Klärung und vielleicht auch das reinigende Gewitter, wird es auf Dauer nicht gehen. 

Ein Familienunternehmen hat immer noch das System Familie als ganz besondere Herausforderung.

Der 3. Klassiker unter den Herausforderungen – unausgesprochene Erwartungen

„Das hättest du doch wissen können.“

„Dein Vater hätte das aber so und so gemacht.“

„Du bist ja genauso wie dein Vater.“ (Das war damals schon furchtbar und ist es immer noch.)

Wie geht man damit um? Als 25-, 30-, 35-Jähriger? Das muss man trainieren. Wie im Kampfsport. Man lernt gewisse Sequenzen und weiß, jetzt kann ich einen Wurf ansetzen. So kann emotionale Selbstkontrolle und die Entwicklung der eigenen Positionierung im Unternehmen gelingen. 

Der 4. Klassiker unter den Herausforderungen – Loyalität 

Wieder eine kleine Geschichte: Der Vater führt gemeinsam mit seinem Sohn seit Abschluss seines Studiums vor 10 Jahren den Betrieb und es ist klar: Der Junior übernimmt den Laden. Nach Jahren der Abwesenheit taucht plötzlich der jüngere Bruder auf der Bildfläche auf, da er bei seinen beruflichen Versuchen kläglich gescheitert ist. Es kam, wie es kommen musste: Auf der Weihnachtsfeier präsentierte der Senior die frohe Kunde, dass der Junior jetzt wieder in der Firma ist und folgende Position bekommt. Jedoch ohne sich vorher mit dem Sohn, der schon zehn Jahre den Betrieb am Laufen gehalten hatte, abzusprechen.

Der ältere Sohn kam dann ins Coaching, mit Tränen in den Augen, ratlos. Was dem Vater vermutlich wie die Geschichte vom verlorenen Sohn vorkam, hatte für seinen Erstgeborenen fatale Folgen. Durch die Bekanntgabe vor der gesamten Belegschaft wurde es für ihn zu einer Entwertung, einem Gesichtsverlust. 

Eigendynamik Familienunternehmen – alleine nicht zu bewältigen

Die 4 Klassiker der Herausforderungen und die dazugehörigen Praxisbeispiele haben gezeigt: Wenn es in einem Familienunternehmen klemmt und hakt, ist ein Externer gefragt. Komplexe Verstrickungen, seelische Wunden, alte Rechnungen – sich da soweit emotional rauszunehmen, zu abstrahieren und alleine eine Lösung zu finden ist quasi unmöglich. Aber seien Sie versichert, es geht ganz vielen neuen und alten Generationen so wie Ihnen, nur kehren die meisten es unter den Teppich. 




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