Sieben Monate Planung werden real. Und plötzlich zeigt sich, was Selbstführung bedeutet.
Am Montag sind wir in Frankfurt in den Flieger gestiegen. Sieben Monate Planung wurden auf einmal real. Bis dahin war diese Tour ein Projekt. Routen. Papiere. Cargo. Zoll. Motorrad. Öl. Ausrüstung. Kommunikation. Absprachen. Risiko. Vorbereitung. Am Gate saß ich da und merkte, wie mein Kopf schon Tage weiter war. Wie wird das am Zoll? Wie kommt meine Maschine an? Taucht beim Cargo noch etwas auf, das wir übersehen haben? Reicht alles? Haben wir wirklich an alles gedacht? Diese Gedanken kommen leise. Sie stellen sich neben dich. Und irgendwann sitzen sie mit am Gate.
Nach neun Stunden Flug landen wir in Anchorage. Direkt weiter zum Logistiker. Papiere holen, die wir am nächsten Tag für den Zoll brauchen. Schon dort begegnen uns Menschen, die helfen. Freundlich... Unterstützend... Unaufgeregt. Das hat mich berührt.
Weil du vorher im Kopf jedes Problem durchspielst und dann plötzlich Menschen vor dir stehen, die einfach mitdenken. Später kommen wir in unserer Unterkunft an. Und da merke ich erst, wie kaputt ich bin. Um 21 Uhr falle ich völlig erschöpft ins Bett. Dienstagmorgen um 3 Uhr sitze ich wieder hellwach da. Mein Körper ist in Alaska. Mein Rhythmus hängt irgendwo zwischen Frankfurt und Anchorage fest.
Am Zoll läuft dann alles besser als erwartet. Besser, als es uns vorher prognostiziert wurde. Ich bin überrascht. Erleichtert auch. Dann stehen wir endlich vor der Transportkiste mit meiner Maschine, Akkuschrauber raus, Kiste auf und alles checken.
Und als ich im Regen endlich auf meiner Maschine sitze, bin ich einfach dankbar. Dankbar, dass sie da ist. Dankbar, dass der Zoll lief. Dankbar, dass die Vorbereitung getragen hat. Dankbar für Alex, meine Frau, die bei Organisation, Planung und Papierkram so sauber vorbereitet hat, dass ich in diesen Momenten überhaupt handlungsfähig bleibe. Das sage ich bewusst. Weil Führung oft so tut, als stünde da einer allein vorne. In Wahrheit tragen viele Menschen mit. Manche sichtbar. Manche im Hintergrund. Manche durch einen Satz. Manche durch eine sauber vorbereitete Mappe.
Dann noch Motoröl. Ich treffe John in einem Motorradgeschäft hier in Anchorage. Mit ihm hatte ich vor Wochen schon über Facebook Messenger geschrieben, damit ich das passende Öl für meine Maschine bekomme. Er wusste sofort, wer ich war. Auch das hat funktioniert. Und ja, das Wichtigste haben wir auch besorgt: Bärenspray. Fast überall ausverkauft, weil die Nachfrage zu dieser Zeit hoch ist. Irgendwo zwischen Müdigkeit und Jetlag fragte ich mich kurz, wie viele Menschen hier draußen beim Pinkeln an Bären denken. Alaska macht die Gedanken pragmatisch.
Heute ist der Tag vor Tag 1 und morgen früh geht es los.
Und ich merke: Die Anspannung der letzten Wochen fällt gerade von mir ab. Nicht auf einmal. Eher schichtweise. So, als würde der Körper erst jetzt begreifen, dass die Planung vorbei ist und die Realität beginnt. Genau hier liegt für mich die Führungsfrage dieses Tages:
Wie führst du, wenn du müde bist, aber andere trotzdem Orientierung von dir erwarten?
Das klingt einfach. Ist es aber im Alltag vieler Unternehmer nicht.
Du kennst das. Wochenlang ziehst du durch. Termine, Entscheidungen, Verantwortung, Familie, Mitarbeitende, Kunden, Zahlen, Unsicherheit... Und wenn der entscheidende Moment kommt, bist du innerlich schon leer. Dann wird Führung gefährlich. Weil Erschöpfung selten zuerst deine Kompetenz angreift. Du weißt noch, was zu tun wäre. Du kennst deine Themen. Du kannst funktionieren. Aber deine Haltung wird dünner. Der Ton wird kürzer. Die Geduld kleiner. Der Blick enger. Du reagierst schneller gereizt. Du willst mehr kontrollieren. Du hörst weniger genau hin. Du hältst dich für klar, bist aber nur erschöpft. Ich schreibe das, weil ich diesen Zustand kenne.
Hope & Trust Leadership beginnt an genau dieser Stelle sehr praktisch. Hoffnung gibt Richtung. Heute war Hoffnung kein großes Gefühl. Hoffnung war: Die Maschine ist da. Die Papiere sind da. Das Öl ist da. Morgen gibt es einen ersten klaren Abschnitt. Richtung entsteht manchmal durch den nächsten sauberen Schritt.
Vertrauen aktiviert Menschen. Heute war Vertrauen erlebbar durch Alex’ Vorbereitung, durch die Hilfe beim Logistiker, durch einen reibungslosen Zoll, durch John im Motorradgeschäft, der sich erinnert und vorbereitet ist.
Vertrauen entsteht durch erlebte Verlässlichkeit.
Und Selbstführung entscheidet, ob ich diese Verlässlichkeit überhaupt wahrnehmen kann. Wenn ich zu müde bin, sehe ich schnell nur noch das, was fehlt. Dann übersehe ich, was trägt.
Das ist im Unternehmen genauso. Dein Team braucht deine Energie. Aber noch mehr braucht es deine Klarheit über deinen Zustand. Wer müde ist und so tut, als wäre alles normal, führt oft aus Selbsttäuschung heraus. Wer seine Müdigkeit wahrnimmt, kann bessere Entscheidungen treffen.
Für heute heißt das ganz konkret:
Nimm dir zehn Minuten vor deinem ersten Termin. Schreib dir auf, wo du gerade auf Reserve läufst. Dann entscheide, welche Entscheidung heute einen klaren Kopf braucht, welche Zusage du sauber einlösen musst und bei welcher Aufgabe du Unterstützung brauchst.
Das ist keine Schwäche sondern Selbstführung. Und Selbstführung ist der Anfang von Vertrauen.
Drei Reflektions-Fragen für deinen Tag:
Wo bist du körperlich anwesend, aber innerlich noch unterwegs?
Welche Führungsentscheidung triffst du gerade aus Müdigkeit statt aus Klarheit?
Wem musst du heute danken oder vertrauen, weil du allein längst zu eng geworden wärst?
Nimm diese Fragen mit in deinen Tag!
Morgen früh um 07:30 Uhr geht es weiter. Dann beginnt Tag 1 auf der Straße. Von Anchorage aus Richtung Glennallen. Die Maschine ist bereit. Jetzt muss der Körper nachkommen.