Tag 1: Wenn das Navi führt, aber du die Richtung verantwortest

Glenn Highway, Matanuska Glacier und ein falscher Abzweig, der sofort wach macht.

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Heute Morgen begann die erste Etappe dieser Mission.

Von Anchorage nach Glennallen, entlang des Glenn Highway, raus aus der Stadt und hinein in eine Landschaft, die einem sehr schnell klarmacht, wie klein die eigenen Pläne manchmal sind. Die Straße zieht sich durch Alaska, die Berge stehen weit und schwer am Horizont, und irgendwann öffnet sich links von mir dieses riesige Tal. Ich fahre in eine Ausbuchtung an der Straße, stelle die Maschine ab und schaue hinunter auf den Matanuska Glacier. Da liegt er, dieser Gletscher, ruhig und gewaltig zugleich. Er bewegt sich langsam, fast unsichtbar, und doch formt er über lange Zeit ganze Landschaften. Während ich dort stehe, kommt mir ein Gedanke, der mich auf der weiteren Strecke nicht mehr loslässt: Veränderung geschieht oft leise, langsam und über lange Zeit, aber ihre Wirkung kann gewaltig sein.

Vielleicht ist das einer der größten Irrtümer in Führung. Wir erwarten, dass Veränderung sofort sichtbar wird. Neue Struktur, neue Strategie, neues Führungsteam, neue Kommunikation, und möglichst am Ende der Woche spürt jeder den Unterschied. Doch echte Veränderung arbeitet tiefer. Sie verschiebt Gewohnheiten, Haltungen, Reaktionsmuster und Vertrauen. Meistens sieht man sie am Anfang kaum. Irgendwann aber ist die Landschaft eine andere.

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Körperlich bin ich heute allerdings weit entfernt von dieser ruhigen Kraft des Gletschers. Der Zeitunterschied macht mir deutlich zu schaffen. Die letzten zwei Nächte habe ich so wenig geschlafen wie lange nicht mehr, und mein Körper fühlt sich an, als hätte er den Start dieser Tour noch nicht ganz verstanden. Zwei Dosen Red Bull helfen für einen Moment, aber sie bringen den Rhythmus nicht zurück.

Innerlich bin ich ebenfalls angespannt. Die erste Etappe ist immer mehr als nur der erste Fahrtag. Sie ist der Moment, in dem aus Vorbereitung Realität wird. Funktioniert die Technik? Läuft alles sauber? Hält die Navigation? Bin ich wach genug? Habe ich alles im Blick, was ich im Blick haben muss? Ich hatte diesen Gedanken kaum zu Ende gedacht, da bemerkte ich nach ungefähr 45 Minuten Fahrt, dass mein Navi mich direkt zu einem Checkpoint einer US-Militärbasis führte. Vor mir standen drei Soldaten, und ich versuchte zu erklären, dass mich die Navigation falsch geleitet hatte. Dann kam die Aufforderung nach dem Ausweis.

Das war der erste Moment des Tages, in dem ich wirklich wach war. Zum Glück durfte ich drehen und wieder in die andere Richtung fahren. Es ist nichts passiert, und trotzdem hat dieser Moment gereicht. Der Tag hatte mir sehr früh gezeigt, dass ein System zwar eine Route anzeigen kann, die Verantwortung für die Richtung aber bei mir bleibt.

Diese Unterscheidung ist in Führung entscheidend.

Wir verlassen uns in Unternehmen auf Pläne, Systeme, Zahlen, Dashboards, Routinen und Prozesse. Das ist notwendig, weil Komplexität ohne Struktur nicht führbar ist. Gleichzeitig entsteht eine gefährliche Bequemlichkeit, wenn wir anfangen, die Verantwortung an diese Systeme abzugeben. Das Reporting sagt, alles sei im Rahmen. Der Kalender sagt, es gehe weiter wie geplant. Die Strategie sagt, der Kurs stimme. Das Navi sagt, links abbiegen. Und plötzlich stehst du an einem Checkpoint, an dem du nie hinwolltest.

Führung beginnt, wenn du merkst, dass der Plan dich zwar geführt hat, aber gerade nicht mehr trägt. Dann hilft es wenig, sich auf die Technik, die Umstände oder die Vorbereitung zu berufen. Entscheidend ist, ob du innehältst, die Lage erkennst, korrigierst und weiterfährst.

Das klingt auf der Straße einfach. Im Unternehmen kostet es oft viel mehr Mut.

Viele Führungskräfte bleiben zu lange auf einer falschen Route, weil sie schon zu viel erklärt, investiert oder versprochen haben. Sie spüren, dass etwas nicht mehr stimmt, doch sie fahren weiter. Aus Sorge vor Gesichtsverlust. Aus Müdigkeit. Aus Angst vor Unruhe im Team. Aus dem Wunsch heraus, endlich einmal keine neue Baustelle aufzumachen.

Ich kenne diesen Reflex. Auch ich möchte manchmal, dass der Plan einfach funktioniert, weil ich müde bin und keine zusätzliche Schleife brauche. Heute Morgen war genau das spürbar. Der Körper ist erschöpft, der Kopf läuft zu schnell, und dann reicht ein falscher Abzweig, um zu merken, wie dünn die eigene Souveränität werden kann.

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Hope & Trust Leadership wird an solchen Stellen sehr praktisch.

Hoffnung entsteht, wenn Menschen wieder Richtung sehen. Das bedeutet nicht, dass alles sicher ist. Es bedeutet, dass jemand Klarheit über den nächsten sinnvollen Schritt gibt. Heute hieß dieser Schritt: umdrehen, neu orientieren, weiterfahren.

Vertrauen entsteht, wenn Verhalten verlässlich wird. Auch das beginnt oft unspektakulär. Du erkennst einen Fehler, erklärst ihn sauber, korrigierst ihn und machst weiter, ohne Drama und ohne Ausrede. Genau diese Verlässlichkeit brauchen Teams von ihrer Führung, besonders dann, wenn äußere Sicherheit fehlt.

Der Matanuska Glacier hat mir heute noch eine zweite Sache gezeigt. Veränderung braucht Bewegung, auch wenn diese Bewegung am Anfang kaum sichtbar ist. Führungskräfte überschätzen oft die Wirkung großer Ansagen und unterschätzen die Wirkung konsequenter kleiner Korrekturen. Ein Gespräch, das endlich geführt wird. Eine Entscheidung, die nicht länger vertagt wird. Eine Verantwortung, die klar verteilt wird. Eine Richtung, die wieder ausgesprochen wird.

Handlungsfähigkeit entsteht, wenn du deinen Einflussbereich erkennst und dort konsequent handelst.

Für deinen Führungstag heißt das konkret: Prüfe heute eine Route, auf der du gerade unterwegs bist. Vielleicht ist es ein Projekt, eine Personalentscheidung, eine strategische Annahme oder eine alte Gewohnheit in deiner Führung. Frage dich ehrlich, ob diese Route noch stimmt oder ob du nur weiterfährst, weil das System sie einmal berechnet hat.

Nimm dir zehn Minuten und schreibe auf, wo du gerade vom Kurs abweichst. Danach formulierst du den nächsten korrigierenden Schritt so konkret, dass du ihn heute noch gehen kannst.

Drei Fragen für deinen Tag

  1. Wo folgst du gerade einem Plan, obwohl du längst spürst, dass die Richtung nicht mehr stimmt?
  2. Welche Korrektur vermeidest du, weil du müde bist oder keine zusätzliche Unruhe auslösen willst?
  3. Wo braucht dein Team heute keine perfekte Antwort, sondern eine klare Orientierung für den nächsten Schritt?

Wenn dich eine dieser Fragen trifft, nimm sie ernst und mach daraus eine konkrete Handlung.

Morgen geht es weiter von Glennallen nach Tok. Heute bleibt für mich dieser erste Tag als Bild stehen: Ein Gletscher bewegt sich langsam, aber er verändert die Landschaft. Ein falscher Abzweig wirkt klein, aber er zeigt sofort, wer wirklich die Richtung verantwortet.

Ben Schulz
Autor: Ben Schulz

Ben Schulz ist Unternehmer, Autor, Redner und Consultant für Geschäftsführer und Führungsteams in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Der Vorstand des Unternehmensberatung Ben Schulz & Partner AG legt den Schwerpunkt seiner Tätigkeit, gemeinsam mit seinem Team, auf die Schwerpunkte Unternehmensleitbildentwicklung, Kulturwandel, Führungskräfteentwicklung und strategischen Unternehmersparrings, bei denen es um die Steigerung von Perfomance geht.

Mission Hoffnungsträger 2.0: Alaska | Yukon | Kanada

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