Tag 11: Was du wegdrückst, fährt mit.

Smithers nach Vanderhoof war gut zu fahren. In mir war es anders.

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Heute Morgen begann der Tag auf einer überdachten Terrasse.

Ich hatte einen Videocall mit Max Fritsch. Max ist seit einiger Zeit Kunde bei mir. Ich begleite seine Führungskräfte und das Geschäftsleitungsteam durch ihre Transformation. Es war ein richtig gutes Gespräch. Draußen sitzen, über Führung sprechen, mit einem Menschen arbeiten, der wirklich hinschaut, während Kanada noch still um einen herumliegt. Das hatte etwas Besonderes. Das Gespräch könnt ihr euch bei YouTube anschauen.

Danach ging es aufs Motorrad. Von Smithers nach Vanderhoof. Die Strecke war dankbar. Der Asphalt war sauber, die Linie ruhig, die Straße in einem Zustand, in dem man die Maschine einfach laufen lassen kann. Nach den letzten Tagen ist das fast ein Geschenk. Der Körper kennt inzwischen die Routine. Aufsteigen, losfahren, atmen, schauen, reagieren.

Normalerweise sortiert mich das Motorrad. Sobald ich sitze und fahre, wird vieles leiser in mir. Heute funktionierte das nur teilweise. Die Straße war ruhig, aber ich war es kaum. Ich merkte die Unruhe schon früh. Sie lag irgendwo im Körper, vielleicht im Brustkorb, vielleicht tiefer. Sie hatte keinen klaren Namen. Sie war einfach da. Nach zehn Tagen auf der Straße steigt etwas hoch, das ich kaum beschreiben konnte. Es war keine Panik. Es war auch keine klare Sorge. Es fühlte sich schwer an, obwohl der Tag äußerlich leicht war.

Kurz vor dem Motel hielten wir an einem Fluss. Ich setzte mich in die Sonne, um wieder etwas Wärme in den Körper zu bekommen. Dann saß ich da und fragte mich: Ben, was ist heute eigentlich los mit dir? Ich konnte die Frage kaum beantworten.

Genau diese Ehrlichkeit ist unangenehm. Als Führungskraft bist du trainiert, Antworten zu liefern. Du erklärst Situationen, triffst Entscheidungen, führst Gespräche, gibst Richtung. Du bist es gewohnt, deinen Zustand zu kontrollieren, damit andere sich auf dich verlassen können. Viele nennen das Professionalität. Manchmal ist es ein gut gepflegter Abstand zu sich selbst.

Heute habe ich gemerkt, wie dünn dieser Abstand werden kann.

Während ich da am Fluss saß, kam mir ein Gedanke. Wir haben im vergangenen Jahr für Führungskräfte eine eigene KI entwicklet. Sie heißt Leadership Partner AI und steht seit sechs Wochen unseren Kunden zur Verfügung. Ich rate Kunden oft, sich ehrlich spiegeln zu lassen, als Sparringspartner, bevor sie in alte Muster zurückfallen. Also habe ich mein Handy genommen und meinen Zustand beschrieben. Ich schrieb rein, dass ich gerade in Kanada bin, auf dieser Tour, fern vom Büro, und dass ich eine Unruhe spüre, die ich kaum greifen kann. Nach zwei Runden kam eine Antwort, die mich erwischt hat.

Die Leadership Partner AI schrieb sinngemäß: Versuche heute nicht, die Unruhe sofort wegzubekommen. Gib dem Tag zuerst wieder Struktur. Fahre früher raus aus dem Tag, grüble auf dem Motorrad nicht weiter, geh zwanzig Minuten ohne Ziel und ohne Handy. Schreib danach drei Sätze auf: Was beschäftigt mich wirklich? Wovor laufe ich innerlich weg? Was brauche ich heute Abend, damit mein Nervensystem runterfährt?

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Ich saß da und musste schlucken.

Die Antwort war bodenständig und unangenehm präzise. Sie hatte wenig Glanz und viel Führung. Für mich heißt das heute: Ich führe zuerst meinen Zustand, bevor ich die Ursache suche. Ich gebe dem Tag Struktur, bevor ich in die Analyse gehe. Ich sorge für Ruhe und Klarheit, bevor ich eine große Erklärung brauche.

Viele Führungskräfte machen es anders. Sie spüren Unruhe und arbeiten schneller. Sie merken Erschöpfung und füllen den Kalender noch dichter. Sie verlieren innere Führung und kompensieren das durch mehr Kontrolle im Außen. Das Team bekommt dann eine Führungskraft, die funktioniert, aber innerlich längst kaum noch bei sich ist. Der Preis ist hoch. Dein Zustand führt immer mit. Du kannst ihn verstecken, aber dein Umfeld spürt ihn. Deine Stimmung verändert sich. Deine Geduld wird dünner. Deine Entscheidungen werden enger. Deine Mails werden genervter. Deine Gespräche werden kürzer. Irgendwann bekommt dein Team vor allem deine unaufgeräumte Unruhe zu spüren, obwohl es eigentlich deine Klarheit bräuchte.

Hope & Trust Leadership beginnt genau an dieser Stelle sehr praktisch. Hoffnung braucht Richtung, aber Richtung entsteht schwer aus einem überreizten Nervensystem. Vertrauen braucht Verlässlichkeit, aber Verlässlichkeit beginnt damit, dass dein Innen und dein Außen wieder zueinanderpassen. Eine Führungskraft, die den eigenen Zustand ernst nimmt, wird berechenbarer. Sie reicht weniger Druck weiter, weil sie ihn vorher wahrnimmt.

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Das klingt klein. Für mich war es heute groß.

Ich werde gleich die Schuhe anziehen und zwanzig Minuten gehen. Ohne Handy, ohne Ziel, ohne inneren Leistungsnachweis. Danach beantworte ich die drei Fragen. Ich brauche heute vor allem Ruhe und Klarheit, damit ich morgen wieder sauber führen kann.

Und ja, auf dem Parkplatz kam noch ein zweiter Realitätscheck dazu. Ich schaute auf den Hinterreifen und sah einen Stein, der sich eingearbeitet hatte. Ich holte ihn vorsichtig heraus, machte den Spucketest und prüfte den Reifendruck. Der Reifen muss bis Vancouver halten. Also fahre ich die nächsten Kilometer mit mehr Gefühl.

Vielleicht gilt das heute auch für mich.

Fahr bewusster, wenn du innerlich unruhig wirst. Nimm deinen Zustand ernst, bevor er die Führung übernimmt.

Drei Fragen für deinen Tag:

  1. Welche Unruhe in dir versuchst du gerade durch Leistung zu überfahren?
  2. Woran würde dein Team merken, dass du innerlich wieder klarer führst?
  3. Was brauchst du heute konkret, damit dein Nervensystem runterfährt und deine Führung sauberer wird?

Wenn dich diese Fragen treffen, nimm sie ernst. Schreib sie auf, bevor der Tag dich wieder schluckt. Und wenn du diese Mission täglich begleiten willst, komm in den WhatsApp-Kanal oder leite diesen Newsletter an eine Führungskraft weiter, die gerade zu viel trägt.

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Ben Schulz
Autor: Ben Schulz

Ben Schulz ist Unternehmer, Autor, Redner und Consultant für Geschäftsführer und Führungsteams in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Der Vorstand des Unternehmensberatung Ben Schulz & Partner AG legt den Schwerpunkt seiner Tätigkeit, gemeinsam mit seinem Team, auf die Schwerpunkte Unternehmensleitbildentwicklung, Kulturwandel, Führungskräfteentwicklung und strategischen Unternehmersparrings, bei denen es um die Steigerung von Perfomance geht.

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