Tag 3: Die Entscheidung ist gefallen – Fairbanks.

Der Morgen begann ruhiger, als der Tag später werden sollte.

03-die-entscheidung-ist-gefallen

Nach einer ruhigen Nacht hatte ich meinen Videocall mit Gerda, CEO der Firma Keil. Danach zog ich meine Regensachen an. Innerlich war ich auf Weiterfahren eingestellt. Gestern hatten wir nach dem Transportschaden, der durch den Hinflug an meiner Maschine entstanden ist, entschieden, es zu versuchen. Die Warnung war da, das Risiko war da, aber die Maschine lief noch. 

Dann saß ich keine fünf Minuten auf dem Motorrad. Ich merkte sofort, dass etwas nicht stimmt. Es war kein dramatischer Moment mit großem Knall. Es war eher dieses körperliche Wissen, das du als Fahrer bekommst, wenn eine Maschine sich nicht so verhält, wie sie sich verhalten muss. Du hörst anders hin. Du fühlst anders. Du wirst wacher, weil dein Körper schneller begreift als dein Kopf.

Wir sind runter von der Straße. Danach wurde aus dem Versuch eine Entscheidung.

Fairbanks. 327 Kilometer in die entgegengesetzte Richtung. 

Weg von Beaver Creek. Weg von der geplanten Route. Weg von dem Gefühl, dass wir heute einfach weiterkommen.

Das ist ein harter Moment, weil er so sachlich klingt. Man sagt: Wir müssen nach Fairbanks. Man sagt: Wir brauchen eine Werkstatt. Man sagt: Wir müssen das prüfen lassen. Alles richtig. Alles vernünftig. Und gleichzeitig sitzt darunter dieser innere Widerstand, weil du weißt, was diese Entscheidung bedeutet. Du verlierst Zeit. Du verlierst Strecke. Du verlierst das Bild, das du von diesem Tag hattest.

Ich konnte mit der Maschine nicht mehr weiterfahren. Also mussten wir in Tok eine andere Lösung finden. Wir haben geschaut, ob es irgendwo einen Anhänger gibt, den wir mit dem Begleitfahrzeug ziehen können. In Tok gab es genau eine Adresse. An dieser Adresse gab es genau einen Anhänger, der zur Verfügung stand. Das klingt im Nachhinein fast einfach. Vor Ort fühlt es sich anders an.

03-Ben-Schulz-Motorrad-auf-haenger

Hier in Alaska ist vieles nicht selbstverständlich. 

Du kannst nicht davon ausgehen, dass es an jeder Ecke drei Optionen gibt. Du kannst nicht mal eben auswählen, vergleichen und optimieren. Manchmal gibt es eine Möglichkeit, und dann musst du sauber entscheiden, ob du sie nutzt.

In einem benachbarten Geschäft haben wir Spanngurte besorgt. Dann haben wir die Maschine aufgeladen, den Papierkram geregelt und uns mittags auf den Weg gemacht. Uwe, Alex und ich saßen im Begleitfahrzeug. Hinter uns der Anhänger mit meiner Maschine. Vor uns vier Stunden Fahrt Richtung Norden. Ich war dankbar für die beiden.

In solchen Momenten zeigt sich Team nicht in großen Sätzen. Team zeigt sich daran, dass einer mitdenkt, einer organisiert, einer ruhig bleibt, einer anpackt und keiner aus seiner eigenen Nervosität eine zweite Baustelle macht. Wir haben in kurzer Zeit sortiert, organisiert und umgesetzt. Das war nicht selbstverständlich. Gerade deshalb habe ich es so stark gespürt. Vertrauen ist in solchen Situationen kein schönes Wort für die Wand im Besprechungsraum. Vertrauen ist die Erfahrung, dass Menschen unter Druck verlässlich bleiben.

In Fairbanks bekamen wir massive Unterstützung. Es wurde geschaut, gefragt, telefoniert und mitgedacht. Dann kam die nächste unbequeme Klarheit. Das Problem lässt sich dort nicht sauber fixen. Es braucht jemanden, der sich mit Elektronik auskennt, die wirkliche Diagnose stellen kann und im besten Fall erkennt, was durch den Transportschaden entstanden ist.

Zwei Anrufe später wurden wir weitergeschickt. Noch einmal eineinhalb Stunden Richtung Delta Junction, Alaska.Der Experte schaut sich die Maschine morgen früh um 7:30 Uhr an. Erst danach können wir die nächsten Schritte planen. Ob der Schaden so groß ist, dass ich überhaupt weiterfahren kann, weiß ich im Moment nicht.

Da wurde es in mir laut.

Ich weiß gerade ehrlich nicht, ob ich schreien oder heulen soll. Es ist eine Achterbahn aus Wut, Druck, Ohnmacht und dieser Frage, die du am liebsten wegdrücken würdest: Was ist, wenn diese Mission hier gerade anders läuft, als ich sie mir vorgestellt habe?

Uwe, Alex und ich haben uns dann 15 Minuten hingesetzt und alles durchgespielt. Was wissen wir wirklich? Was vermuten wir nur? Was können wir heute noch tun? Was müssen wir auf morgen verschieben? Wo endet unser Einfluss im Moment? Das war wichtig, weil Emotionen in solchen Momenten schnell ans Steuer wollen.

Ich kenne diesen inneren Drang, sofort größer zu denken. Was bedeutet das für die Tour? Was bedeutet das für die Route? Was bedeutet das für die Menschen, die mitlesen? Was bedeutet das für die Partner? Was bedeutet das für mich? Innerhalb weniger Sekunden wird aus einem technischen Problem ein ganzer Film im Kopf.

Heute Morgen erzählte Gerda in unserem Videocall von Beppo, dem Straßenkehrer aus „Momo“. An diese Geschichte musste ich im Auto wieder denken. Beppo denkt nicht an die ganze Straße auf einmal. Er denkt an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich und dann wieder an den nächsten.

Genau das war heute meine Führungsaufgabe.

Ich durfte nicht die ganze Mission auf einmal tragen. Ich musste den nächsten Besenstrich sehen. Anhänger finden. Spanngurte kaufen. Maschine verladen. Nach Fairbanks fahren. Hilfe annehmen. Weiter nach Delta Junction fahren. Morgen früh die Diagnose abwarten. Mehr Klarheit gibt es gerade nicht. Mehr Handlungsfähigkeit aber schon.

Für Führungskräfte im Mittelstand ist das wahrscheinlich sehr nah an ihrem Alltag. Der Plan steht, das Ziel ist gesetzt, die Mannschaft schaut auf dich, und plötzlich zwingt dich die Realität in die Gegenrichtung. Eine Maschine steht. Ein Kunde kippt. Ein Auftrag verschiebt sich. Ein Schlüsselmitarbeiter fällt aus. Ein Signal, das gestern noch beobachtet wurde, verlangt heute Konsequenz. Dann entscheidet sich, ob du Führung mit Rechthaben verwechselst.

Manchmal ist die richtige Richtung erst einmal die falsche Richtung auf der Karte. Fairbanks lag heute nicht auf unserer geplanten Strecke. Trotzdem war Fairbanks die verantwortliche Entscheidung.

Hope & Trust Leadership heißt an so einem Tag nicht, die Lage schönzureden. Hoffnung entsteht heute durch den nächsten machbaren Schritt. Vertrauen entsteht, weil Menschen ruhig, verlässlich und klar miteinander handeln, obwohl niemand das Ende kennt.

Wir sitzen gerade sehr ruhig im Auto. Hinter uns steht die Maschine auf dem Anhänger. Wo wir heute Nacht schlafen, ist noch nicht endgültig klar. Die Stimmung ist schwer. Niemand spielt hier Souveränität. Wir versuchen einfach, handlungsfähig zu bleiben.

Morgen früh wissen wir mehr. Für heute reicht der nächste Besenstrich.

Drei ehrliche Reflexionsfragen für deinen Tag

  1. Welche Entscheidung ist bei dir längst zur Konsequenz geworden, obwohl du sie innerlich noch wie eine offene Option behandelst?
  2. Wo müsste deine Führung gerade in die scheinbar falsche Richtung gehen, weil genau dort die Verantwortung liegt?
  3. Wer in deinem Team hilft dir, handlungsfähig zu bleiben, und hast du diesem Menschen das in letzter Zeit klar gesagt?

Nimm heute einen Punkt aus deinem Verantwortungsbereich und verkleinere ihn auf den nächsten Besenstrich. Nicht auf die ganze Straße. Auf den nächsten sauberen Schritt.

Morgen früh geht die Mission weiter.

Ben Schulz
Autor: Ben Schulz

Ben Schulz ist Unternehmer, Autor, Redner und Consultant für Geschäftsführer und Führungsteams in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Der Geschäftsführer der Unternehmensberatung Ben Schulz & Partner legt den Schwerpunkt seiner Tätigkeit, gemeinsam mit seinem Team, auf die Schwerpunkte Unternehmensleitbildentwicklung, Kulturwandel, Führungskräfteentwicklung und strategischen Unternehmersparrings, bei denen es um die Steigerung von Perfomance geht.


Das Executive Debrief zur Mission Hoffnungsträger 2.0

Eine schonungslose Bestandsaufnahme darüber, was Führung im Mittelstand wirklich ausmacht, wenn Kontrolle wegfällt und Druck steigt.

Kostenlose Whitepaper: Leitbild, Leadership, KI & mehr

Exklusive Analysen und Handlungstipps für den Mittelstand. Direkt umsetzbar, kompakt auf den Punkt.

Von KI-Kompetenz für Führungskräfte über resiliente Team-Entwicklung bis hin zum Leitfaden für wirksame Leitbilder: Unsere Whitepaper bieten Orientierung und konkrete Lösungen für aktuelle Herausforderungen in Führung und Management. 


mockup

Der KI-Sparringspartner für Führungskräfte im Mittelstand

Leadership Partner AI unterstützt bei Entscheidungen, schwierigen Gesprächen und Führung im Alltag mit klaren, situativ passenden Impulsen.

Der Newsletter für Entscheider im Mittelstand

Denkanstöße, Strategien und Impulse für wirksame Führung – direkt in Ihr Postfach.

Mit unserem Newsletter erhalten Sie exklusive Einblicke, fundierte Analysen und sofort anwendbare Impulse zu Themen wie Leadership, Resilienz, Selbstführung und Unternehmensentwicklung. Präzise. Relevanzstark. Auf den Punkt.

✅ Für Menschen, die Verantwortung tragen.
✅ Von Experten, die seit über 20 Jahren den Mittelstand begleiten.
✅ Ohne leeres Blabla. Nur Substanz.