Tag 5: Ich wollte Zeit aufholen. Am Ende hat die Strecke mich eingeholt.

Neun Stunden im Sattel und die Frage, wann Fokus zur Grenze wird.

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Ich sitze in Whitehorse auf meinem Bett und lasse mir die letzten Stunden noch einmal durch den Kopf gehen. Fokus kann ich heute kaum noch aufbringen. Der Körper ist da, aber der Kopf hat seine Arbeit für heute eingestellt.

Neun Stunden auf dem Bike, rund 460 km haben aus mir einen Menschen gemacht, der gerade sehr genau merkt, wo seine Grenze liegt.

Gestern haben wir entschieden, die verlorene Zeit wieder rauszufahren. Klingt erst mach sachlich ok. Im Sattel wird daraus eine Prüfung. Die Strecke von Beaver Creek nach Whitehorse Kanada über den Alaska Highway hat mir heute mehr Konzentration abverlangt, als ich seit Langem aufbringen musste.

Die ersten 180 Kilometer liefen entlang der mächtigen Berge der Nutzotin- und Kluane-Kette. Die Landschaft ist groß, weit und faszinierend. Man könnte das sehen, wenn man nicht hoch konzentriert die Straße permanent im Blick behalten müsste.

Permafrostschäden, Frost Heaves, wellenartige Bodenverwerfungen und Schlaglöcher, teilweise so groß wie LKW- Reifen lagen vor mir wie kleine Entscheidungen, die du erst erkennst, wenn du schon fast darüber bist. Auf dem Motorrad ist genau das brutal. Auf dieser Strecke kannst du mental keinen Moment abschalten. Deine Augen müssen suchen. Deine Hände müssen reagieren. Deine Schultern bleiben angespannt. Dein Kopf darf keine Spaziergänge machen.

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Die Maschine verzeiht vieles. Diese Strecke verzeiht wenig.

Dann kamen Baustellen. Der Schotter war grob, tief, teilweise frisch bewässert. Es war rutschig und an manchen Stellen ging einfach nur Schritttempo. Zum Teil fuhren wir mehrere Kilometer hinter einem Pilot Car her. Auch das Wetter hat gemacht, was das Wetter im Yukon macht. Jetzt bin ich dankbar, dass alles gut gegangen ist. Ich bin dankbar, dass die Fahrt geklappt hat. Ich bin dankbar, dass die Maschine sauber gelaufen ist. Ich bin dankbar, dass ich endlich aus den Regenklamotten rauskomme und gleich unter eine heiße Dusche kann. Und ich bin ehrlich: Meine Arme fühlen sich an, als würden zwei nasse Säcke an mir herunterhängen.

Das ist der Moment, in dem Führung für mich wieder sehr körperlich wird. Am Schreibtisch klingt Fokus oft wie eine Frage von Disziplin. Auf der Straße merkst du, dass Fokus eine Ressource ist. Sie ist begrenzt. Sie muss geschützt werden. Sie braucht Pausen, Richtung und Priorität.

Im Unternehmen überfahren wir diese Grenze viel zu oft.

Wir nennen es Verantwortung, wenn wir immer weiterziehen. Wir nennen es Einsatz, wenn wir keine Pause machen. Wir nennen es Führungsstärke, wenn wir auch dann noch entscheiden, wenn der Kopf längst nur noch Rauschen produziert. Das Problem daran ist einfach: Ein leerer Fokus wird selten ehrlich zugegeben. Er tarnt sich als Härte. Er tarnt sich als Pflichtgefühl. Er tarnt sich als Durchhalten.

Ich kenne diesen Reflex. Heute auf der Strecke habe ich ihn wieder gespürt. Wir mussten Zeit reinholen. Wir wollten in den Plan zurück. Also blieb der Blick vorn, der Körper angespannt und der Kopf auf Empfang. Über Stunden. Und irgendwann stellt sich eine sehr einfache Frage: Wie lange kannst du volle Konzentration verlangen, ohne den Menschen dahinter ernst zu nehmen? Diese Frage gilt auf dem Motorrad. Sie gilt auch in deinem Unternehmen. Wenn dein Team seit Monaten unter Druck fährt, kannst du nicht einfach weiter Fokus einfordern. Du musst Führung zeigen. Führung heißt dann, die Lage sauber zu benennen. Führung heißt, Prioritäten zu klären. Führung heißt, Tempo bewusst zu steuern. Führung heißt, Menschen nicht aus falschem Stolz in einen Zustand zu treiben, in dem sie nur noch funktionieren.

Hope & Trust Leadership heute mal wieder sehr praktisch.

Hoffnung gibt Richtung. Heute war diese Richtung Whitehorse. Ankommen. Sicher. Im Zeitplan zurück. Das Ziel hat geholfen, weil es klar war.

Vertrauen aktiviert. Ich musste der Maschine vertrauen. Ich musste meinen Händen vertrauen. Ich musste der Entscheidung vertrauen, diesen Tag so zu fahren. Und ich musste auch meinem Körper zuhören, als er am Abend deutlich gesagt hat, dass für heute Schluss ist.

Da beginnt Selbstführung.

Wenn du deine eigene Grenze dauerhaft ignorierst, wird dein Team irgendwann lernen, seine Grenzen ebenfalls zu übergehen. Wenn du Erschöpfung immer überspielst, wird Erschöpfung Teil der Kultur. Wenn du Fokus forderst, aber keine Prioritäten setzt, erzeugst du Unruhe und nennst sie Leistungsbereitschaft.

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Fokus braucht Führung.

Für heute heißt das ganz konkret: Prüfe, wo du gerade Konzentration verlangst, obwohl deine Leute längst im Dauerregen stehen. Prüfe, wo du selbst noch entscheidest, obwohl du innerlich längst leer bist. Prüfe, wo der Zeitplan wichtiger geworden ist als die Handlungsfähigkeit.

Nimm dir heute zehn Minuten und schreibe auf, welcher Bereich gerade die meiste Konzentration von dir fordert. Danach entscheidest du eine Sache, die heute rausfliegt, verschoben wird oder klarer kommuniziert werden muss. Vertrauen wächst, wenn Menschen wissen, was realistisch ist. Hoffnung wächst, wenn Richtung bleibt, auch wenn du das Tempo bewusst anpasst.

Drei Fragen für deinen Tag:

  1. Welche Grenze deiner Konzentration ignorierst du gerade, weil du funktionieren willst?
  2. Wo verlangst du von deinem Team Fokus, obwohl du längst Priorität geben müsstest?
  3. Welche Entscheidung würde heute Richtung geben und gleichzeitig Belastung rausnehmen?

Wenn dich diese Frage trifft, nimm sie mit in deinen Arbeitstag. Und wenn du eine Führungskraft kennst, die gerade weiterfährt, obwohl der Fokus längst leer ist, leite ihr diesen Newsletter weiter.

Morgen früh um 07:30 Uhr geht es weiter.

Ben Schulz
Autor: Ben Schulz

Ben Schulz ist Unternehmer, Autor, Redner und Consultant für Geschäftsführer und Führungsteams in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Der Geschäftsführer der Unternehmensberatung Ben Schulz & Partner legt den Schwerpunkt seiner Tätigkeit, gemeinsam mit seinem Team, auf die Schwerpunkte Unternehmensleitbildentwicklung, Kulturwandel, Führungskräfteentwicklung und strategischen Unternehmersparrings, bei denen es um die Steigerung von Perfomance geht.


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