Tag 6: Wann haben wir angefangen, Nähe für gefährlich zu halten?

Eine unbequeme Frage für Führungskräfte, die Nähe zu oft durch Distanz ersetzt haben.

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Heute hatte ich auf dem Motorrad viel Zeit zum Nachdenken.

Die Strecke bindet den Körper. Die Hände bleiben am Lenker, der Blick bleibt auf der Straße, und irgendwann beginnt innen ein Gespräch, dem du kaum ausweichen kannst. Heute war es ein Thema, das mich seit Tagen begleitet und heute richtig laut geworden ist.

Die Begegnungen der letzten fünf Tage machen mich nachdenklich.

Wir haben Menschen erlebt, die uns vorher völlig fremd waren und trotzdem mitgedacht haben. Menschen haben geholfen, gefragt, unterstützt, nach Lösungen gesucht und Verantwortung übernommen, obwohl sie formal keine Verantwortung für uns hatten. Niemand musste das tun. Genau deshalb wirkt es so stark.

Ein Moment hängt besonders nach: Wir standen abends gegen 22 Uhr vor einer Werkstatt. Der Tag war längst an seinem Rand angekommen. Dann kam ein Mitarbeiter vorbei, half uns, die Maschine auf das Gelände zu stellen, und entschuldigte sich auch noch dafür, dass wir so lange warten mussten. Danach fragte er, ob wir alles hätten. Er fragte sogar, ob wir sonst mit zu ihm nach Hause kommen wollten, zu seiner Familie, mit Übernachtung und Frühstück am nächsten Morgen.

Ich schreibe das bewusst vorsichtig.

Fünf Tage tragen nur eine persönliche Beobachtung. Sie ergeben keine saubere Gesellschaftsanalyse und kein Urteil über ein ganzes Land. Alaska und Kanada haben wie jede Region ihre harten Seiten, ihre Widersprüche und ihre eigenen Probleme. Trotzdem bleibt dieser Eindruck: Hier begegnet uns eine Form von Mitdenken, Hilfsbereitschaft und menschlicher Selbstverständlichkeit, die mich berührt und beschämt.

Eine Servicemitarbeiterin sagte in den letzten Tagen einen Satz, der hängen geblieben ist: „Das ist Alaska, man hilft sich und versucht zu supporten, wo es geht.“ Dieser Satz arbeitet in mir.

Ich frage mich, wann wir in unseren deutschsprachigen Ländern an einem Punkt angekommen sind, an dem Nähe so schnell verdächtig wird. Wann wurde Hilfsbereitschaft zur potenziellen Schwäche? Wann wurde Offenheit zu etwas, das man besser dosiert? Wann wurde der Blick über den eigenen Vorgarten zur Zumutung?

Ich kenne die inneren Sätze.

Das geht mich gerade nichts an. Dafür bin ich zuständig. Dafür bin ich leider gerade zu voll. Am Ende wird es kompliziert. Am Ende nutzt es jemand aus. Am Ende bleibt wieder alles an mir hängen. Diese Sätze sind menschlich. Sie kommen aus Erfahrung, aus Enttäuschung, aus Überforderung und aus Selbstschutz. Trotzdem bleibt die Frage, was sie mit uns machen, wenn sie zur Grundhaltung werden.

Dann bleibt jeder in seinem Vorgarten.

Der Nachbar kämpft nebenan, aber wir sehen auf den eigenen Rasen. Der Mitarbeiter zieht sich zurück, aber wir nennen es Eigenverantwortung. Der Kunde wird unsicher, aber wir verstecken uns hinter Prozessen. Der Kollege wirkt erschöpft, aber wir achten darauf, dass wir uns nicht zu sehr einmischen. So wird Distanz zur Kultur. Das Schlimme daran ist, dass sie sich vernünftig anfühlt. Sie klingt professionell, abgegrenzt und effizient. Sie schützt den Kalender, die Rolle und manchmal auch das eigene Nervensystem. Aber sie kostet etwas, das man in keiner Bilanz sauber findet: Vertrauen. Und ohne Vertrauen wird Führung schwer.

Hoffnung entsteht, wenn Menschen erleben, dass sie mit einem Problem nicht allein bleiben. Vertrauen entsteht, wenn Menschen spüren, dass andere mitdenken, bevor alles eskaliert. Handlungsfähigkeit entsteht, wenn jemand im eigenen Einflussbereich einen Schritt macht, auch wenn er den ganzen Zustand nicht lösen kann. Das ist der Punkt, der mich heute trifft.

Vielleicht brauchen wir mal wieder die große gesellschaftliche Krise, damit sich etwas verändert. Vielleicht beginnt Veränderung aber auch viel früher. In einer Werkstatt. In einem Flur. In einem kurzen Anruf. In dem Moment, in dem du merkst, dass jemand wartet, und du dich entscheidest, nicht vorbeizugehen.

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Ich schreibe das auch gegen mich selbst.

Ich habe in meinem Leben oft genug weggeschaut, weil ich müde war. Ich habe Themen liegen lassen, weil sie unbequem wurden. Ich habe Menschen mit ihren Fragen warten lassen, weil ich gerade im eigenen Film festhing. Und ich kenne diese saubere Ausrede, dass man ja nicht alles tragen kann. Natürlich kann niemand alles tragen. Aber zwischen alles tragen und nichts sehen liegt Führung.

In Unternehmen zeigt sich das jeden Tag. Da steht ein Mitarbeiter mit einem Fehler vor dir. Da kommt ein Kunde mit einer Beschwerde. Da wartet ein Kollege auf eine Antwort. Da merkt jemand im Team, dass etwas kippt, und schaut zu dir, weil du Führung trägst. Dann entscheidet sich Kultur an deinem Reflex.

Wird der Mensch zum Vorgang, zur Störung oder zum Moment von Verantwortung?

Diese Frage ist unbequem, weil sie keine neue Methode braucht. Sie braucht Haltung. Sie braucht Selbstführung. Sie braucht den Mut, Nähe auszuhalten, ohne sich selbst zu verlieren. Genau darin liegt für mich heute die Führungsfrage.

Wo hast du Nähe mit Risiko verwechselt?

Vielleicht ist das der eigentliche Realitätscheck von Tag 6. Wir reden viel über Vertrauen in Organisationen. Wir reden über psychologische Sicherheit, Kultur, Mitarbeiterbindung und Verantwortung. Aber am Ende beginnt alles sehr konkret: Sieht jemand den anderen Menschen noch, wenn es ungelegen kommt?

Heute lade ich dich ein, eine Sache zu tun.

Geh gedanklich durch deinen Verantwortungsbereich und such nach einer Person, die gerade wartet. Auf Rückmeldung, auf Klärung, auf ein Gespräch, auf eine Entscheidung oder auf ein Zeichen, dass du sie siehst. Dann melde dich. Erkläre sauber, was du sagen kannst. Räume auf, was du liegen gelassen hast. Und wenn du nicht helfen kannst, dann geh trotzdem menschlich mit der Situation um.

Vertrauen entsteht oft genau dort, wo jemand merkt: Ich bin dir nicht egal.

Hoffnung führt, wenn Menschen wieder Richtung sehen.

Vertrauen aktiviert, wenn Menschen erleben, dass jemand verlässlich mitdenkt.

Drei ehrliche Reflexionsfragen

  1. Wo hast du in deinem Verantwortungsbereich Nähe durch professionelle Distanz ersetzt, obwohl eigentlich ein menschlicher Moment nötig wäre?
  2. Wer wartet gerade auf ein Zeichen von dir, das weniger Zeit kosten würde als dein weiteres Ausweichen?
  3. Welche Geschichte erzählst du dir, damit du nicht über den eigenen Vorgarten schauen musst?

Nimm diese Fragen mit in deinen Tag, bevor der operative Lärm wieder alles zudeckt.

Wenn dich dieser Newsletter an jemanden erinnert, leite ihn weiter. Vielleicht braucht genau diese Person heute den Satz, dass Führung manchmal damit beginnt, wieder hinzusehen.

Ben Schulz
Autor: Ben Schulz

Ben Schulz ist Unternehmer, Autor, Redner und Consultant für Geschäftsführer und Führungsteams in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Der Vorstand des Unternehmensberatung Ben Schulz & Partner AG legt den Schwerpunkt seiner Tätigkeit, gemeinsam mit seinem Team, auf die Schwerpunkte Unternehmensleitbildentwicklung, Kulturwandel, Führungskräfteentwicklung und strategischen Unternehmersparrings, bei denen es um die Steigerung von Perfomance geht.

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