Tag 7: Der Grizzly kam am Ende, die Erkenntnis schon vorher

Von Teslin nach Watson Lake, 255 Kilometer Regeneration und eine unbequeme Frage an alle, die ständig weiterfahren.

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Heute Nacht habe ich zum ersten Mal seit unserer Ankunft in Anchorage acht Stunden geschlafen. Ich schreibe das so schlicht, weil es mich selbst getroffen hat. Acht Stunden Schlaf klingen normal. Für mich fühlten sie sich heute Morgen fast fremd an. Gestern habe ich deutlich gemerkt, dass mein Körper nicht mehr sauber mitzieht. Die Konzentration war dünner. Die Reizschwelle niedriger. Die innere Spannung höher, als ich sie mir gern eingestehe. Da kam dieser Tag von Teslin nach Watson Lake genau richtig. Rund 255 Kilometer. Für diese Tour ist das fast ein kurzer Abschnitt. Nach den letzten Tagen fühlte sich die Etappe an wie ein Fenster, das jemand einen Spalt geöffnet hat.

Draußen zog der Yukon an uns vorbei. Täler, hohe Berge, einige noch mit Schnee bedeckt, dazwischen Flüsse, die sich durch die Landschaft schlängelten, als hätten sie alle Zeit der Welt. Es gab diese Pausemomente, in denen du einfach stehen bleibst und nicht sofort wieder an die nächste Kurve, den nächsten Tankstopp oder die nächste Aufgabe denkst. Ich habe heute mehrmals laut gesagt: „Was ist das schon so abartig schön.“

Das war die äußere Beobachtung des Tages: eine Landschaft, die dich nicht antreibt, sondern runterregelt.

Die körperliche Beobachtung war klarer: Mein Körper brauchte Regeneration, bevor mein Kopf bereit war, es zuzugeben.

Die innere Beobachtung kam später auf der Maschine. Ich musste an einen Satz meines Coaches Günther denken, der mich seit 2004 in regelmäßigen Abständen als Unternehmer und Managementberater begleitet. Er sagte einmal zu mir: „Ben, es braucht immer wieder Schleusenzeiten.“

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Ich mag dieses Bild sehr.

Eine Schleuse ist kein Stillstand. Ein Schiff fährt hinein, die Tore schließen sich, der Pegel verändert sich, dann geht es weiter. Die Schleusungsdauer liegt oft bei ungefähr 30 bis 45 Minuten. In dieser Zeit passiert etwas Entscheidendes, obwohl von außen betrachtet wenig Bewegung sichtbar ist. Das Schiff wird auf ein neues Niveau gebracht.

Genau dieses Bild hat mich heute beschäftigt.

Vielleicht brauchen Führungskräfte viel häufiger solche Schleusenzeiten. Zeiten, in denen nichts produziert wird, aber etwas reguliert wird. Zeiten, in denen du nicht schneller wirst, sondern wieder auf das richtige Niveau kommst. Zeiten, in denen du nicht noch mehr leistest, sondern deine Leistungsfähigkeit wieder herstellst. Ich merke, wie schlecht ich selbst damit umgehe. Ich weiß genau, dass ich als Führungskraft nur dann klar performen kann, wenn Energie, Selbstführung und innere Ordnung vorhanden sind. Ich weiß, dass Schlaf kein Luxus ist. Ich weiß, dass Regeneration zur Verantwortung gehört. Ich weiß, dass ein leerer Mensch keine tragfähige Hoffnung vermitteln kann.

Und trotzdem lasse ich es zu oft schleifen. 

Die Ausreden kenne ich alle, weil ich sie selbst benutze. Es ging gerade nicht. Der Kalender war voll. Die Verantwortung lag bei mir. Die Situation brauchte meine Entscheidung. Das Team brauchte Klarheit. Der Kunde brauchte eine Antwort. Die Familie brauchte Präsenz. Der Tag hatte zu wenig Stunden. Das klingt verantwortungsvoll. Oft ist es nur ein schöner Name für schlechte Selbstführung.

In meinem Buch „Führungskräfte als Hoffnungsträger“ schreibe ich über Selbstfürsorge und Vitalitätsmanagement. Dort geht es auch um Schlaf, Bewegung, Auszeiten und die Frage, ob du dir selbst genug wert bist, um rechtzeitig aufzutanken. Heute auf der Strecke musste ich mir eingestehen, dass ich dieses Wissen nicht konsequent genug in meine Tage einbaue.

Wissen schützt dich nicht vor Erschöpfung, wenn du es nicht lebst.

Das ist die Führungsfrage dieses Tages: Wo verwechselt du Durchhalten mit Verantwortung?

Hope & Trust Leadership beginnt nicht erst im Teammeeting. Es beginnt dort, wo du dir ehrlich anschaust, ob du überhaupt noch die innere Stabilität hast, anderen Richtung zu geben. Hoffnung braucht Menschen, die eine Zukunft vorstellbar machen können. Vertrauen braucht Menschen, deren Verhalten verlässlich bleibt, auch wenn Druck entsteht. Beides bricht leise weg, wenn du dauerhaft über deinen Energiehaushalt hinweggehst.

Dein Team merkt, ob du präsent bist oder nur funktionierst. Es merkt, ob du zuhörst oder innerlich schon beim nächsten Problem bist. Es merkt, ob du aus Klarheit führst oder aus gereizter Müdigkeit. Und irgendwann baut sich daraus Kultur. Entweder eine Kultur, in der Menschen lernen, ihre Kräfte sauber zu führen. Oder eine Kultur, in der alle so tun, als sei Erschöpfung ein Beweis für Einsatz.

Das ist gefährlich.

Führungskräfte im Mittelstand kennen diesen Punkt besonders gut. Der Laden muss laufen. Die Kunden warten nicht. Die Maschinen stehen nicht still, nur weil der Geschäftsführer schlecht geschlafen hat. Der Markt fragt nicht, ob du gerade mental sauber sortiert bist. Genau deshalb braucht Führung Schleusenzeiten. Nicht als Wellnessidee, sondern als Führungsdisziplin.

Heute in Watson Lake haben wir noch am Schilderwald gehalten und unser Schild der Mission Hoffnungsträger 2.0 aufgehängt. Dieser Ort hat mich berührt. 1942 hat ein US-Soldat aus Heimweh ein Schild zu seiner Heimatstadt Danville in Illinois angebracht. Aus einem einzelnen Zeichen wurde über Jahrzehnte ein Wald aus mehr als 100.000 Schildern aus der ganzen Welt.

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Menschen hinterlassen dort Richtung.

Vielleicht ist das die zweite leise Botschaft dieses Tages. Wer anderen Richtung geben will, muss selbst wissen, wo er steht. Und wer ständig durchfährt, verliert irgendwann das Gefühl für den eigenen Standort.

Ich brauche wieder mehr Schleusenzeiten.

Nicht irgendwann nach der Tour. Nicht erst, wenn alles ruhiger wird. Ich brauche sie als festen Bestandteil meiner Führung, meiner Arbeit, meines Lebens. Kleine Schleusen im Kalender. Echte Pausen ohne heimliches Weiterarbeiten. Momente, in denen ich den Pegel wieder ausgleiche, bevor ich weitermache.

Heute nehme ich mir vor, diese Frage nicht nur auf der Straße zu bewegen. Ich nehme sie mit zurück in meinen Führungsalltag. Wo plane ich Regeneration so ernsthaft ein wie Termine mit Kunden? Wo behandle ich meinen Energiehaushalt wie eine Nebensache, obwohl er über meine Wirkung entscheidet? Wo muss ich meinem Team vorleben, dass verantwortliche Führung nicht im permanenten Durchziehen liegt, sondern im rechtzeitigen Regulieren?

Nimm dir heute zehn Minuten und schau in deinen Kalender. Suche keine große Lösung. Suche die nächste Schleuse. Einen Termin, den du nicht füllst. Eine Pause, die du schützt. Einen Abend, an dem du wirklich aufhörst. Eine halbe Stunde, in der du den Pegel wieder ausgleichst.

Hoffnung führt. Vertrauen aktiviert. Und manchmal beginnt beides damit, dass du endlich aufhörst, dich selbst wie eine unerschöpfliche Ressource zu behandeln.

Drei Reflexionsfragen für dich:

  1. Wo fährst du gerade innerlich weiter, obwohl dein Körper längst nach einer Schleusenzeit verlangt?
  2. Welche Ausrede benutzt du am häufigsten, um Regeneration aus deinem Kalender zu streichen?
  3. Was würde sich in deinem Team verändern, wenn du Selbstführung nicht erklärst, sondern sichtbar vorlebst?

Wenn dich diese Frage trifft, nimm sie mit in deinen Tag. Und wenn du die Mission weiter direkt begleiten willst, komm in den WhatsApp-Kanal oder lies morgen früh um 07:30 Uhr wieder mit.


P.S. ganz zum Schluss:
Das Highlight des Tages kam fast nebenbei und hat uns erwischt. Wir haben unseren ersten Grizzlybären am Straßenrand gesehen. Für einen Moment war alles andere weg: die Strecke, die Müdigkeit, die Gedanken an die nächste Etappe. Da stand dieses Tier, ruhig und vollkommen in seiner eigenen Welt, während wir kaum glauben konnten, was wir gerade sehen. Alex hat den Moment mit der Kamera erwischt, und ihre Freude darüber war mindestens so schön wie der Bär selbst. Sie war richtig happy. Manchmal schenkt dir ein Tag am Ende noch etwas, das du weder planen noch erzwingen kannst. Genau solche Momente tragen einen weiter.

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Ben Schulz
Autor: Ben Schulz

Ben Schulz ist Unternehmer, Autor, Redner und Consultant für Geschäftsführer und Führungsteams in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Der Vorstand des Unternehmensberatung Ben Schulz & Partner AG legt den Schwerpunkt seiner Tätigkeit, gemeinsam mit seinem Team, auf die Schwerpunkte Unternehmensleitbildentwicklung, Kulturwandel, Führungskräfteentwicklung und strategischen Unternehmersparrings, bei denen es um die Steigerung von Perfomance geht.

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