Von Watson Lake nach Dease Lake. Eine Etappe über Waldbrandspuren, verletzte Kultur und den langen Weg zurück ins Vertrauen.
Heute Morgen stand ich um 7 Uhr in Watson Lake draußen in einem kleinen Park. Vor mir lagen mein Notebook und der Starlink, weil ich ein Interview mit Hermann Simon führen durfte.
Dieser Rahmen war weit weg von Studioatmosphäre. Genau das mochte ich daran. Ein kleiner Park, Technik auf Position, Verbindung ins Netz, draußen diese Weite und dann ein Gespräch über Unternehmertum, Führung und Klarheit. Es war ein richtig gutes Gespräch, das du dir auf YouTube anschauen kannst.
Danach wechselte der Tag seinen Takt. Aus Gespräch wurde Straße. Aus Konzentration am Bildschirm wurde Konzentration auf dem Motorrad. Wir fuhren weiter nach Dease Lake in British Columbia. Rund 260 Kilometer, und trotzdem fühlte sich diese Etappe größer an als die Zahl.
Die Landschaft veränderte sich spürbar. Der Yukon lag hinter uns, und British Columbia zeigte sofort ein anderes Gesicht. Die Wälder, die Straße, die Farben, die Weite, alles wirkte, als hätte jemand den Film gewechselt.
Dann kamen diese Abschnitte, in denen man sehen konnte, was Feuer hinterlassen hatte. Verkohlte Stämme. Dunkle Flächen. Kahle Stellen zwischen neuem Grün. Ich weiß nicht, wann es dort genau gebrannt hat. Ich habe nur gesehen, dass es gebrannt hatte.
Dieser Anblick lässt dich nicht einfach weiterfahren, wenn du innerlich halbwegs wach bist.
Mir kam ein Gedanke, den ich erst gar nicht so gern haben wollte: Führungskräfte hinterlassen manchmal genauso verbrannte Erde.
Das klingt hart, und genau deshalb schreibe ich es. Ich meine damit etwas anderes als den einen Konflikt, das klare Nein oder eine notwendige Grenze. Führung darf unbequem sein. Konsequenz gehört dazu. Klarheit gehört dazu. Manchmal muss eine Führungskraft eingreifen, wenn Dinge aus dem Ruder laufen.
Verbrannte Erde entsteht an einer anderen Stelle.
Sie entsteht, wenn Menschen nach einer Führungsentscheidung weniger Vertrauen haben als vorher. Sie entsteht, wenn ein Team innerlich zurückbleibt, obwohl der Chef nach außen längst weitergezogen ist. Sie entsteht, wenn Druck nach unten durchgereicht wird und anschließend alle so tun sollen, als sei das professionelle Klarheit gewesen.
Ich kenne die Rechtfertigungen. Ich habe selbst solche Sätze gedacht oder gesagt. Das ging so nicht weiter. Da musste ich durchgreifen. Die sollen sich nicht so anstellen.
In manchen Momenten steckt darin ein wahrer Kern. Trotzdem wird Wahrheit gefährlich, wenn sie zur Tarnung für Arroganz, Ignoranz oder Intoleranz wird.
Arroganz beginnt oft leise. Du hältst dich für belastbarer, klarer und professioneller, als du gerade bist. Du schläfst zu wenig, hetzt von Termin zu Termin, machst krank weiter und sagst auf Nachfrage tapfer, dass alles gut sei. Dabei wird dein Ton schärfer. Deine Geduld wird dünner. Deine Wirkung wird härter.
Im Flugzeug gilt die einfache Regel, zuerst die eigene Sauerstoffmaske aufzusetzen. In Führung gilt das genauso. Wer sich selbst dauerhaft vernachlässigt, führt irgendwann aus Mangel. Dann wird aus Verantwortung Gereiztheit. Dann wird aus Klarheit Härte. Dann wird aus Anspruch Ungerechtigkeit.
Ignoranz sieht anders aus. Sie schaut auf Frühwarnsignale und wartet trotzdem weiter. Der Großauftrag kommt im ersten Quartal nicht, dann im zweiten Quartal auch nicht, und innerlich bleibt die Hoffnung an einer einzigen Annahme kleben. Der Kurs müsste angepasst werden, doch die Führung hält an der eigenen Erzählung fest. Das Team sieht die Lücke längst. Der Markt sagt längst etwas anderes. Die Zahlen werden eindeutiger, aber der Blick bleibt stur.
Intoleranz trifft zuerst dich selbst und dann andere. Wer sich keine Fehler zugesteht, kann aus Fehlern nichts lernen. Wer eigene Schwächen dauernd verdeckt, reagiert empfindlich, sobald andere ihn darauf stoßen. Dann wird der Ton lauter, die Reaktion belehrend, die Mail schärfer, das Meeting enger.
Irgendwann brennt die Bude, weil Führung ihre eigene Überforderung nicht mehr erkennt.
Das Bild der verbrannten Landschaft hat mich heute getroffen, weil die Natur ehrlich ist. Sie kaschiert das Feuer nicht. Sie braucht Zeit. Und selbst diese Zeit reicht nur, wenn Bedingungen entstehen, unter denen neues Leben wieder möglich wird.
In Unternehmen ist das ähnlich. Kultur regeneriert langsam. Ein schneller Change-Prozess heilt kein Misstrauen, wenn Menschen gelernt haben, deiner Führung erst einmal auszuweichen. Eine Transformation auf Tempo ersetzt kein verlässliches Verhalten. Nach verbrannter Erde wollen Menschen sehen, ob du dich wirklich anders verhältst, wenn Druck kommt.
Genau hier berührt der Tag Hope & Trust Leadership.
Hoffnung entsteht, wenn Menschen wieder sehen, dass Zukunft möglich ist. Vertrauen wächst, wenn sie erleben, dass dein Verhalten trägt. Nach verbrannter Erde brauchst du beides: eine Richtung, die Hoffnung gibt, und eine Verlässlichkeit, die Vertrauen langsam wieder aktiviert.
Das Bittere daran ist: Es beginnt bei dir.
Dein Team muss zuerst erleben, dass du dich anders verhältst als vorher. Die Menschen werden deine neuen Sätze nicht sofort glauben. Sie werden dich beobachten. Sie werden prüfen, ob deine Klarheit diesmal respektvoll bleibt. Sie werden hören, ob deine Entschuldigung eine echte Korrektur einleitet. Sie werden merken, ob du Verantwortung übernimmst oder nur die passende Sprache gefunden hast.
Ich habe heute auf dieser Strecke darüber nachgedacht, wo ich selbst verbrannte Erde hinterlassen habe. In meiner Führung. In Entscheidungen. In Momenten, in denen ich zu hart war, zu schnell, zu überzeugt von meiner eigenen Sicht.
Es gibt Dinge, die ich klären will, wenn ich wieder in Deutschland bin. Das schreibe ich hier nicht als schöne Geste. Ich schreibe es, weil ich es tun werde.
Vielleicht ist das die eigentliche Führungsfrage dieses Tages:
Wo wartest du darauf, dass deine Kultur von allein wieder grün wird, obwohl du selbst das Feuer mitgelegt hast?
Nimm dir heute keinen großen Plan vor. Denk an einen konkreten Menschen, ein konkretes Team oder eine konkrete Situation. Schreib auf, wo Vertrauen beschädigt wurde. Dann überlege, welcher erste ehrliche Satz nötig ist.
Dieser Satz kann schlicht sein: „Ich glaube, ich habe an dieser Stelle Vertrauen beschädigt, und ich will das mit dir klären.“
Das reicht noch lange nicht. Aber es öffnet den Boden, auf dem später wieder etwas wachsen kann.
Drei ehrliche Reflexionsfragen
Wo hast du mit deiner Art zu führen mehr verbrannt, als du damals sehen wolltest?
Welche Begründung nutzt du bis heute, damit du dich dieser Stelle nicht stellen musst?
Wer müsste von dir erleben, dass du dich unter Druck wirklich anders verhältst?
Wenn dich eine dieser Fragen trifft, nimm sie ruhig mit in deinen Tag. Und wenn du die Mission weiter nah begleiten willst, komm in den WhatsApp-Kanal oder lies morgen früh um 07:30 Uhr weiter.
PS: Mein persönliches Highlight heute war, dass ich mein Tier so nah an mir hatte wie nie zuvor. Das macht mich gerade richtig glücklich.
Ben Schulz ist Unternehmer, Autor, Redner und Consultant für Geschäftsführer und Führungsteams in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Der Vorstand des Unternehmensberatung Ben Schulz & Partner AG legt den Schwerpunkt seiner Tätigkeit, gemeinsam mit seinem Team, auf die Schwerpunkte Unternehmensleitbildentwicklung, Kulturwandel, Führungskräfteentwicklung und strategischen Unternehmersparrings, bei denen es um die Steigerung von Perfomance geht.