Tag 9: Wenn das Klima kippt

Von Schneeregen, beschlagenem Visier und einer Drohne im Baum: Tag 9 zeigt, warum Kultur an den kleinen Signalen sichtbar wird.

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Heute Morgen sind wir sehr früh los, weil rund 400 Kilometer auf dem Plan standen. Der Wetterbericht hatte Wolken angekündigt, doch der Himmel sah beim Losfahren so dunkel aus, dass ich vorsichtshalber die komplette Regenausrüstung anzog. Draußen waren es vier bis fünf Grad, also hatte ich mich auf Kälte eingestellt, auf nasse Finger und auf einen Körper, der im Sattel irgendwann nur noch funktionieren will. Wir tankten noch schnell, dann ging es auf die Straße. Nach etwa fünfzehn Minuten sah ich, wie die Temperaturanzeige an meiner Maschine langsam nach unten ging. Erst kam leichter Regen. Dann wurde aus Regen Schneeregen. Kurz darauf sprang die Anzeige zwischen null und einem Grad hin und her, und dann kam Schnee.

Das Visier musste ich immer wieder freimachen, weil ich kaum noch sauber sehen konnte. Innen beschlug es ständig, außen klebte der nasse Schnee, und der Wind drückte so hart gegen mich, dass ich immer langsamer wurde. Mir war mulmig. Ich hoffte die ganze Zeit, dass dieser Abschnitt bald aufhört, weil du auf dem Motorrad sehr genau merkst, wann dein Kopf anfängt, mehr mit Angst als mit Richtung zu arbeiten.

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Nach ungefähr dreißig Minuten riss der Himmel auf. Später kamen wir in Stewart an, und plötzlich waren es um die zwanzig Grad. Ich saß noch in den Klamotten, die mich morgens vor Kälte und Nässe schützen sollten, und auf einmal lief mir die Hitze den Rücken runter. Der gleiche Tag hatte Schnee, Regen, Wind, Unsicherheit und Sommerwärme in sich.

Ich musste dabei an Betriebsklima denken.

In Unternehmen reden wir oft darüber, als wäre Betriebsklima ein Wetterbericht. Heute ist die Stimmung schlecht. Die Mannschaft wirkt kalt. Zwischen zwei Abteilungen wird es heiß. In der Produktion brodelt es. Im Vertrieb hängt der Nebel. Dann wird nach einer Maßnahme gesucht, die das Ganze wieder gerade rücken soll.

Ich kenne diese Gespräche aus Beratungen sehr gut. Dann kommen Vorschläge auf den Tisch, die auf den ersten Blick freundlich wirken: Teambuilding, Apfelkorb, JobBike, Gutscheine, Kicker, freie Getränke, Grillen hinter der Produktionshalle. Das alles kann nett gemeint sein. Ein Kicker bleibt trotzdem ein Möbelstück, wenn Menschen einander nicht mehr trauen. Ein Apfelkorb wirkt dünn, wenn Entscheidungen nicht erklärt werden. Ein Grillabend hat wenig Kraft, wenn der Flurfunk schneller informiert als die Führung.

Der Satz, den ich dann oft höre, lautet: Ich habe doch alles gemacht.

Genau an diesem Punkt wird es ehrlich. Betriebsklima ist ein Symptom. Die Ursache liegt oft tiefer, in der Führungskultur, in der Kommunikationskultur oder in Prozessen, die jeden Tag Reibung erzeugen. Wenn Menschen innerlich auf Abstand gehen, liegt das selten am fehlenden Obst. Wenn Teams nörgeln, liegt das oft an ungelösten Spannungen, unausgesprochenen Erwartungen oder Entscheidungen, die niemand sauber eingeordnet hat.

Hoffnung entsteht in einem Unternehmen, wenn Menschen wieder verstehen, wohin es geht und warum sich Anstrengung lohnt. Vertrauen wächst, wenn Führung verlässlich spricht, sauber erklärt und auch die unangenehmen Themen nicht ausspart. Das ist Hope & Trust Leadership im Alltag. Es zeigt sich in der Art, wie du Temperaturunterschiede im Unternehmen wahrnimmst, ernst nimmst und an der Ursache arbeitest.

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Der Tag hatte noch einen zweiten Moment, der mir nachgeht.

Am späten Nachmittag sind wir noch zum Salmon Glacier hochgefahren. Die Landschaft war atemberaubend. Ich wollte die Drohne steigen lassen, weil ich diese Weite festhalten wollte. Sie flog auch. Dann war ich nach diesem Tag offenbar unaufmerksam, zu schnell in der nächsten Handlung, zu wenig präsent für das, was ich da gerade tat. Die Drohne landete am Berg in den Bäumen, an einer Stelle, an die wir nicht mehr herankamen.

Ich war richtig sauer auf mich. Der Ärger kam nur zum Teil vom Material. Es war dieser Ärger, den du spürst, wenn du weißt, dass der Fehler vermeidbar gewesen wäre. Ich hatte den Wetterritt hinter mir, den Temperaturwechsel im Körper, die Strecke in den Knochen und diesen inneren Anspruch, noch schnell ein starkes Bild zu machen. Genau dieses „noch schnell“ ist oft der Moment, in dem Aufmerksamkeit kippt.

Auch das kenne ich aus Führung.

Nach einem harten Tag, nach einer Konfliktsitzung, nach Zahlen, Druck und Daueranspannung triffst du noch schnell eine Aussage. Du schickst noch schnell eine Mail. Du gibst noch schnell eine Entscheidung weiter. Und weil du innerlich längst leer bist, wird aus einem kleinen Moment ein unnötiger Schaden. Manchmal verliert man dann eine Drohne. Manchmal verliert man Vertrauen. Der entscheidende Punkt ist, was danach passiert. Du kannst den Fehler beschönigen, du kannst ihn auf die Umstände schieben, du kannst innerlich auf andere zeigen. Oder du bleibst bei dir und nimmst ernst, was der Fehler dir zeigt.

Heute hat er mir gezeigt, dass Fokus mehr ist als ein sauberer Anspruch. Fokus ist eine Führungsaufgabe, gerade wenn der Tag schon an dir gezogen hat. Wer sein eigenes inneres Klima übersieht, wird für andere unberechenbar. Wer seine Erschöpfung ignoriert, verwechselt Geschwindigkeit mit Wirksamkeit. Wer Temperaturwechsel im Team nur mit Maßnahmen beantwortet, lässt die eigentliche Kulturfrage liegen.

Für dich heißt das heute ganz praktisch: Beginne bei den Ursachen, bevor du das nächste Goodie für dein Team suchst. Geh auf die Suche nach den Stellen, an denen es kalt geworden ist. Schau dorthin, wo Menschen aufgehört haben, offen zu sprechen. Schau dorthin, wo es heiß wird, weil Prozesse schlecht gebaut sind. Und dann sprich mit den Menschen, bevor du die nächste Maßnahme einkaufst.

Frage heute eine Person aus deinem Unternehmen, an welcher Stelle sie merkt, dass das Klima kippt. Höre zu, ohne sofort zu erklären. Schreibe dir danach auf, welche Ursache du beeinflussen kannst. Genau dort beginnt Führung.

Drei Reflexionsfragen für deinen Tag:

  1. Wo behandelst du gerade ein Kulturproblem wie ein Stimmungsproblem?
  2. Welche Temperaturunterschiede spürt dein Team längst, obwohl du sie noch mit Maßnahmen überdeckst?
  3. Welchen Fehler der letzten Tage solltest du sauber anschauen, bevor er Vertrauen kostet?

Nimm diese Fragen mit in deinen Tag. Wenn dich eine davon trifft, leite diesen Newsletter an eine Führungskraft weiter, die gerade am Betriebsklima arbeitet und eigentlich an der Kultur anfangen müsste.

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Ben Schulz
Autor: Ben Schulz

Ben Schulz ist Unternehmer, Autor, Redner und Consultant für Geschäftsführer und Führungsteams in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Der Vorstand des Unternehmensberatung Ben Schulz & Partner AG legt den Schwerpunkt seiner Tätigkeit, gemeinsam mit seinem Team, auf die Schwerpunkte Unternehmensleitbildentwicklung, Kulturwandel, Führungskräfteentwicklung und strategischen Unternehmersparrings, bei denen es um die Steigerung von Perfomance geht.

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