Warum hat Deutschland immer noch so wenige Frauen an der Führungsspitze?

Diese Frage erreichte Ben Schulz und Walter Kohl nach einer Folge ihres Podcasts „Kohl & Schulz. Gedanken, die zählen.“ Zeit, ihr auf den Grund zu gehen …
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Fakt ist, dass heute so viele Frauen wie nie zuvor in den DAX Vorständen sind. In den 160 Unternehmen der DAX-Familie hat sich die Zahl weiblicher Vorstandsmitglieder innerhalb eines Jahres von 74 auf 94 erhöht. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Auswertung des Beratungsunternehmens EY (Ernst & Young). Das ist der höchste Wert und der stärkste Anstieg seit Beginn der Auswertung im Jahr 2013.

Trotz dieser positiven Entwicklung hinkt Deutschland im internationalen Vergleich aber immer noch hinterher. Ein Blick auf die oberste Spitze von deutschen Unternehmen offenbart, dass es mit Frauen an der Führung weiterhin düster aussieht. Zum 1. Januar 2022 stand in nur 9 von 160 Unternehmen eine Managerin an der Spitze des Vorstands. Brauchen wir deshalb die Frauenquote oder verschlechtert diese die Unternehmensführung?

Quoten, Qualität und Quatsch

Wenn das Wort Frauenquote, insbesondere bei Unterhaltungen mit Unternehmerinnen, Managerinnen oder Inhaberinnen, fällt, dann gibt es meist nur zwei Reaktionen. Die einen verdrehen die Augen und sagen: „Frauenquote, was für ein dämliches Wort.“ Die anderen sind absolute Verfechter und der Meinung, dass es längst überfällig war, diese einzuführen. Wenn man mich fragt, dann halte ich von dem Wort Quote rein gar nichts. Ich glaube, wir müssen zwei Dinge unterscheiden. Es gibt einmal die Frage nach der Quote und die nach der Qualität. Was ist wichtiger, wenn es um die Funktion geht? Quote oder Qualität? Meiner Meinung nach sind Quoten Quatsch, denn wir müssen verstärkt der Frage nachgehen, wie die Qualität gesichert werden kann – und zwar auf der Ebene der Gleichheit. Wir sollten nicht über Quote sprechen, sondern darüber, dass Gleichheit eine Relevanz hat.

Regelt es der Markt von allein?

Jetzt haben wir hier eine Frauenquote-Debatte aufgemacht, in der gewisse Regeln besagen, wie viel Frauen in Vorständen sein sollen usw. Doch ich glaube, dass der Markt, trotz Frauenquote, das nicht von allein regeln wird. Warum? Das hat einen einfachen Grund. Männer nehmen Männer mit. Männer bilden strategische Allianzen. Männer nehmen Buddys mit. Männer kommunizieren in Freundschaftsrunden. Das ist der eine Aspekt. Der zweite ist, dass Männer – wie übrigens auch Frauen – Situationen immer zunächst aus ihrer eigenen, individuellen Brille beurteilen. Das heißt, dass sie im ersten Moment nicht auf dem Schirm haben, dass jemand, der so anders ist als sie selbst, einen Mehrwert mitbringen könnte. Es geht vielmehr darum, sich gut zu verstehen, auf Augenhöhe zu sein, Interessen zu teilen und auf der gleichen Wellenlänge zu sein. Und das ist zutiefst menschlich.

Wir brauchen beides – Männer und Frauen

Männer und Frauen sind unterschiedlich. Ich selbst habe einmal in einem Seminar gehört, dass Männer in Schubladen und Frauen in offenen Regalen denken. Woran liegt das? Das hat etwas mit Persönlichkeit zu tun, mit Charaktermerkmalen und Dingen, die uns unterscheiden. Wir alle wissen, dass Frauen viel stärker beziehungsorientiert sind, in dem, wie sie agieren, kommunizieren, interagieren. Und wir Männer sind vielleicht stärker sachorientiert: Zahlen, Daten, Fakten. Wir schauen auf unterschiedliche Faktoren und manchmal bleibt der Mensch dabei ein bisschen auf der Strecke. Aber brauchen wir nicht beides? Wenn wir wirklich darüber nachdenken, dass Frauen mehr in die Führung sollen, müssen wir erkennen, dass wir es mit einem Mehrwert zu tun haben. Mit einem Potenzial, mit einer zusätzlichen Ressource, die für die Gesamtorganisation und für die Menschen darin nur von Vorteil sein kann. Es braucht beides – die männliche und die weibliche Sicht, und das bei Gleichheit in Quality.

Was zeichnet Frauen aus, die es in die Chefetage geschafft haben?

Es gibt viele Punkte, die Frauen in der Chefetage auszeichnen. Ich möchte einmal vier herausgreifen:

Sie sind authentisch

Frauen in der Führung sind authentisch, man erlebt sie. Das Gegenteil davon sind Frauen, die glauben, sie müssten das „Männer-Spiel“ lernen, doch darum geht es hier nicht, denn das hat nichts mit Authentizität zu tun.

„Teflonschicht“

Man hat oft das Gefühl, dass Frauen sich in den Chefetagen eine Teflonschicht zugelegt haben. Bestimmte Dinge und Bemerkungen, die von außen kommen, perlen an ihnen ab. Sie nehmen es nicht persönlich, sondern sie haben eine Art, damit sehr souverän umzugehen.

Sie verbiegen sich nicht

Frauen in Führungspositionen verbiegen sich nicht, um es anderen recht zu machen. Sie stehen zu ihrer Meinung und vertreten diese mit dem nötigen Nachdruck.

Umgang mit Emotionen

Der vierte Punkt, den ich für ganz wichtig halte, ist der Umgang mit Emotionen. Das finden wir auch in der Selbstführung wieder. Es geht darum, auch in emotionalen Situationen handlungsfähig zu sein. Und das können Frauen in Chefetagen meist sehr gut.

Zusammenfassend bleibt nur zu sagen:

Wir brauchen keine Quote, wir brauchen Gleichheit und Quality.