Was hat das Scheitern in der Führung mit der Persönlichkeit zu tun?

Aus und vorbei. Oliver Kahn wurde aus dem Vorstand des FC Bayern „geschmissen“ und die Schlagzeilen kochen hoch. Zu Spielzeiten trug Kahn nicht umsonst den Spitznamen „Titan“. Er war vor allem für seinen unbeugsamen Willen und seinen Ehrgeiz bekannt und gefürchtet. Unvergessen sind seine Auseinandersetzungen mit Gegnern oder auch mal Spielern aus der eigenen Mannschaft. Da wurden Kung-Fu-Tritte oder Bisse verteilt. Keine Frage: Kahn polarisierte. Was hat sich seitdem verändert und wieso scheiterte der einst so erfolgreiche Spieler nun an der Aufgabe als Bayern-Boss? 

Die sportlichen Erfolge von Oliver Kahn sind legendär. Er wurde achtmal Deutscher Meister, sechsmal Deutscher Pokalsieger, UEFA-Pokalsieger, Champions-League-Sieger, Europameister, Vize-Weltmeister. Außerdem erhielt er drei Mal die Auszeichnung zum Welttorhüter, vier Mal Europas Torhüter des Jahres, zwei Mal Deutschlands Fußballer des Jahres. Eine unfassbare Karriere. Bereits als Spieler galt Kahn als ehrgeiziger Einzelgänger. Er hat alles dem Erfolg untergeordnet. Sympathiepunkte wollte Kahn nie gewinnen, nur Trophäen – und das gelang ihm auch.
 

„Ich habe Angst vor Krieg und Oliver Kahn.“ 
 

Wie groß der Respekt vor Kahn war, zeigte sich auch bei seinen Mitspielern. Mehmet Scholl machte dies vor einigen Jahren deutlich als er sagte: „Ich habe Angst vor Krieg und Oliver Kahn.“ Auch sagte er, dass Kahn fußballerisch toll sei, es aber menschlich zwischen ihnen eher schwierig sei. Besonders unbeliebt war Oliver Kahn in der Kabine aber vor allem deshalb, weil sein Ehrgeiz die anderen nerven konnte. Auf der anderen Seite war Kahn mit dieser Einstellung prädestiniert für den ambitionierten FC Bayern.

Seit seinem Karriereende als Torwart hat Kahn jedoch einiges getan, um sein Image zu ändern. Die Berufung zum Bayern-Boss stellte dabei den Höhepunkt seiner Laufbahn dar. Als CEO setzte er von da an auf feinen Zwirn und Unternehmersprech. Doch lässt sich eine Persönlichkeit wirklich ändern?

Das Ergebnis für Bayern war die Meisterschaft, das für Kahn der Rauswurf

Oliver Kahn hat die Bedeutung öffentlicher Auftritte in seiner Funktion als Vorstandschef von Bayern München zunächst unterschätzt, wie es in einer Aussage im Magazin „11Freunde“ zwischen den Zeilen steht. Kahn sei klar geworden, dass es als CEO notwendig ist, öffentlich noch präsenter zu sein. Seinen Charakter wolle er aber nicht verleugnen, seine Art sei „eben etwas anders“ als die der früheren Bosse Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Entscheidend sei letztlich nicht das, was jemand alles in der Öffentlichkeit von sich gibt, sondern wie die Resultate sind. Und wie endete das ganze? Das Ergebnis für Bayern war die Meisterschaft, das für Kahn der Rauswurf. Ihm wurde ebenfalls versagt, am letzten Spiel der Mannschaft anwesend zu sein. Das Gerücht, er sei grippekrank, passte allerdings nicht zu Kahns späterer Aussage auf Twitter: „Ich würde gerne mit euch feiern, aber leider kann ich heute nicht bei euch sein, weil es mir vom Klub untersagt worden ist.“

In vielen Berichten und Artikeln war die Rede davon, dass Kahn geradezu ausgerastet sei, als ihm die Entscheidung mitgeteilt worden sei. Er selbst hingegen dementierte das und schrieb auf Twitter, dass er mit Präsident Herbert Hainer ein ruhiges und sachliches Gespräch geführt habe. „Ich habe mich lediglich über diesen Aktionismus gewundert, warum diese Entscheidung nun vorgezogen wurde. Am Samstagmorgen (27.05.2023 Anm. d. Red.)

habe ich die Mitteilung erhalten, dass ich nicht mit zum Spiel kann. Auch diese Entscheidung habe ich ruhig entgegen genommen.“ Von Seiten des Klubs wiederum wurde dieser Darstellung widersprochen. Es habe keine einvernehmliche Trennung gegeben, sagte Hainer.

Wie es wirklich war, wissen wohl nur die Beteiligten selbst. Fakt ist jedoch, dass Kahn in seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender aus Sicht des Vereins scheiterte.

Warum scheitern wir? Und hat unsere Persönlichkeit etwas damit zu tun?

Stellen wir uns einmal vor, dass unsere Persönlichkeit einem Baum gleicht. Auch wir haben Wurzeln, aus denen wir gewachsen sind. Das sind unsere angeborenen Motive. Diese machen uns einzigartig und dienen uns als Energiequelle. Ebenso haben wir einen Stamm, der unsere Erfahrungen darstellt. Das mögen besonders negative Erfahrungen sein, die in unserem emotionalen Gedächtnis Spuren hinterlassen. Sie prägen unser Verhalten, unsere Denkgewohnheiten und unsere Wahrnehmungsmuster. Mit diesen negativen Erfahrungen sind oft sogenannte Lebensthemen verbunden, die uns ständig begleiten. Natürlich machen wir auch gute Erfahrungen. Diese erleben wir häufig dann, wenn wir im Einklang mit unseren Wurzeln leben. Auch dieses Wissen verankert sich in unserem Gedächtnis.

All unsere Erfahrungen fließen schließlich zu dem sogenannten impliziten Wissen zusammen. Dort sind Ressourcen verborgen, von denen wir oft gar nichts wissen, jedenfalls nicht bewusst. Zu den Lebensmotiven und dem impliziten Wissen gesellt sich noch die große Warum-Frage. Warum tun wir, was wir tun? Es ist die Frage nach unseren Visionen, unserer Berufung und dem Fußabdruck im Leben, den wir hinterlassen wollen. Diese drei Bereiche machen unsere Identität als Person aus. Sie haben direkte Auswirkungen auf unseren Erfolg oder Misserfolg. Das gilt sowohl im privaten Leben als auch in der Rolle als Führungskraft oder Unternehmer. Herrscht hier eine Disharmonie spiegelt sich das auch in der alltäglichen Arbeit wider. Konflikte brechen auf, Reibungsverluste entstehen, es hakt an allen möglichen Ecken und Enden. Meiner Meinung nach war dies wohl auch bei Oliver Kahn der Fall.

Doch springen wir noch einmal zurück zu unseren Wurzeln. Wenn die Performance von einem CEO nicht stimmt, wird in Unternehmen grundsätzlich davon ausgegangen, dass etwas mit dem Menschen nicht stimmt. Schnell werden zum Beispiel fehlende Management-Techniken oder mangelnde Kompetenzen für enttäuschende Ergebnisse verantwortlich gemacht. Wäre es nur fehlende Kompetenz, ließe sich das Problem leicht aus der Welt schaffen. Wir alle können uns schnell neues Wissen aneignen. In Wahrheit allerdings geht die Sache viel tiefer.

Die Konstante und die Unbekannte: Persönlichkeit und Situation in der Führung

Die Probleme sind in der Persönlichkeit der Führungsperson verwurzelt. Während sich Umstände und Situationen ständig im Fluss befinden, bleibt die Motivstruktur eines Menschen stabil. Sie ist nicht veränderbar. Auch wenn unsere Kultur etwas gänzlich anderes propagiert und die Idee fixiert, dass wir alles ständig ändern und neu machen könnten. Ein neuer Beruf, neuer Wohnort, neuer Lebenspartner usw. Wir glauben wir können uns ändern. In Wahrheit können wir zwar unser Verhalten variieren, die Struktur unserer Motive aber nicht. Halten wir also fest: Wenn Situation und Mensch aufeinandertreffen, ist in diesem Spiel der Mensch die Konstante und die Situation die Unbekannte.

Unsere Lebensmotive bleiben konstant, egal in welcher Situation wir uns befinden. Wir lernen zwar mit der Zeit dazu, wissen immer besser, wer wir sind, passen unser Verhalten an und gewinnen neue Erkenntnisse. Doch wir wachsen wie ein Baum. Die Wurzeln bleiben die gleichen. Genau genommen ist das Wachstum nur möglich, weil wir Wurzeln haben. Jemand, der nach Anerkennung strebt, wird dies ein Leben lang tun. Ein anderer, dem Ordnung sehr wichtig ist, wird ordentliche Verhältnisse in Leben lang lieben. Ein Dritter, dem das Wetteifern mit anderen im Blut liegt, wird ein wettbewerbsorientierter Mensch bleiben, auch wenn er das Gegenteil behauptet.

Die Bedeutung der Selbstkenntnis für ein erfülltes Leben

Dass es diese lebenslange Disposition gibt, müssen wir akzeptieren und als etwas Positives begreifen: Denn Menschen, die sich selbst gut kennen, sind in der Lage, ein wesentlich glücklicheres Leben zu führen als diejenigen, die sich Illusionen hingeben und glauben, jemand anderer zu sein, als sie tatsächlich sind. Der Mensch aber, der um sich weiß, kann seine Fähigkeiten voll und ganz ausschöpfen. Die anderen nicht. Die bleiben auf halber Strecke liegen.

Wenn die Situation, das Unternehmen oder die Position nicht zu uns und unseren Lebensmotiven passen, kann dies eine Zeitlang gut gehen. Doch am Ende gibt es nur zwei Entscheidungsmöglichkeiten. Entweder wir ändern die Situation, damit sie zu uns passt oder die Wege trennen sich. Denn wir können genauso wenig unsere Persönlichkeit ändern, wie es Oliver Kahn kann.

Ben Schulz
Autor: Ben Schulz

Ben Schulz ist Sparringspartner für Geschäftsführer und Führungsteams in klein- und mittelständischen Unternehmen, wenn es um deren Strategie und Transformationsprozessen geht. Der Vorstand des Beratungshauses Ben Schulz & Partner AG legt den Schwerpunkt seiner Tätigkeit, gemeinsam mit seinem Team, auf die Schwerpunkte Unternehmensleitbildentwicklung, Kulturwandel, Führungskräfteentwicklung und strategischen Unternehmersparrings, bei denen es um die Steigerung von Perfomance geht.




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