Habt ihr noch alle Latten am Zaun?
Als ich von dem Fall hörte, war mein erster Gedanke unfreundlich. Liebe Führungskräfte, habt ihr noch alle Latten am Zaun? Wer so einen Satz sagt, hat in diesem Moment seine Rolle verlassen.
Ich weiß, wie schnell ein Trigger zündet. Ein Vorwurf trifft einen wunden Punkt, und der Puls übernimmt das Kommando. Das erklärt den Satz. Es entschuldigt ihn mit keinem Wort.
Jede Reaktion im Gespräch zeigt Führungsverhalten. Und Führungsverhalten hat eine Wirkung und einen Preis. Den Preis zahlt das Unternehmen, und zwar selten die Person, die ihn verursacht. Der Betrieb verliert einen Mitarbeiter, den er eingearbeitet hat. Mit ihm geht Wissen, das in keinem Handbuch steht.
Und die Geschichte läuft schneller durch den Betrieb, als ich denken kann. Am nächsten Morgen kennt sie die Frühschicht. Am Mittag kennt sie der Vertrieb. Ab diesem Tag hört jeder die Werte von der Betriebsversammlung mit einem anderen Ohr.
Werte auf Papier kosten nichts
Wie wenig gedruckte Werte bedeuten, zeigt ein berühmter Fall aus den USA. Der Energiekonzern Enron schrieb im Jahr 2000 vier Werte in seinen Geschäftsbericht. Einer davon hieß „Respect“. Darunter stand der Satz: Missbräuchliches und respektloses Verhalten dulden wir nicht.
Zur selben Zeit täuschte die Konzernspitze ihre Anleger mit Bilanztricks. Im Dezember 2001 meldete Enron Insolvenz an. Tausende Beschäftigte verloren ihre Altersvorsorge. Die Werte standen sauber gedruckt im Bericht. An der Spitze hat sie offensichtlich niemand gelebt.
Der Managementautor Patrick Lencioni hat genau diese Werteliste 2002 in der Harvard Business Review zitiert. Seine Folgerung ist unbequem. Werte, die nur auf dem Papier stehen, machen Mitarbeitende zynisch. Und sie kosten das Management seine Glaubwürdigkeit.
Was hat das mit deinem Betrieb zu tun? Dein Unternehmen ist kein Enron. Aber der Mechanismus ist derselbe wie in meinem Praxisfall. Eine Werteliste aufzuschreiben kostet nichts. Ob sie gilt, zeigt sich erst im Konflikt, wenn eine Führungskraft unter Druck steht. Dort entscheidet ein einziger Satz, ob deine Leute euren Werten weiter glauben.
Wo früher ein Handschlag galt
Früher galt im Mittelstand „Ein Mann, ein Wort“. Ein Handschlag ersetzte manchen Vertrag. Heute erlebe ich in vielen Betrieben eine andere Währung. Zusagen bleiben vage, und Verantwortung wandert nach oben oder zur Seite. Dahinter steckt oft Gefälligkeit, gepaart mit Angst vor Festlegung. Auf dem Plakat im Flur steht Wertschätzung. Im Kalender steht das dritte verschobene Mitarbeitergespräch. Beides sehen deine Leute jeden Tag.
Das Muster ist dasselbe wie beim Satz im Konfliktgespräch. Gesagt wird, was den Moment rettet. Gehalten wird, was gerade bequem ist.
Konsequente Inkonsequenz
Jetzt kommt der eigentliche Skandal. Er liegt in der Woche nach der Kündigung. Was passiert mit der Führungskraft? In vielen Unternehmen passiert ehrlicherweise gar nichts. Es gibt ein Gespräch unter vier Augen, danach geht der Alltag weiter.
Damit hat das Unternehmen seine zweite Aussage zu seinen Werten gemacht. Und die zweite Aussage wiegt schwerer als die erste. So wird konsequente Inkonsequenz kultiviert. Sie bleibt folgenlos, und genau deshalb wächst sie.
Unser Whitepaper „Führungskultur: Der Realitätscheck für den Mittelstand“ setzt hier die 24-Stunden-Konsequenz an. Innerhalb eines Tages muss eine erste Handlung für andere sichtbar werden. Eine private Absicht reicht dafür nicht.
Im konkreten Fall heißt das zweierlei. Die Führungskraft nimmt den Satz vor dem Team sichtbar zurück. Sie erklärt, was sie daraus für ihr eigenes Verhalten ableitet. Und die Geschäftsleitung benennt im Führungskreis offen die Grenze, die ab sofort gilt. Wer diese Grenze erneut überschreitet, kennt die Folge vorher. Genau so wird aus einer Folie wieder ein Versprechen.
Wer seine Emotionen nicht führt
In „Führungskräfte als Hoffnungsträger“ beschreibe ich auf Seite 47 Selbstführung auf vier Ebenen. Gemeint sind kognitive, emotionale, körperliche Steuerung und das eigene Verhalten. Wer seine Emotionen nicht führt, wird von ihnen gelenkt. Der Satz über die Werte war genau so ein Moment.
Ich schreibe das ohne erhobenen Zeigefinger. Ich kenne Gespräche, in denen mir der falsche Satz schon auf der Zunge lag. Der Unterschied liegt in den zwei Sekunden davor. Wer seinen Zustand kennt, gewinnt diese zwei Sekunden.
Genau hier setzt das Führungsprinzip Hope & Trust Leadership an. Vertrauen entsteht in schwierigen Situationen. Mitarbeitende beobachten, wie Führung mit Widerspruch umgeht. Hoffnung entsteht, wenn sie dabei erleben, dass Werte auch unter Druck gelten.
Vor dem nächsten schwierigen Gespräch kannst du den Ernstfall mit Leadership Partner AI durchspielen. Unser KI-Sparringspartner hilft dir, deinen Satz zu finden, bevor dein Puls ihn findet.
Ich komme zu dir in den Betrieb
Führungskräfteentwicklung beginnt dort, wo es unangenehm wird. Bei der Frage, welches Verhalten in deinem Führungskreis folgenlos bleibt. Und bei der Frage, wer im Ernstfall die Konsequenz trägt.
Wenn du darüber sprechen willst, komme ich zu dir. Ich komme mit dem Motorrad in dein Unternehmen, auf einen Kaffee. Ein ehrliches Gespräch über das, was in deiner Führung gerade wirklich zählt. Schreib mir, dann finden wir einen Termin.
Welcher Satz aus deinem Führungskreis widerspricht gerade euren Werten, und wer hat darauf reagiert?