Preis in der Hand, Blick auf einen Schandfleck

Drei Tage Berlin liegen hinter mir. Ich sitze im Auto mit Alex zurück nach Hessen und spüre zwei Dinge gleichzeitig. Stolz. Und Ernüchterung. Ein seltsamer Mix, der mich seit Freitagabend nicht loslässt.

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Der Stolz kam zuerst. Der Moment, in dem wir für unseren Leitbild-Profiler den Preis „Innovator 2025“ entgegengenommen haben. Ein Preis für ein Instrument, das wir im Mittelstand einsetzen, damit Leitbilder nicht im Marketing verstauben, sondern in Führungsteams und Belegschaften wirken. Ich stand auf dieser Bühne, blickte in den Saal und dachte: Ja, es geht. Ja, der Mittelstand hat Zukunft. Und ja, Hoffnung lässt sich messen, gestalten und leben.

Doch am nächsten Tag schlug der zweite Gedanke zu.

Wir saßen an Deck eines Schiffes, das langsam über die Spree fuhr. Unternehmer aus ganz Deutschland an Bord. Gute Gespräche. Klarer Blick. Und mittendrin diese Frage: Wie erleben wir die Stimmung im deutschen Mittelstand?

Ich hörte vieles, was ich längst weiß. Innovationskraft? Riesig. Kompetenz? Ohne Ende. Aber die Ernüchterung stand den meisten ins Gesicht geschrieben. Wir agieren zu langsam. Wir ersticken Initiative in Formularen. Und unsere Mentalität? Sobald ein Licht am Ende des Tunnels auftaucht, verlängern wir den Tunnel. Ich merkte, wie mir das auf den Magen schlug.

Dann drehte das Schiff Richtung Regierungsviertel. Die Glaskuppel des Bundestags glitzerte in der Sonne. Und während ich dorthin sah, schoss mir ein Gedanke in den Kopf, der mich selbst erschreckt hat: Was für ein Schandfleck. Ein Haus voller Arroganz und Ignoranz, wenn man sich die politischen Debatten und Entscheidungen der letzten Monate anschaut. Ein Ort, der Hoffnung spenden sollte, aber oft das Gegenteil tut.

Ich spürte, die Stimmung an Bord. Viele nickten. Manche schauten weg. Und in mir wuchs diese Frage, die mich seit Jahren begleitet: Wer gibt diesem Land eigentlich noch Orientierung? Wer zeigt Führung – echte Führung?

Ich sprach mit Prof. Dr. Dr. Hermann Simon. Ein Mann, der in wirtschaftlichen Fragen kein Wort zu viel sagt. Wir sprachen über Mission Leadership. Über Verantwortung. Über Klarheit. In seinem Buch „Simon sagt!“ formuliert er es glasklar: Führung braucht Vertrauen. Nicht blind. Nicht misstrauisch. Sondern in Balance.

Ich konnte ihm nur zustimmen. Hoffnung und Vertrauen sind die emotionalen Treiber jeder wirksamen Führung. Doch Hoffnung allein reicht niemals. Hoffnung ohne Konsequenz ist ein Trostpflaster. Hoffnung ohne Strategie ist Selbstbetrug. Oder wie ich es in meinem Buch „Führungskräfte als Hoffnungsträger“ auf Seite 25 formuliere: Hoffnung ist ein Motor. Aber nur ein Motor, der mit Klarheit getankt wird, bringt dich nach vorne.

Als wir weiter die Spree entlangfuhren, wurde mir bewusst, wie sehr uns dieses Land nach Führung hungern lässt. Nach mutigen Menschen, die Entscheidungen treffen, statt politische Nebelkerzen zu werfen. Nach Geschäftsführern und Führungskräften, die die Dinge anpacken und nicht wegdelegieren. Nach Teams, die wieder aneinander glauben. Nach einem Mittelstand, der sich nicht kleinmachen lässt.

Und ich merkte: Meine eigene Ernüchterung kam nicht von außen. Sie kam aus mir.

Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie auch ich zweifle. Wie ich mich frage, ob sich all dieser Einsatz lohnt. Ob Unternehmen wirklich bereit sind, ihre Führungskultur zu verändern. Ob das Führungsprinzip Hope & Trust Leadership wirklich verstanden wird oder nur nett klingt. Es gibt Tage, da frage ich mich, ob wir überhaupt noch genug Mut aufbringen, um dieses Land nach vorne zu führen.

Doch dann erlebe ich Momente in Berlin. Gespräche, in denen Menschen ehrlich werden. Manager, die zugeben, dass sie sich oft überfordert fühlen. Teams, die spüren, dass ihnen Orientierung fehlt. Und dann sehe ich wieder das, worum es wirklich geht: Hoffnung ist kein Zustand. Hoffnung ist Arbeit.

Und Führung erst recht.

Führung heißt, das eigene Denken zu sortieren, bevor man andere sortieren will. Führung heißt, Entscheidungen zu treffen, obwohl die Lage unklar ist. Führung heißt, Vertrauen vorzuleben – auch wenn man selbst am liebsten davonlaufen würde. Führung heißt, im eigenen Einflussbereich anzufangen, statt auf bessere Rahmenbedingungen zu warten. Genau darüber schreibe ich im Kapitel „Hoffnungsträger fokussieren sich auf ihren Einflussbereich“ (S. 34): Der Horizont wird erst sichtbar, wenn du den Blick wieder hebst.

Vielleicht ist das der Kern dieses Wochenendes: Du kannst einen Preis in der Hand halten und gleichzeitig Zweifel im Bauch haben. Beides gehört dazu. Beides macht echte Führung aus.

Also ja, wir haben viel aufzuräumen. Bürokratie, Mentalität, Tempo. Doch bevor wir die Welt reparieren, müssen wir anfangen, uns selbst zu führen. Wir brauchen Führungsteams, die aus der Komfortzone rauskommen und in die Komm-vor-Zone gehen. Wir brauchen Geschäftsführer, die wieder Verantwortung übernehmen. Und wir brauchen Hoffnungsträger, die das Feuer in ihren Unternehmen neu entfachen.

Und genau deshalb formuliere ich es bewusst provokant:

Hoffnung ist keine Strategie. Aber ohne Hoffnung hast du keine Chance auf eine.

Wenn wir im deutschen Mittelstand etwas bewegen wollen, dann jetzt. Mit Mut. Mit Klarheit. Mit Haltung. Und mit einem Führungsverständnis, das nicht auf Kontrolle, sondern auf Vertrauen baut.

Das Führungsprinzip Hope & Trust Leadership ist dafür kein Wohlfühlkonzept. Es ist ein Auftrag.

Also lass uns kämpfen. Dafür, dass Mission Hoffnung im Mittelstand wieder erlebbar wird.

Nicht irgendwann. Jetzt.

Ben Schulz
Autor: Ben Schulz

Ben Schulz ist Unternehmer, Autor, Redner und Consultant für Geschäftsführer und Führungsteams in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Der Vorstand des Unternehmensberatung Ben Schulz & Partner AG legt den Schwerpunkt seiner Tätigkeit, gemeinsam mit seinem Team, auf die Schwerpunkte Unternehmensleitbildentwicklung, Kulturwandel, Führungskräfteentwicklung und strategischen Unternehmersparrings, bei denen es um die Steigerung von Perfomance geht.

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