Die Flucht vor sich selbst
Führungskräfte sind Meister darin, sich zu beschäftigen. Sitzungen, Mails, Zahlen, Präsentationen – irgendwas findet sich immer. Die Arbeit ist nicht nur Aufgabe, sie ist Alibi. Sie schützt davor, sich die eigenen Fragen zu stellen: Wer bin ich ohne Job? Was bleibt von mir, wenn die To-do-Liste leer ist? Viele halten diese Begegnung mit sich selbst kaum aus. Also suchen sie den nächsten Reiz, den nächsten Termin, den nächsten Konflikt, den sie lösen können.
In meinen Beratungen spreche ich oft von dieser inneren Leere. Es ist die Angst vor Sinnlosigkeit. Die Angst, dass hinter der glänzenden Fassade aus Leistung und Verantwortung ein Vakuum wartet. Und genau deswegen rennen so viele immer schneller.
Arbeit als Droge
Wir nennen es Workaholismus, aber eigentlich ist es eine Flucht. Arbeit als Betäubungsmittel. Ohne sie kommt das Zittern, das innere Rauschen, die Unruhe. Die Psychologen beschreiben das als „Productivity Anxiety“. Das schlechte Gewissen, wenn man mal nichts tut. Für viele von euch klingt das vertraut, oder? Wochenende, Urlaub – und plötzlich fühlt ihr euch mies. Statt Entspannung kommt Leere. Manche werden sogar krank, wenn der Körper endlich runterfährt. Leisure Sickness nennt man das. Kopfschmerzen, Müdigkeit, depressive Verstimmungen. Das Tragische: Viele glauben dann, sie müssten noch härter arbeiten. Dabei steckt die Ursache tiefer.
Angst vor Bedeutungslosigkeit
Die Identität hängt oft am Job. „Geschäftsführer“, „Bereichsleiter“, „Inhaber“. Ein Titel ersetzt das eigene Ich. Fällt der Arbeitsdruck weg, bricht das Selbstwertgefühl mit. Ich erinnere mich an ein Kapitel in meinem Buch Führungskräfte als Hoffnungsträger (S. 22ff.), in dem ich die Hoffnungslosigkeit in Führungsetagen beschreibe. Genau hier wurzelt sie: im fehlenden Fundament jenseits der Funktion. Wenn du dich nur über Leistung definierst, wird jeder freie Moment zum Abgrund.
Die Erschöpfung als Normalzustand
Aktuelle Studien sind ein Alarmsignal: 62 % der Führungskräfte fühlen sich erschöpft. Überlange Arbeitszeiten, fehlende Pausen, permanenter Erwartungsdruck. Viele kommen aus der Erschöpfung gar nicht mehr raus. Und weil sie keine Selbstführung praktizieren, reißen sie ihr Umfeld gleich mit hinein. Überarbeitete Chefs senden Signale der Orientierungslosigkeit – und genau das spüren die Mitarbeitenden. Die Folge: Unzufriedenheit, Rückzug, Zynismus.
Hoffnung als Führungsaufgabe
Selbstführsorge ist kein Wellness-Thema, sondern strategische Pflicht. Aber sie beginnt nicht bei Methoden, sondern bei Haltung. „Bounce Forward“ statt „Bounce Back“. Also nicht zurück in alte Muster, sondern vorwärts in eine neue Art zu führen. Dazu gehört die Fähigkeit, Stille auszuhalten. Den eigenen Schatten anzusehen. Und Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst, nicht nur für das Unternehmen.
In meinem Buch schreibe ich: „Hoffnung ist kein Gefühl, sie ist eine Entscheidung.“ (S. 78). Wer führen will, muss lernen, Hoffnung aktiv zu gestalten – zuerst für sich, dann für andere.
Die bittere Wahrheit
Viele Führungskräfte wollen Orientierung geben, haben aber selbst keine. Sie hoffen, dass der nächste Marktaufschwung oder die nächste Strategie Klarheit bringt. Doch Klarheit entsteht innen, nicht außen. Wer als Geschäftsführer seinen eigenen Sinn nicht kennt, wird ihn im Unternehmen auch nicht stiften. Und ja, das ist unbequem. Es bedeutet, sich die Frage zu stellen: Was bleibt von mir, wenn morgen alles wegfällt? Habe ich mehr zu geben als Zahlen und Pläne?
Selbstführsorge ist kein Luxus
Ich spreche oft von den „fünf Ebenen der Selbstführsorge“: Körper, Geist, Emotion, Seele, Beziehungen. Viele von euch kümmern sich vielleicht um eins davon – meistens um den Kopf, selten um den Rest. Doch erst wenn alle Ebenen im Gleichgewicht sind, entsteht echte Vitalität.
Die Übung, die ich eingangs beschrieben habe, ist banal. Zwei Fragen, dreißig Minuten Ruhe. Und doch zeigt sie erbarmungslos: Viele können sich selbst nicht mehr aushalten. Das ist ein Warnsignal, kein Nebenschauplatz.
Meine Einladung an dich:
Wenn du Führungskraft bist, dann nimm dir heute bewusst eine halbe Stunde. Kein Handy. Kein Gespräch. Nur du. Schreib dir zwei Fragen auf: „Wer bin ich ohne meine Rolle?“ und „Wofür will ich stehen, wenn keiner hinschaut?“ Dann bleib sitzen. Auch wenn es wehtut. Gerade wenn es wehtut. Denn genau da beginnt Entwicklung.
PS: Meine Frau und ich werden morgen erst mal für 2 Wochen in den Urlaub gehen und ja das oben beschriebene Thema kenne ich sehr gut.